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Aus: Ausgabe vom 10.06.2021, Seite 4 / Inland
Krise in der katholischen Kirche

Firmen und vergessen

Trotz Kritik hält Erzbischof an umstrittener Firmung fest. Vatikansgesandte starten Untersuchungen
Von Kristian Stemmler
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Kritikresistent: Rainer Maria Woelki wollte trotz Protesten von Eltern firmieren (Köln, 4.4.2021)

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, hatte zunächst trotz Protesten an einer Firmung von 17 Jugendlichen in einer Düsseldorfer Gemeinde am Mittwoch festgehalten. Mehr als 140 Mitglieder der Gemeinde St. Margareta hatten Woelki zuvor in einem offenen Brief aufgefordert, wegen seiner Rolle im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche von der Firmung abzusehen. In der Gemeinde sind zwei Pfarrer tätig gewesen, die sexueller Übergriffe verdächtigt werden. Woelki wird vorgeworfen, seine schützende Hand in beiden Fällen zu lange über die Priester gehalten zu haben.

Am Dienstag hatte die Arbeit der sogenannten Apostolischen Visitatoren begonnen. Um die Vorgänge zum Skandal um sexualisierte Gewalt, der das Erzbistum und die katholische Kirche seit Monaten erschüttert, zu untersuchen, waren kürzlich der Stockholmer Bischof Kardinal Anders Arborelius und der Bischof von Rotterdam, Johannes van den Hende, von Papst Franziskus entsandt worden. Erste Gesprächspartner der Visitatoren waren sowohl derzeitige als auch frühere Mitglieder des Betroffenenbeirats. Einige Betroffene hatten den Beirat aus Protest gegen Kardinal Woelki verlassen.

Teilnehmer des Gesprächs äußerten sich hinterher positiv zum Ablauf. Das frühere Beiratsmitglied Patrick Bauer beschrieb die Visitatoren gegenüber der Augsburger Allgemeinen als »wahnsinnig empathisch und uns zugewandt«. Gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) sagte Bauer, die Visitatoren hätten im wesentlichen zugehört. Die Bischöfe hätten nichts kommentiert, aber »zum Beispiel Erstaunen oder Unverständnis signalisiert«. Bauer war Anfang der 80er Jahre als Internatsschüler am Bonner Aloisiuskolleg sexualisierter Gewalt durch einen Jesuitenpater ausgesetzt. Auch das Beiratsmitglied Peter Bringmann-Henselder äußerte sich zufrieden. »Es war nicht so, wie man es jetzt in den Medien gehört hat, dass sie kommen und richten«, sagte er. Die Visitatoren informierten sich, »was ist und was nicht ist«. Bringmann-Henselder durchlebte als Heimkind in Köln sexualisierte Gewalt und Misshandlungen. Es wird damit gerechnet, dass die Visitatoren bis Mitte des Monats in Köln bleiben, um anschließend einen vertraulichen Abschlussbericht für Papst Franziskus zu verfassen.

Zum Beginn der Untersuchung im Erzbistum kritisierten Spitzenvertreter der katholischen Laien Woelki für seinen Aufarbeitungskurs. Dass er im Amt bleibe, zeige, »dass der Kardinal die Lage nicht mehr realistisch einschätzt«, sagte der Vorsitzende des Kölner Katholikenausschusses, Gregor Stiels, dem Kölner Stadtanzeiger (Montagausgabe). »Der Kardinal sitzt einkaserniert in seinem Bischofshaus und nimmt selbst das nicht mehr wahr, was alle ihm sagen«, so Stiels. Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD), Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum, nannte die Visitation »einen entscheidenden Schritt«, auf den dann eine baldige Entscheidung des Papstes folgen müsse.

Unterdessen bringt das Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx die katholische Kirche in neue Schwierigkeiten. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller erklärte, der Schritt könne zu einem akuten Personalproblem führen. Papst Franziskus werde sich »gut überlegen, ob er den Verzicht annimmt«, sagte er gegenüber dpa. Da neben München möglicherweise auch Hamburg und Köln zu besetzen sein würden, stelle sich für Rom grundsätzlich die Frage, »wo die neuen Erzbischöfe überhaupt herkommen sollen«. Die katholische Kirche in Deutschland leide unter einem »eklatanten Mangel an Klerikern, die für das Bischofsamt überhaupt in Frage kommen«.

Marx hatte kürzlich mitgeteilt, sein Amt als Antwort auf den Missbrauchsskandal niederzulegen. Zuvor hatte schon der Hamburger Erzbischof Stefan Heße dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Gutachter werfen ihm Verfehlungen im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt in seiner Zeit als Generalvikar in Köln vor.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus berlin (10. Juni 2021 um 15:09 Uhr)
    Krise? Das ist doch keine Krise - nicht für die Heilige Mutter Kirche. Die haben schon ganz andere Sachen überstanden. Dem Papst den Rücktritt angeboten … heißt gar nichts. Und selbst wenn, bei den Pensionen geht die Party dann erst richtig los.

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