3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Freitag, 6. August 2021, Nr. 180
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 05.06.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Widerstand in Paraguay

Zwischen den Fronten

Bauern kämpfen in Paraguay um ihr Land. Aktionen der Guerilla EPP und staatliche Repression verschärfen Lage
Von Loïc Ramirez
imago0058241821h.jpg
Kleinbauern haben es in Paraguay angesichts zunehmenden Privatgroßgrundbesitzes immer schwerer (Communidad Arroyito, 26.5.2012)

Durch die Windschutzscheibe seines Autos hindurch betrachtet Adriano einen Moment lang den Straßenzustand. Die Regenfälle des Vortages haben Spalten in den schlammigen Boden gegraben und zwingen den Fahrer zur Vorsicht. Nach kurzem Zögern holt er Schwung und biegt auf das kleine, durch eine Holzschranke abgegrenzte Grundstück ein. »Hier sind wir am Sitz der OCN«, erklärt er. Die Bauernvereinigung des Nordens (Organización Campesina del Norte) ist eine korporative Einrichtung der Region von Concepción, im Norden Paraguays. Ziel der im Jahre 1986 gegründeten OCN ist es, die Bauern und kleinen Produzenten der Region zu zusammenzubringen, um ihre Interessen zu verteidigen.

Auf dem Gelände befindet sich ein kleines Haus, in dem ein Zimmer für das Gemeinschaftsradio des Vereins genutzt wird. Der Ort ist spartanisch eingerichtet und zeugt von den prekären Mitteln der Organisation. »Ungefähr 600 Familien sind Mitglieder der OCN«, erzählt Adriano Muñoz. Der junge Mann ist Ingenieur der Agrarökologie und erhielt seine Diplome in Venezuela. Der 37jährige ist seit 2006 in der Vereinigung aktiv. »Unser Ziel ist es, eine Produktionsmethode zu fördern, die auf dem Familienmodell und auf Selbstversorgung gründet, ohne Pestizide zu benutzen.« Die Mitgliedschaft erwirbt man durch eine Ausbildung, die darauf abzielt, die für die Umsetzung dieses Projekts nötigen technischen Kenntnisse zu erwerben. Ein System, das Adriano als »Widerstandsmodell« darstellt, als Gegenpol zur Monokultur, die das Land verwüstet.

Monokultur und Landoligarchie

Von den knapp sieben Millionen Einwohnern, die Paraguay zählt, leben mehr als 35 Prozent auf dem Land. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, die von starken Ungleichheiten geprägt ist: laut der Organisation Oxfam besitzen allein zwei Prozent der Bevölkerung 85 Prozent des Landes. Ein Landraub, der auf die langen Jahre der Diktatur des Antikommunisten Alfredo Stroessner (1954–1989) zurückzuführen ist, in denen Tausende Hektar an Verwandte und Freunde des Diktators verteilt wurden. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine umfangreiche, insbesondere auf den Export von Produkten wie Soja ausgerichtete Agrarpolitik. Anfang der 1990er Jahre wurden knapp 1,5 Millionen Hektar Land für die Produktion dieser Hülsenfrucht genutzt, die heute 3,5 Millionen Hektar in Anspruch nimmt. Eine schwindelerregende Ausdehnung, die mit der Ausbreitung der Zuchtbetriebe einhergeht, deren Wachstum die Waldzerstörung zahlreicher Landeszonen bedeutet, um Weide für das Vieh zu schaffen.

Diese Unersättlichkeit hat zur Folge, dass viele kleine Bauern und die Einheimischen ihrer Land- und Waldstücke beraubt werden. Die Landschaft der Region macht dies deutlich sichtbar: Eingezäunte Landparzellen säumen die Straße, die zur Stadt Concepción und weiter bis nach Asunción führt. Über Hunderte von Kilometern hinweg grenzen Stacheldrahtzäune diese privaten Grundstücke ab, die für die Rinderernährung oder den Mais-, Eukalyptus- oder Sojaanbau bestimmt sind. Zwischen 2001 und 2019 hat Paraguay dem Forschungsinstitut Global Forest Watch zufolge circa sechs Millionen Hektar Pflanzendecke verloren. »Wir haben hier zwei Wirtschaftsmodelle, die sich unvereinbar gegenübestehen«, fasst der Ingenieur zusammen. »Daraus resultiert eine Rivalität um Landstücke, und die Gewalt wird als zusätzlicher Mechanismus eingesetzt, um die Monokultur durchzusetzen.«

In der Gegend um Concepción trifft man nicht selten auf Kontrollposten, die von bewaffneten Männern in Uniform bewacht werden. Manchmal sind sogar Panzerwagen am Straßenrand stationiert. Seit 2013 wird in der ganzen Region eine Polizei- und Militäreinheit eingesetzt: die FTC (Fuerza de Tarea Conjunta, Gemeinsame Arbeitskraft). Sie soll offiziell gegen die Guerilla der EPP (Ejército del Pueblo Paraguayo, Armee des paraguayischen Volkes) kämpfen. »Das Problem mit der FTC ist, dass sie davon ausgeht, dass jeder Bauer ein Guerillero ist. Das hat eine blinde Repression in den Dörfern zur Folge«, erklärt Adriano. Eine Situation, die der junge Mann persönlich kennt. Unter Haftdrohungen musste er eine Zeit lang nach Venezuela ins Exil gehen und wurde daraufhin aufgrund seines Aufenthalts im Lande des Chavismus beschuldigt, der internationale Vertreter der Guerilla zu sein.

Guerilla vs. Staat

Die im März 2008 gegründete EPP ist eine aufständische Gruppe, die sich als marxistisch-leninistisch präsentiert und von den nationalistischen Heldentaten des Feldmarschalls Francisco Solano López (Präsident Paraguays von 1862 bis zu seinem Tode 1870 während des Tripel-Allianz-Krieges gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay) inspiriert ist. Diese Gruppe mit ländlichen Wurzeln trat erstmals bei einem Konflikt zwischen den Bewohnern der kleinen Gemeinde von Kurusu de Hierro (Region von Concepción) und Nabor Both, Besitzer einer angrenzenden Sojaplantage, in Aktion.

Die Bewohner der Gemeinde forderten die Erstellung einer natürlichen Abgrenzung aus Bäumen, um zu verhindern, dass das Ausräuchern mit agrochemischen Produkten auf der Plantage zu weiteren Vergiftungen in den Haushalten führt. Trotz eines laufenden Gerichtsprozesses verbrannte die EPP wenige Tage nach ihrer offiziellen Gründung Traktoren und andere Landmaschinen von Both. Ein Flugblatt, in dem die Gruppe sich zur Tat bekannte, wurde vor Ort entdeckt. Das Gericht urteilte letztlich zugunsten der Bewohner.

Seitdem hat die EPP ihre gewalttätigen Aktionen zunehmend verschärft. Am 27. August 2016 starben bei einem Angriff acht Soldaten, und kürzlich sorgte sie erneut für Schlagzeilen, nachdem am 9. September 2020 der ehemalige Vizepräsident der Republik, Óscar Denis, entführt wurde. Diese Operationen führten zu einer verschärften Verfolgung seitens der paraguayischen Behörden.

»Die Repression ist nicht zufällig«, beklagen Pablo Cáceres und Benjamin Valiente, beide Mitglieder der Diözese von Concepción. Die religiösen Männer, die die Befreiungstheologie befürworten, sind öffentliche, für ihren Einsatz im Dienst der Landgemeinschaften der Region anerkannte Figuren. In ihren Augen »sind die meisten Opfer der Aktionen der FTC – unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung – Menschen, die in sozialen Mobilisierungen und in Aktionen gegen den Missbrauch durch Großgrundbesitzer engagiert sind«. Sie prangern die Störmanöver und Folterakte der Einsatzkräfte an, aber auch die Fälle der »falsos positivos« (falsch Positiven), der von der Armee getöteten Personen, die im nachhinein als Mitglieder der EPP präsentiert werden.

adqe.JPG
Militarisierte Provinz: Nach Aktionen der Guerilla EPP zeigt der Staat in Concepción seine Waffen (Capitan Jimenez, 22.10.2011)

Zu den symbolträchtigsten Beispielen für den kriminellen Charakter des paraguayischen Staates zählen die Ereignisse vom 2. September 2020. An diesem Tag verkündete die FTC, an Auseinandersetzungen in der nordöstlichen Region des Landes, in der Nähe von Yby Yaú, teilgenommen zu haben. Ein Lagerplatz der EPP sei geortet und angegriffen worden. Der Präsident Mario Abdo Benítez begab sich umgehend vor Ort, wobei er eine mit »Erfolg« durchgeführte Operation herausposaunte und bestätigte, dass zwei Mitglieder der Guerilla getötet worden seien. Zwei Frauen. Nach einigen Stunden wurde die Information präziser: Es handelte sich um die beiden elfjährigen Cousinen María Carmen und Lilian Villalba.

Die Affäre erregte großes Aufsehen, denn die beiden Opfer wurden als argentinische Bürgerinnen identifiziert. Zu diesem Skandal kam eine ganze Reihe von Unregelmäßigkeiten bei der Behandlung der sterblichen Überreste hinzu. Das UN-Menschenrechtsbüro erklärte am 5. Februar auf Basis von Zeugenaussagen dazu, dass die Leichen von Lilian und María Carmen sofort begraben und ihre Kleidung mutmaßlich vernichtet worden war, um Beweise zu vernichten. Zwei weitere junge Mädchen, die den Angriff überlebt hatten und deren Zeugenaussagen im Januar 2021 öffentlich gemacht wurden, versicherten, dass sie gesehen hätten, wie die zwei Opfer von den Soldaten lebendig verhaftet und hingerichtet worden waren.

Wem nützt es

»Das Problem ist, dass die EPP die gleichen Forderungen nutzt wie die Bauerngruppen«, bedauert Valiente. Die bewaffnete Organisation gibt in ihren Mitteilungen an, gegen die Waldzerstörung, gegen das Ausräuchern der Plantagen und gegen die Großgrundbesitzer zu sein. Sie kämpfe für »das Volk« und gegen »die Oligarchen«. Valiente betont aber, dass »ihre Aktionen uns jedes Mal schaden und die Betonung von Sicherheitsaspekten in der politischen Argumentation die Militarisierung der Region rechtfertigen«. Diese Gruppe ist für den Staat ein derart umgänglicher Akteur, dass die beiden religiösen Männer manchmal sogar am ausgerufenen Willen der Behörden zweifeln, ihn auszurotten zu wollen.

Eine Frage, die sich auch der Journalist und Hochschullehrer Hugo Pereira stellt, der ein Buch über dieses Thema geschrieben hat: »Es gibt fast keine Wälder mehr, die den natürlichen Lebensraum der Guerillas ausmachen, und die weiten Landstücke, auf denen sich die EPP fortbewegt, bestehen meistens aus privaten Grundstücken mit bewaffneten Wächtern und Überwachungssystemen – wie kann sie unter solchen Bedingungen das Militär so lange in Schach halten?« Pereira zufolge kommen alle Aktionen der EPP der Oligarchie systematisch zugute, sie geben ihr den idealen Vorwand, um die Widerstände der Bauern zu brechen. Natürlich wagt der Forscher, der selbst aus Concepción kommt, nicht zu behaupten, dass die Guerilla unmittelbar von der Regierung oder vom Generalstab des Militärs ferngesteuert wird. Aber für ihn »steht fest, dass es konvergierende Interessen gibt«.

Die Guerilla als Schreckgespenst wurde vor allem als Mittel gegen den 2008 an die Macht gekommenen Präsidenten Fernando Lugo eingesetzt. Von seinen Gegnern als »Vater der EPP« abgestempelt, nationale Figur der gemäßigten Linken, stellte er für das rechte Lager eine ausreichende Bedrohung dar, um ihn 2012 nach einer Landbesetzung, die mit blutigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten endete, seines Amtes zu entheben. »Die EPP ist ein Problem für das linke Lager«, behauptet ohne zu zögern Hugo Richer, Senator für die Frente Guasú (ein linkes Wahlbündnis, das 2010 geschaffen wurde, und dem auch Lugo heute angehört).

Er empfängt uns in seinem Büro im Nationalkongress der Republik, im Zentrum der Hauptstadt Asunción, und erklärt uns die Schwierigkeiten, mit denen seine politische Organisation konfrontiert ist: »Ein wesentlicher Teil unserer sozialen Basis befindet sich in den ländlichen Zonen, wo leider die Angst vor der Guerilla, die Angst vor dem Staat, die Angst vor den Drogenhändlern herrscht. All dies verhindert eine Entwicklung der Debatten, Diskussionen und Mobilisierungen.« So gesehen, bedauert er, dass die EPP dem rechten Lager letztendlich »nützlich« ist.

Laut dem Kriminologen Juan Martens, Autor einer langen Untersuchung über diese Gruppe, wird die Langlebigkeit der EPP durch die Abwesenheit der staatlichen Einrichtungen in der nördlichen Region des Landes begünstigt. »Egal, wo man ihn anpackt, der paraguayische Staat ist anfällig, überall gibt es undichte Stellen, der Kampf gegen die EPP ist keine Ausnahme, sondern er geht einher mit der Überlastung der Krankenhäuser, dem Mangel an Handschuhen während der Pandemie, dem Mangel an Nahrung in den Gefängnissen. Ausgerechnet dieser ineffiziente, korrupte und mittellose Staat kämpft gegen die Guerilla.« Daraus schließt der Experte, dass die bewaffnete Gruppe logistische Hilfe von einem Teil der Bevölkerung bekommt. »Sei es durch Zwangsmacht oder aus politischer Sympathie, sie verfügt über Unterstützung auf dem Land«.

Die Entführung von Denis ging übrigens mit einer Reihe von Forderungen einher, allen voran der nach Verteilung von Lebensmitteln und Kinderspielzeugen unter den Bauerngemeinschaften. Eine Annäherung, die verschiedene Organisationen wie die OCN, die mit den Aufständischen verwechselt wird, benachteiligt. »Wir haben wegen dieser Stigmatisierung viele Mitglieder verloren«, bedauert Muñoz. »Früher waren unsere Kräfte in der Lage, die Stadt während der Mobilisierungen lahmzulegen, aber dann haben die Leute Angst vor uns bekommen.«

Rechtfertigt die EPP die Repression oder legitimiert die staatliche Gewalt den bewaffneten Kampf? Von diesem Widerspruch hin- und hergerissen führt die paraguayische Bauernschaft ihren Widerstandskampf gegen ein räuberisches Wirtschaftsmodell fort.

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Ähnliche:

  • Demonstration gegen die türkische Invasion in Nordirak in Köln (...
    01.06.2021

    Wieder Giftgas gegen Kurden

    Nordirak: Heftige Kämpfe im Bergland. Dorfbewohner auf der Flucht vor türkischen Bomben
  • Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar (M.) besucht die...
    18.05.2021

    Giftgas gegen Kurden?

    Nordirak: Guerilla beklagt Einsatz von Chemiewaffen und dschihadistischen Söldnern durch Türkei

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!