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Aus: Ausgabe vom 11.06.2021, Seite 16 / Sport
EM-Kolumne

Wider den Russ’

EM objektiv – Mit Belgien durch Europa
Von Jürgen Roth
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»Die ganze Stadt dröhnt und kracht in ihren Fugen von seinen Trinkgelagen!« (Dostojewski)

Heute habe ich (bis jetzt) folgendes gemacht: Ich bin um sechs Uhr aufgestanden. Ich bin rauf ins Wohnzimmer gegangen, habe aus dem Fenster geguckt und »vollkommen begeistert« (Dostojewski) die völlige Sinnlosigkeit allen Menschenwerks betrachtet. Dann habe ich in den »Brüdern Karamasow« weitergelesen und bin auf den viertbesten Satz der Weltliteraturgeschichte gestoßen. Er lautet: »Die ganze Stadt dröhnt und kracht in ihren Fugen von seinen Trinkgelagen!«

Gegen zehn rief ich den Anarchisten M. an (in irgendeiner Sache). Das Gespräch kam auch darauf, dass ich am Abend dem Hessischen Rundfunk ein Interview zum Zustand des Fußballs geben würde. »Hat denn der Fußball überhaupt noch einen Zustand?« sagte oder fragte der Anarchist M.

Danach zog ich mich an und ging aus dem Haus, um auf einer Parkbank in der F.-Allee in der Vormittagssonne ein Buch von Wolfgang Streeck zur Kritik des Gegenwartskapitalismus zu studieren. Ein zirka achtjähriges Mädchen rief einem Schulkindskollegen »unverwandt« (Dostojewski) über die Straße ein kraftvolles »Wichser!« zu. Kurz darauf hockte sich ein etwa gleichaltriger Bub auf ein Sitzelement in meiner Nähe und aß in allergrößter Glückseligkeit einen Muffin.

Eine Stunde später kam (wie immer) Erich aus dem Vorderhaus vorbei. Erich wandert jeden Tag ohne Unterlass durch die F.-Allee. Er sammelt Flaschen (lieber Dosen, weil leichter) und schnorrt und plaudert vor allem von Herzen gern. Er hat zwei ihn offenbar geradezu überwältigende Bedürfnisse (als sei er einem Roman von Dostojewski entsprungen): das ständige (und stramme) Gehen und das Auffinden von Gesprächspartnern, bei denen er dann kurz verweilt.

Erich kennt sämtliche Vornamen der von ihm spontan aufgesuchten (oder angetroffenen) Gesprächspartner (es müssen pro Tag mindestens hundert Gesprächspartner sein). Er setzte sich zu mir und erzählte mir innerhalb von drei Minuten die vollständige Geschichte seiner Familie: Großvater Anarchokommunist und im KZ, Vater Anarchokommunist und im Knast, er Anarchokommunist und nix als Schwierigkeiten.

Gerade vernehme ich vom diensthabenden Redakteur Merg (Bergstraße), der Rudelführer der Roten Teufel, ein gewisser Kerry Braunbier oder immerhin Karl Brünhilde, sei unpässlich. Nun, das ficht den Belgier, den verwegenen, kaum bis wenig an. Er wird dem garstigen Russ’ einen saftigen Streich überbraten und einen gehörigen Hieb zusetzen, dass es sich geschmeckt hat, hehehe, ja, genau, voll einen überzuzeln wird er ihm, schepperschepper und kawummdong, Sackdonner!

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