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Aus: Ausgabe vom 11.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Unterwegs

Die Schweiz ist frei!

Von Jörg Werner
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Hier wird erst gar nicht »ausgepreist«: Für Thun braucht man einen dicken Geldbeutel

Also nix wie hin! Spürbar gestärkt durch eine Covid­impfung (selbstredend mit dem guten Stoff) steuere ich gegen 6.30 Uhr morgens auf die Landesgrenze zu, die Maske griffbereit am Rückspiegel, den leuchtend gelben Impfpass auf dem Armaturenbrett. Dass der Zugang ins Land der Eidgenossen nicht einfach wird, darüber mache ich mir keine Illusionen – und gerade deshalb bin ich fassungslos: kein Grenzpersonal, keine Fragen, keine Kontrolle. Urplötzlich bin ich drin, einfach so! Die Schweizer Verkehrsschilder bürgen dafür. Ich trete moderat aufs Gaspedal, und das Durcheinander der konfusen Warnrufe von Jens Spahn, des RKI und des ADAC verhallt hinter mir.

Der Name »Thun« auf dem Wegweiser klingt mir nach Einheimischem. Ich biege ab und lande in einer Miniaturausgabe des saturierten Luzern. Große, handgeschriebene Tafeln schmücken die Restaurants und Biergärten. »Wir haben geöffnet!« rufen sie mir zu und meinen damit ihre Außengastronomie. Davor und mittendrin scheint es hier jedem freigestellt, ob er gegen das Maskengebot oder lieber gegen das Vermummungsverbot verstoßen möchte. Wer jetzt nach der überstandenen ökonomischen Dürre auf preisgünstige Angebote der Restaurants oder gar der Hotellerie spekuliert (für Tucholsky seit je das mentalitätsprägende ­Gewerbe im Ländli), hat die Gesetzmäßigkeit auch dieser Volkswirtschaft aber gründlich missverstanden. Und die zehn Prozent Umrechnungsdifferenz zwischen Franken und Euro machen die Preise natürlich nur für gutgläubige Dummies bezahlbarer. Deshalb wird hier häufig auch gar nicht erst »ausgepreist«. Mit meiner Maske vor Identifikation geschützt, gelingt es mir aber wenigstens, einem räuberischen Geldautomaten in letzter Sekunde sein Geschäft zu vermasseln. Der hatte zuvor ausgeplaudert, dass er sich von den vier Prozent jedes bei ihm abgehobenen Betrages eine goldene Nase anschaffen werde. Wenn das seine deutschen Kollegen erfahren …

Ein Ausstellungsplakat in Schwarz und Weiß mit der Aufschrift »Kapitalismus« hält dagegen und fasst die wichtigsten Informationen über die Vermögensverteilung zwischen den Eidgenossinnen und Eidgenossen zusammen. Selbst im satten Luzern sind immerhin 7,2 Prozent der Bevölkerung von Armut »betroffen«. Und neue Zahlen zeigen, dass »jeder achte in der Schweiz kaum über die Runden kommt. Bei Personen ab 65 Jahren in der Schweiz lag die absolute Armutsquote im Jahr 2019 bei 17,2 Prozent, d. h. dieser Bevölkerungsanteil verfügte nicht über die finanziellen Mittel, um am normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen« (Swissinfo.de, ­Februar 2021). Erstaunlich, die politische Einordnung dieses eindeutig ungenossenschaftlichen Trends: »Wenn es vielen Menschen wirtschaftlich schlecht geht, ist das gefährlich, wie der Aufstieg der Nationalsozialisten während der Weltwirtschaftskrise und weitere Beispiele aus der Geschichte zeigen«, textet eine Schweizer Internetseite. Und auch das Kontraplakat der Impfgegner, das sogar das kleine Städtchen Wilderswil oberhalb von Interlaken aufrührt, macht klar, dass der Gipfel politischen Geschehens hier nicht etwa »Almauftrieb« heißt.

Von hier aus ist der Blick atemberaubend frei in eine gigantische hohle Gasse. Das dort müssen sie also sein, die Fast-Viertausender der Berner Alpen mit den Namen Eiger, Mönch und Jungfrau, nach oben hin gerahmt von einer dichten Wolkenschicht. Sie gehören zu den Bergsteigerlegenden und -phantasien und geben – glaubt man Reiseführern und Luis Trenker – den ewigen Maßstab für das, was Mensch als Schicksal empfindet. Ganz in diesem Sinne soll dort auch noch ein Gletscherrest zu betrauern sein.

Noch während ich die Riesenpostkarte bestaune, beschließt die oben lagernde Wolkenschicht, mir einen Gefallen zu tun und sich in blauen Dunst aufzulösen. Und plötzlich, ich glaub’ es kaum, geben die Wolken die Sicht auf ein noch weit größeres schneebedecktes Getürm dahinter frei, das die eben noch bewunderte Bergkette um gut das Doppelte überragt. Ach du liebe Güte, dann waren das ja gar nicht die drei Berglegenden! Erst jetzt darf ich also vom wahren alpinen Trio infernale ergriffen sein.

Allein an der 1.800 Meter hohen, fast senkrechten Nordwand des Eiger haben zahlreiche hartgesottene Bergbesteiger ihr Leben gelassen, nicht zuletzt auch ungezählte Ganoven aus Bond- und Kriegsfilmen. Bergluft macht frei, O. K. Aber man muss dabei auch bei Verstand bleiben. Kein Wunder, dass der körperlich wie geistig nur durchschnittlich entwickelte deutsche »GröFaZ« 1936 dem Erstbesteiger dieser Mordswand eine Goldmedaille versprach. Und dass es im kollektiven Gedächtnis aller Bergfilmfans eingegraben ist, wie der »reinrassige« Trenker-Luis an sich selbst zuletzt denkt (NSDAP-Eintritt 1940) und in der Bergwand seiner leicht bekleideten, blonden Begleiterin gegen eisigen Sturm und Schnee das Jackett überlässt. Das war aber tatsächlich ein Film.

Der Wolkenvorhang weiß, dass er mit dieser realen Attraktion sparsam umgehen muss, macht umgehend wieder dicht und »berieselt« statt dessen alle touristischen Gaffer nach dem Vorbild der Dresdener Wasserwerfereinheit: eher wenig, auf keinen Fall zu viel. Das gilt durchaus auch für eventuelle Aufenthalte im Eidgenössischen.

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