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Aus: Ausgabe vom 10.06.2021, Seite 16 / Sport
Breitensport

Sisyphos in der Lausitz

Aus dem Alltag eines Marathonveranstalters
Von Andreas Müller
Hans-Joachim Weidner
Der Luftraum bleibt unberührt. Sisyphos Hans-Joachim Weidner bei Ruhepause im Gebirge

Hans-Joachim Weidner in Hohenbocka, unmittelbar an der brandenburgisch-sächsischen Landesgrenze, ist nicht zu beneiden. Schon seit Wochen wickelt der 63jährige Chef des Lausitzer Sportevents e. V. den »Spreewald-Marathon« ab, den er Mitte April schweren Herzens wie schon im Vorjahr der Pandemie opfern musste – und damit zum zweiten Mal in Folge etwa 3,8 Millionen Euro an »Wertschöpfung« für die Region.

Es wäre die 19. Auflage der größten sportlichen Veranstaltung in Brandenburg gewesen. Normalerweise sind 15.000 Teilnehmer auf fast 50 verschiedenen Strecken unterwegs – vom »Minigurkenlauf« für die Kleinsten bis zum Seniorenwalk. »Das Marathonwochenende ist immer ein richtiges Familienfest«, schwärmte der Macher. So beliebt ist dieses Ereignis, dass es trotz strikter Coronaauflagen penibel vorbereitet wurde. Tausende »Stammkunden« aus dem gesamten Bundesgebiet hatten sich darauf gefreut und dafür optimistisch angemeldet. Nun gilt es, in mühseliger Kleinarbeit sämtliche Vorabüberweisungen zurückzuzahlen.

Licht an, Licht aus

Mit Sisyphosarbeit kennt sich Hans-Joachim Weidner bestens aus. Sisyphos könnte sein zweiter Vorname sein. Schon lange vor der Pandemie machte er Bekanntschaft mit allen möglichen Ämtern, Regeln und bürokratischen Schlingen, die sich praktisch alle Nase lang ändern. Bei der Premiere des »Spreewald-Marathons« im Jahre 2003 genügten noch 20 Seiten Papier für offizielle Anträge. Inzwischen erfordert das Genehmigungsverfahren locker 1.000 Seiten. Drei Landkreise sind mit von der Partie, von denen jeder einzelne jeweils acht Ämter »samt Anhang« einschaltet. »Insgesamt haben wir es da mit 45 Behörden zu tun«, berichtet Hans-Joachim Weidner gegenüber jW und legt Korrespondenzen in einem Umfang vor, als hätte er rund um den Lausitzring Olympische Spiele organisieren wollen.

Mit der Bürokratie sei es, sagt er, »vor allem nach der Loveparade 2010 in Duisburg immer schlimmer geworden.« Damals kamen 21 Menschen zu Tode und über 650 Besucher wurden verletzt. Schon ein paar Jährchen vorher begann ihn der Bund mit der »Verordnung gegen die übermäßige Nutzung von Kreis-, Landes- und Bundesstraßen durch Sportveranstaltungen« zu gängeln. Bei den von Weidner organisierten Events für Läufer, Walker, Wanderer oder Skater wurden Strecken, bei denen auch nur kleine asphaltierte Straßen oder Flächen gequert wurden, unmöglich.

»Wir konnten plötzlich hier nicht mal mehr über unseren Dorfplatz rennen.« Im besten Fall gelang es, Strecken aufwendig zu verlegen, im schlechtesten endete es mit dem Wegfall mancher beliebter Sportveranstaltung. Die Verordnung sorgte nicht nur in der Lausitz für das Aus mehrerer Breitensportereignisse. Auch die Radtouren im sächsischen Heidenau, in Freiberg und Hainichen sind dieser Verordnung zum Opfer gefallen.

Manchmal fragt sich Hans-Joachim Weidner, woher er ob so vieler Behinderungen noch seinen Elan nimmt und denkt an unkompliziertere Zeiten zurück, als er sich unter dem Dach der Betriebssportgemeinschaft (BSG) »Aktivist« ehrenamtlich die ersten Meriten als Organisator erwarb. Seinen Erstling »Start Sonnenaufgang – Ziel Sonnenuntergang« rief er 1976 mit 78 Läufern und einem Kurs rund um Schipkau ins Leben. »Wir haben es in den Dezember auf den kürzesten Tag des Jahres gelegt, wir wollten es ja nicht ganz so schwer machen.« Ein Jahr später feierte der »Lausitz-Marathon« seine Premiere mit 42,195 Kilometern durch den Landkreis Senftenberg. Kurzzeitig war sogar eine Autobahnauffahrt gesperrt worden, damit der Läuferpulk passieren konnte. Ämter und Behörden hätten den Marathonfreunden buchstäblich freien Lauf gelassen, erinnert sich der Mann, der nun Sportevents im Hauptberuf organisiert und sich mit professioneller Zeitmesstechnik ein zweites Standbein geschaffen hat.

»Was damals ging, wäre heutzutage undenkbar. Und vor allem: Jedes zusätzliche Schild, jede neue Auflage kostet Geld«, so der rührige Lausitzer. Er hat noch ein paar weitere Schmankerl aus seinem Alltag zu bieten. Etwa seinen Nachtlauf in Lübben, für dessen Premiere 2013 das Ordnungsamt anordnete: Wegen Verletzungsgefahr für die Teilnehmer unbedingt alle zu benutzenden Brücken über die Kanäle und Verzweigungen der Spree ausreichend beleuchten! Die untere Naturschutzbehörde forderte indessen: Licht aus! Nach längerem Streit folgte ein Kompromiss. Es dürfe nur Beleuchtung in einer genau definierten Wellenlänge eingesetzt werden.

Regeln des Parcours

Schräg ist ebenfalls, was er vom Halbmarathon durchs Biosphärenreservat Spreewald berichtet, der 17mal ohne Vorkommnisse stattfinden durfte, ehe der Amtsschimmel zu wiehern begann. Bitte über diese 21-Kilometer-Distanz nur noch die Läufer einladen, so die aktualisierte amtliche Aufforderung. Wanderer sind inzwischen nicht mehr zugelassen, weil sie nach Auffassung der Behörden zu langsam unterwegs sind – und eben darum die Vogelbrut stören. Darüber kann Organisationschef Weidner nicht lachen, über die vorjährige Episode beim Sommerevent »Lausitzer Seenland 100« inzwischen allerdings schon. Der Start war bis zur letzten Minute ungewiss, weil noch grünes Licht von der regionalen Luftrettung fehlte. Kurzerhand versicherte Weidner, dass bei dieser Veranstaltung der Luftraum garantiert unberührt bleibe. Dieser Hinweise überzeugte.

Mit der Pandemie seien insbesondere die Hygieneauflagen noch diffiziler geworden, zumal jeder Amtsleiter praktisch die Regeln selbst bestimmen könne. Verpflegungsstände, wie sie bei größeren Strecken immer dazugehörten und bei Weidners Events durchaus 40 verschiedene Torten anboten, könnte es bald nicht mehr geben. »Am liebsten hätten es die Ämter, wenn die Leute alles in Rucksäcke packen und damit laufen«, erzählt Hans-Joachim Weidner, findet aber zu den Regeln des bürokratischen Hindernisparcours doch noch eine erfreuliche Ausnahme. Sein Lob gilt dem Staatsforst als Unterstützer des »Schneeglöckchenlaufs«, an dem seit 2008 alljährlich im März über dreitausend Wanderer, Läufer und Walker teilnehmen. Zumeist durch den Wald, entlang der Königsbrücker Heide, geht’s parallel zur Autobahn 13 vom »Dreieck Spreewald« bis vor die Tore von Dresden. »Da muss man vorher nicht erst bei Dutzenden Grundstücksbesitzern anfragen. Mit dem Staatsforst gibt es dort nur einen einzigen Ansprechpartner, und die Behörde lässt bei Sturmschäden sogar aus eigenen Stücken die Wege freiräumen«, so Weidner.

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