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Aus: Ausgabe vom 10.06.2021, Seite 15 / Medien
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Platine statt Print

Taz könnte gedruckte Tageszeitung einstellen. Warnung vor rein digitalem Modell
Von Kristian Stemmler
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Bald Vergangenheit? Immer mehr Blätter – wie die Taz aus Berlin – setzten auf Onlineformate

Ob das Kulturgut Tageszeitung in überlieferter Form noch den 400. Geburtstag im Land seiner Erfinder feiern kann, ist ungewiss. Als erste Tageszeitung weltweit gelten die Einkommenden Zeitungen aus Leipzig, da sie ab dem 1. Juli 1650 an sechs Tagen in der Woche erschienen. Um das halbe Jahrtausend voll zu machen, müsste die Zeitung also noch im Jahr 2050 gedruckt auf dem Küchentisch liegen und nicht nur als Datei auf der Platine von Smartphone oder Tablet gespeichert sein. Angesichts seit Jahrzehnten sinkender Auflagen suchen allerdings immer mehr Verlage ihr Heil in der Verlagerung ins Internet.

Zu den Blättern, die früh auf digitale Angebote gesetzt haben, gehört die Tageszeitung, allgemein nur Taz genannt. Schon im August 2018 behauptete der damalige, inzwischen pensionierte Verlagsgeschäftsführer Karl-Heinz Ruch: »Das Zeitalter der gedruckten Zeitungen ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter.« In nur vier Jahren werde keine tägliche Druckausgabe der Taz mehr produziert. So ganz erfüllt sich seine Prophezeiung wohl nicht, aber die Taz könnte bald »nur« noch eine Wochenzeitung sein – jedenfalls, wenn man einer Mitteilung im Hausblog des Verlags von Mitte Mai Glauben schenkt.

Die Taz stelle sich »für die Zukunft auf, das heißt auch, für eine Zeit nach der gedruckten Tageszeitung«, heißt es da von der Produktentwicklung, einem fünfköpfigen Team, das seit Monaten das Blatt weiterentwickelt. Man arbeite an drei »Zukunftsprodukten«: der App, der Website und der Sonnabendausgabe. An dieser arbeite man intensiv, denn für den Herbst sei »die erste große Veränderung geplant«, so der Text. So solle die Politikberichterstattung in der Taz am Wochenende noch stärker werden. Weiter heißt es im Blog: »Auch für den Wandel zur Wochenzeitung gibt es jetzt einen Zeitplan: Die Einführung ist für den Herbst 2022 geplant.«

Ab dann wird die Taz also nur noch am Wochenende gedruckt vorliegen, ließe sich dem Text entnehmen. Doch so sei das nicht zu verstehen, erklärte Ulrike Winkelmann, eine von drei Chefredakteurinnen des Blattes, am Montag im Gespräch mit jW. Im Blog sei vielleicht »ein bisschen irreführend« formuliert worden. Die Taz werde keine Wochenzeitung. Die für den Herbst 2022 angekündigte Veränderung bedeute nicht, »dass wir dann auch den werktäglichen Druck einstellen«. Die neue Sonnabendausgabe werde vielmehr als »drittes der drei zu relaunchenden Produkte hoffentlich vollendet«. Winkelmann: »Ausdrücklich haben wir die Runderneuerung der drei Produkte vom Termin entkoppelt, an dem wir Montag bis Freitag nicht mehr drucken.« Bevor das geschehe, wolle man den Lesern »Gelegenheit geben, sich für die neuen Aboformen zu erwärmen«.

Zweifellos stehen die Tageszeitungen unter Druck. In 30 Jahren hat sich die verkaufte Auflage hierzulande von über 27 Millionen auf rund 12,5 Millionen Exemplare mehr als halbiert. Mit »veränderten Lesegewohnheiten« wird das meist begründet, vor allem junger Leute, die Zeitungen höchstens noch im Netz läsen. Die nachlassende Beliebtheit der gedruckten Blätter hat aber wohl auch damit zu tun, dass die Inhalte immer beliebiger und austauschbarer werden. Bei der Taz ist zum Beispiel von der klaren Positionierung gegen Krieg und Konzerne nicht mehr viel übriggeblieben. Statt in Qualität und Print zu investieren, wird das Merchandising im Taz-Shop ausgebaut.

Der Medienexperte Klaus Meier von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hat zwar bereits im Frühjahr 2019 das Ende der Printzeitung für etwa das Jahr 2033 vorausgesagt. Gegenüber jW schränkte er am Montag aber ein, dies gelte nur, wenn die Auflagenrückgänge sich ungebremst fortsetzten. Meier verwies auf »die vielen Vorteile der gedruckten Zeitung«. Wenn man sich morgens an den Küchentisch setze, um bei einer Tasse Kaffee in aller Ruhe das abonnierte Blatt zur Hand zu nehmen, sei das für viele immer noch ein besonderer Moment. »Und der Leser entgeht so wenigstens einmal am Tag der Nachrichtenflut, die im Internet über ihn hereinbricht«. Eine Umstellung auf wöchentliches Erscheinen, wie die Taz sie plane, bedeute nicht »die Verkündung goldener Zeiten«. Auch für ein solches Modell benötige man eine ausreichende Zahl von Abonnenten. Für die junge Welt ist die Entscheidung nicht schwer: Sie wird weiterhin sechs Tage in der Woche in gedruckter Form in den Briefkästen und am Kiosk landen.

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Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Harald Möller aus Velbert (13. Juni 2021 um 21:07 Uhr)
    Schön und gut, aber je weniger gedruckte Zeitungen und Zeitschriften es gibt, desto schwieriger wird es sein, eine Druckerei zu finden, die diese Medien dann auch druckt. Vielfach wird ja zum Beispiel von Umweltschützern argumentiert, dass die »Papierflut« schlecht für die Umwelt sei und es deshalb gut sei, dass es weniger gedruckte Medien gäbe. Dem kann ich mich zwar nicht anschliessen, aber falls dies in Zukunft allgemeiner Konsens würde, würde das den Rückzug von Zeitungen und Zeitschriften ins Internet beschleunigen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christel H. aus Aschersleben (10. Juni 2021 um 12:54 Uhr)
    Auch wenn es 2050 noch gedruckte Zeitungen geben sollte, wäre es trotzdem erst der 400. Geburtstag, den man dann feiern könnte.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Philipp S. (14. Juni 2021 um 13:34 Uhr)
      Auch wäre damit die Bezeichnung halbes Jahrtausend (500 Jahre) falsch.
    • Anmerkung der jW-Redaktion (11. Juni 2021 um 18:16 Uhr)
      Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Angabe korrigiert.

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