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Aus: Ausgabe vom 10.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Der proletarische Anteil

Ina Wudtkes Ausstellung »Greif zur Feder« in Berlin macht auf Literatur von Arbeiterinnen und Arbeitern aufmerksam
Von Stefan Ripplinger
Installationsansicht, Ina Wudtke, Greif zur Feder, alpha nova &
Das große Gespräch der Namenlosen: Installationsansicht, Ina Wudtke, »Greif zur Feder« (Alpha Nova & Galerie Futura, 2021)

Eine jede Kunst kennt sich selbst am schlechtesten. Es muss erst eine Nachbarkunst kommen, um ihr zu sagen, wer und was sie ist. Das beweist eine kleine, aber präzis gearbeitete Ausstellung der Konzeptkünstlerin Ina Wudtke. Im Mittelpunkt der Schau steht die Literatur und mit ihr die Frage, wer sie herstellt.

Jahrtausendelang war Literatur im wesentlichen Produkt von Gruppen und Generationen und »Homer« bestenfalls ein Kollektivtitel. Erst das aufkommende Bürgertum und die kapitalistische Wirtschaftsweise wollten einzelne, von allen andern getrennte Produzenten von Werken festlegen. Juristisch drückt sich das im Urheberrecht aus, das in Großbritannien 1710, in Preußen sogar erst 1837 eingeführt wurde. Das Urheberrecht, so existentiell wichtig es für die sonst oft mittellosen Literaturproduzenten ist, bleibt eine unternehmerische Schimäre, weil es einzelne als Alleinverfasser isolieren will. Tatsächlich wird Literatur aus Sprache, die allen gehört, aus Motiven und Interessen, die stets über einzelne hinausreichen, und nicht selten in Gruppen und Kollektiven gemacht. Das Drama, gerade das politisch-revolutionäre, ist nahezu immer Teamwork. Wollte man also das Urheberrecht streng anwenden, müssten über etlichen von Bertolt Brechts Stücken auch die Namen von anderen stehen: Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin etwa.

Wudtke denkt das in ihrer Ausstellung zu Ende, indem sie die Titelseiten von Taschenbuchausgaben der Werke Brechts mit dem Namen von Steffin ergänzt. Anders als John Fuegi (»Brecht & Co.«, 1994) geht es ihr dabei nicht darum, irgendwelche »Lügen« Brechts aufzudecken, sondern auf eine proletarische Mitarbeiterin aufmerksam zu machen. Brechts »kleine Lehrerin« Steffin (1908–1941) stammte aus der kommunistischen Jugendbewegung. Sie half dem Dramatiker nicht nur mit Übersetzungen und dabei, den rechten Ton zu treffen, sondern schrieb in ihrer kurzen Lebenszeit auch in anderem Auftrag und für sich. In der Ausstellung tragen Andrej und David Hermlin in einem Video Steffins »Lied vom Schiffsjungen« (1934) vor: »Als der letzte Fettwanst ersäuft war, / Packten wir Schmalhans beim Kragen, / Mit dem größten Suppenlöffel / Haben wir ihn erschlagen«.

Von Gerhard Wolf als dem idealen Zeitzeugen lässt sich Wudtke dann auf den Bitterfelder Weg führen. Ab 1959 wollte die DDR-Führung mit dieser Initiative schriftstellerische und künstlerische Leistungen der Arbeiterschaft anregen. Die unter der Devise »Greif zur Feder, Kumpel!« schreibenden Zirkel von Arbeiterinnen und Arbeitern bestanden noch bis zum Ende der DDR und teilweise sogar über dieses hinaus, rund 250 Zirkel mit konstant etwa 2.000 bis 2.500 Teilnehmern lassen sich nachweisen. Wudtke hebt nur einige Namen von Anregern und Mitwirkenden heraus: Volker Braun, Willi Bredel, Otto Gotsche … Nicht wenige von ihnen fielen nach 1989 in Ungnade. Der Name Bredels etwa, der ein proletarischer Antifaschist der ersten Stunde war, wurde von Straßenschildern getilgt. Und da wären ja auch die vielen Namenlosen, von denen jeder auf seine Weise an der Literatur webt, die nicht nur eine Textproduktion, sondern auch ein großes Gespräch ist. Ina Wudtke ruft in Erinnerung, was die bürgerliche Fiktion des Einzelwerks und Einzelverfassers verschwinden lässt. Sie zeigt außerdem, dass Literatur durchaus nicht nur auf den »Höhen der Kultur« entsteht, sondern auch in der Hitze des Gefechts oder der Fabrik.

»Greif zur Feder. Eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe über Arbeiterschriftsteller:innen«. Noch bis 12. Juni, Alpha Nova und Galerie Futura, Berlin, Am Flutgraben 3, Mittwoch bis Samstag, 16 bis 19 Uhr, www.galeriefutura.de

Onlinevortrag zur Ausstellung: Nora Sternfeld, »Es lebe die Autor:innenschaft, die allen gehört«, 10.6., 19 Uhr, Anmeldung unter mail@alpha-nova-kulturwerkstatt.de

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