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Aus: Ausgabe vom 11.06.2021, Seite 5 / Inland
Spontane Solidarität

Wilder Streik bei »Gorillas«

Nach fristloser Kündigung von Kollegen legen Fahrradkuriere Arbeit nieder und blockieren Lager in Berlin
Von Simon Zamora Martin
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Blockiertes Warenlager: Gorillas-Kuriere streiken für ihren Kollegen und für bessere Arbeitsbedingungen (Berlin, 10.6.2021)

Zum Ende seiner Schicht am Mittwoch morgen erwartete Santiago eine Frau auf dem Gehweg vor dem Lager des Lieferdienstes Gorillas am »Checkpoint Charly« in Berlin. »Ohne sich vorzustellen, teilte sie mir mit, dass ich mit sofortiger Wirkung entlassen sei«, sagte der Kurierfahrer gegenüber jW. So unerwartet wie die Entlassung war auch die Reaktion seiner Kollegen: Aus Protest legten sie spontan die Arbeit nieder. Keine drei Stunden später standen knapp 70 Gorillas-Beschäftige aus verschiedenen Schichten und Standorten vor dem Lager in der Charlottenstraße und forderten das Unternehmen auf, den Dienst einzustellen. Eine kurze Abstimmung per Handzeichen, und die Fahrräder wurden vor dem Lager zur Barrikade.

»Ja, ich bin heute morgen 40 Minuten zu spät gekommen«, bestätigte Santiago gegenüber jW. »Darüber hatte ich aber zuvor mit dem Rider-Op gesprochen.« Rider-Ops sind die Schichtleiter der Fahrradkuriere. Weder dieser noch seine Chefin konnten ihm sagen, wie viele Fehltritte er gemacht hätte. Laut Angaben von Kollegen wäre Santiago sogar ganz oben im Ranking der besten Rider gewesen. Sie verstehen Santiagos Kündigung als Drohung an alle Beschäftigten: In der viel zu langen Probezeit braucht es keine Gründe für Entlassungen.

Um die Situation zu entschärfen, entschied der verantwortliche Manager von Gorillas bei der Blockade des Lagers »Charly«, den Betrieb vorzeitig einzustellen und mit den Beschäftigten zu sprechen: »Wir haben verschiedene negative Feedbacks bekommen, die darauf hindeuteten, dass Gorillas nicht das richtige Unternehmen für ihn ist. Deshalb haben wir uns entschieden, das Arbeitsverhältnis sofort zu beenden.« Von wem die negativen Feedbacks kamen, sagte der Manager nicht. Ein aufgebrachter Kollege erwiderte: »Warum zählt das Feedback eines Geistes mehr als das Feedback von uns, die tagtäglich mit Santiago zusammenarbeiten?« Außer in Erwägung zu ziehen, die Kündigung rückgängig zu machen, gab es keine Lösungsvorschläge von seiten des Unternehmens.

Weil eine Antwort auf ihre Forderung ausblieb, entschlossen sich die Beschäftigten, den Kampf auszuweiten. Am Abend zogen sie im Fahrradkonvoi weiter, um mit etwa 100 Personen das Lager in Berlin-Mitte zu blockieren. Der Kampf weitete sich aus: Am Abend ging es nicht mehr nur um die Entlassung von Santiago, sondern bereits um die Abschaffung der sechsmonatigen Probezeit bei Gorillas. Außerdem dürfe es keine Entlassungen mehr ohne Abmahnungen geben. In Mitte reagierte das Management jedoch wenig wohlwollend und rief die Polizei, die mit etwa 50 Einsatzkräften anrückte. Trotzdem stellte Gorillas eine Stunde vor Ladenschluss den Betrieb ein. Am Donnerstag wurden die Streiks und Blockaden am Standort Prenzlauer Berg fortgesetzt.

Bereits im Februar war es während des harten Wintereinbruches im Lager »Charly« zu spontanen Arbeitsniederlegungen gekommen, die sich über die gesamte Stadt ausweiteten. Nach diesen wilden Streiks organisierte sich eine Gruppe von Beschäftigten im »Gorilla Workers Collectiv« und leitete vergangene Woche mit einer Betriebsversammlung die Wahl eines Betriebsrates ein.

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