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Aus: Ausgabe vom 04.06.2021, Seite 16 / Sport
Olympische Spiele

Symbolische Gesten

Die Aufrufe zum Boykott der Olympischen Winterspiele in Beijing werden lauter – aber sie sind auch nicht einmalig. Ein historischer Überblick
Von Gabriel Kuhn
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Noch wird in Beijing munter heruntergezählt

Immer mehr westliche Organisationen unterstützen die politischen Aufrufe zum Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 in Beijing unter Hashtags wie »#Boycott Beijing 2022« oder »#No Rights No Games«. Als Gründe werden der Umgang mit den Menschenrechten in Xinjiang und Tibet ebenso angeführt wie die Repression gegen die Protestbewegung in Hongkong und die Inhaftierung politischer Dissidenten.

Boykotte Olympischer Spiele sind nichts Neues. Winterspiele blieben bisher jedoch verschont. Das hat in erster Linie mit der größeren Aufmerksamkeit zu tun, die den Sommerspielen zukommt. Während es eine Boykottbewegung gegen die Olympischen Sommerspiele in Berlin 1936 gab, gingen die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen im selben Jahr ohne viel Aufsehen über die Bühne.

Der Boykott der Spiele in Berlin, angeführt von jüdischen Organisationen, war kein großer Erfolg. Einige jüdische Sportler blieben der Veranstaltung fern, und die Spanische Republik plante als Gegenveranstaltung eine »Volksolympiade« in Barcelona. Zu der kam es jedoch nicht, da am Tage vor der Eröffnungsfeier die Truppen Francos ihre Offensive starteten. Nicht wenige der Arbeitersportler, die vor Ort waren, zogen zur Verteidigung der Republik an die Front.

Auch vor den Olympischen Sommerspielen in Mexiko-Stadt 1968 gab es Boykottbestrebungen. Organisationen wie das »Olympic Project for Human Rights« wandten sich gegen strukturellen Rassismus in der Sportwelt, nicht zuletzt im Internationalen Olympischen Komitee. Dazu kam die angespannte Lage in Mexiko selbst. Zehn Tage vor der Eröffnung der Spiele wurden bei sozialen Protesten im Stadtteil Tlatelolco 300 Menschen von den Sicherheitskräften getötet. Auch in diesem Fall kam es zu keinem breiten Boykott der Spiele, obwohl einige prominente Sportler, etwa der Basketballer Kareem Abdul-Jabbar, auf ein Antreten verzichteten. Andere nutzten die Spiele für Proteste. Darunter Tommie Smith und John Carlos, die mit ihrem Black-Power-Gruß bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs für ein ikonisches Bild der Sportgeschichte sorgten.

Zu breiten Boykotten kam es nur, wenn die Initiative von Regierungen ausging. Erstmals war das 1976 in Montreal der Fall. Zahlreiche afrikanische Staaten verweigerten die Teilnahme, da Neuseeland von den Spielen nicht ausgeschlossen wurde, obwohl das Land einige Monate zuvor das südafrikanische Rugbyteam empfangen hatte. In den Augen der Kritiker verstieß dies gegen den internationalen Boykott des Apartheidregimes.

1980 nahmen zahlreiche westliche Staaten unter der Führung der USA nicht an den Olympischen Sommerspielen in Moskau teil. Als Grund wurde das sowjetische Militärengagement in Afghanistan angegeben. Vier Jahre später verzichteten die Sowjetunion und 13 verbündete Staaten auf eine Teilnahme bei den Sommerspielen in Los Angeles. Sie sahen die Sicherheit ihrer Sportler nicht gewährleistet. 1988 weigerte sich Nordkorea, an den Sommerspielen in Seoul teilzunehmen, nachdem Pjöngjang nicht in die Organisation der Spiele mit einbezogen wurde. Große Folgen hatte das nicht. Nur Kuba schloss sich dem Boykott an.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges kam es zu keinem nennenswerten Boykott gegen Olympische Spiele mehr. Zwar formen sich regelmäßig Protestbewegungen, doch richten sich diese in erster Linie gegen die Kommerzialisierung der Spiele. Auch die Proteste indigener Gruppen gegen die Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 führten nicht zu Boykottdiskussionen.

Dass es zu solchen nun in Zusammenhang mit den Spielen in China kommt, ist angesichts der geopolitischen Lage nicht überraschend. Die China-Politik des neuen US-Präsidenten Joseph Biden hat noch keine klaren Formen angenommen. Verschiedene Kräfte versuchen, sich zu profilieren, aus allen politischen Lagern. Sowohl die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi von der Demokratischen Partei, als auch der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney sprachen sich für einen »diplomatischen Boykott« aus, dessen Sinn sich nicht unmittelbar erschließt: Sportler sollen hinfahren, andere nicht. Joseph Biden winkt in jedem Fall ab. Ein Boykott würde momentan nicht diskutiert, heißt es seit Monaten aus dem Weißen Haus.

Das Internationale Olympische Komitee (IOK) zieht sich derweil auf die altbekannte Position zurück, dass Sport nichts mit Politik zu tun habe. Man sei »keine Weltregierung«, erklärte der deutsche IOK-Präsident Thomas Bach kurz nach seiner Wiederwahl im März dieses Jahres.

Wird es zu einem Boykott der Spiele in Beijing kommen? Kaum. Dafür müsste sich weltpolitisch in den nächsten Monaten einiges ereignen. Die ökonomischen Interessen an einer Teilnahme sind viel zu groß, für alle. Das lässt sich mit politischen Gewinnen nicht ausgleichen. Und gäbe es diese überhaupt? Boykotte sportlicher Großveranstaltungen sind symbolische Gesten. Sie haben eine gewisse Ausstrahlungskraft. Der Komplexität politischer Situationen gerecht werden sie jedoch nicht.

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