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Aus: Ausgabe vom 09.06.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
»Versöhnungsabkommen«

»Ein Völkermord ist ein Völkermord«

Nachfahren von Herero und Nama in Namibia fordern direkte Mitsprache, klares Schuldbekenntnis und Gruppenreparationen. Ein Gespräch mit Deodat Dirkse
Von Christian Selz, Kapstadt
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Denkmal zur Erinnerung an den Genozid in Windhoek

Die Verbände der traditionellen Autoritäten der Herero und Nama haben das Abkommen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung scharf zurückgewiesen. Was ist problematisch daran?

Es geht in erster Linie gar nicht um das Abkommen. Die Nama Traditional Leaders Association (NTLA) ist der Verband aller registrierten und offiziell anerkannten traditionellen Autoritäten der Nama in Namibia. Wir hatten Gespräche mit Präsident Hage Geingob im Jahr 2017 geführt und ein Folgegespräch für 2019 angefragt. Aber trotzdem haben wir es nicht geschafft, den Präsidenten davon zu überzeugen, uns bei den Verhandlungen mit am Tisch sitzen zu lassen, wie es die Resolution der Nationalversammlung verlangt. Und weil wir nicht Teil der Verhandlungen waren, können wir das Abkommen nicht unterstützen.

In der Stellungnahme des deutschen Außenministers Heiko Maas heißt es: »Vertreter der Gemeinschaften der Herero und Nama waren auf namibischer Seite in die Verhandlungen eng eingebunden.«

Das ist nicht wahr. Es gibt das Gesetz über die traditionellen Autoritäten, das festlegt, wie traditionelle Gemeinden und Volksgruppen repräsentiert werden. Wir haben zehn traditionelle Autoritäten der Nama, die anerkannt sind und die der NTLA angehören. Nicht eine von ihnen war an den Verhandlungen beteiligt. Statt dessen hat die namibische Regierung Leute in den Prozess involviert, die bereits von namibischen Gerichten für schuldig befunden worden sind, weil sie sich unrechtmäßig als Nama-Anführer ausgegeben haben.

Das Abkommen soll nun bei der Bewältigung der Folgen des Völkermords helfen. Wie wirken sich diese im Alltag der Menschen aus?

Sehr stark. Neben den Leben, die ausgelöscht wurden, der Sklaverei und der Zwangsarbeit, und all dem, was man nicht wiedergutmachen kann, wurde das gesamte Great Namaqualand und das Hereroland durch den Enteignungsbefehl vom 26. Dezember 1905 geraubt. Im März 1907 wurde dies noch einmal bestätigt. Diese Enteignungsbefehle sind die wesentlichen Ursachen für die Armut von heute. Den Nama und Herero wurde damit nicht nur ihr gesamtes Land genommen, sondern die Befehle gingen noch weiter: Es wurde auch verfügt, sie zu enteignen und sämtliche bewegliche und nichtbewegliche Besitztümer einzuziehen. Es wurden dann Native Reserves (»Eingeborenenreservate«, jW) geschaffen, die in erster Linie dazu dienten, die Nama und Herero unter Kontrolle zu halten und sicherzustellen, dass sie der Wirtschaft der Kolonialisten als billige Arbeitskräfte dienen mussten. Sobald jemand in den Native Reserves wirtschaftliche Fortschritte machte, wurden neue Regeln und Strafen eingeführt, um dafür zu sorgen, dass niemand dort selbständig seinen Unterhalt verdient. Heute nennen wir diese Native Reserves »Communal Land« (kommunales Land, jW), aber die Charakteristika sind bestehengeblieben.

Deutschland hat nun 1,1 Milliarden Euro für Entwicklungsprojekte insbesondere in Nama- und Herero-Gebieten versprochen. Wie kann das bei der Lösung der Probleme helfen?

Das wird an den Problemen nichts ändern, kein Stück weit. Dasselbe Deutschland wird Ihnen sagen – und Herr Polenz (Ruprecht Polenz, Namibia-Sonderbeauftragter der Bundesregierung, jW) hat diesen Punkt mehrmals angeführt –, dass es seit der Unabhängigkeit Namibias bereits mehr als eine Milliarde Euro beigesteuert hat. Dieses Geld hatte keinerlei Effekt auf die Nama- und Herero-Gemeinden. So, wie ich es jetzt verstehe, sollen lediglich 4,5 Prozent der nun angekündigten Zahlungen in die Nama- und Herero-Gemeinden fließen, aber die restlichen 95,5 Prozent sind für nationale Projekte vorgesehen. Wenn also Ihre erste Milliarde nichts geholfen hat und Sie nun dieselbe Summe wieder an die gleiche Regierung geben, wie erwarten Sie, dass das funktioniert? Was passieren muss: Die Herero und Nama müssen an den Verhandlungstisch, das ist das erste. Und zweitens: Es muss ein Gesetz geschaffen werden, das sich direkt mit den Folgen des Völkermords befasst, ähnlich des Veteranengesetzes (regelt die Renten der Veteranen des Befreiungskampfes gegen die südafrikanischen Besatzer, jW). Wenn es kein solches Gesetz gibt, wird auch diese neuerliche Milliarde Euro genauso ausgegeben werden, wie die vorherige.

Wohin ist das Geld denn in den vergangenen 30 Jahren geflossen?

Das läuft über die Regierung, die es durch die nationale Planungskommission verteilt. Dann gibt es jede Menge Ausschreibungsprozesse, und bis irgend etwas umgesetzt werden soll, ist schon kein Geld mehr übrig. Das Geld wird in den administrativen Prozessen genommen, von Beratern und Planern. Aber nichts Greifbares passiert.

Gibt es denn irgend etwas an dem jetzigen Abkommen, das Sie für gut halten?

Nein, nichts. Es ist ziemlich verstörend, dass nicht einmal der Begriff »Völkermord« in der bestehenden Definition der UNO verwendet wird. Man kann nicht sagen, dass der Völkermord ein »Völkermord aus heutiger Sicht« gewesen sei. Ein Völkermord ist ein Völkermord, egal wann er verübt wurde. Man muss den Begriff korrekt verwenden und das mit Reparationen verbinden. Man kann die Getöteten nicht wieder zum Leben erwecken oder die Zwangsarbeit und Versklavung wiedergutmachen, aber man kann indirekt kompensieren. All das Land, das konfisziert wurde, befindet sich noch in Namibia. Das Vieh und sämtlicher sonstiger Besitz sind zwar weg, aber das kann kompensiert werden. Wir denken dabei nicht unbedingt an Barzahlungen an einzelne, sondern an Gruppenreparationen an die Nama- und Herero-Gruppen, damit sie selbst bestimmen können, was für sie wichtig ist.

Deodat Dirkse ist ­Generalsekretär der Nama Traditional Leaders Association (NTLA)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. ( 8. Juni 2021 um 20:45 Uhr)
    Zweierlei Maßstäbe: Völkermord an Juden und der an Hereros und Nambas werden unterschiedlich »abgehandelt« bzw. »abgewickelt«. Sinti und Roma kennen dies zur Genüge.

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