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Aus: Ausgabe vom 04.06.2021, Seite 15 / Feminismus
Sexarbeit in Deutschland

»Systematisch unsichtbar gemacht«

Internationaler Hurentag: Pseudoexperten ohne Einblick in Lebensrealitäten dominieren Diskurs über Sexarbeit. Ein Gespräch mit Ruby Rebelde
Von Ina Sembdner
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»Richtige Arbeit«: Sexarbeitende demonstrieren am Internationalen Hurentag in Berlin für ihre Rechte (Berlin, 2.6.2021)

Ihr Verein Hydra e. V. setzt sich jetzt seit über 40 Jahren für die Rechte von Sexarbeitenden ein. Am Mittwoch war der Internationale Hurentag. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie?

Der Internationale Hurentag ist aus der Besetzung der Kirche von Saint-Nizier in Lyon am 2. Juni 1975 hervorgegangen. Da ging es um die Kriminalisierung und Stigmatisierung von Sexarbeitenden, wogegen die Besetzerinnen protestierten. Insofern hat der Hurentag heute eine ebenso große, wenn nicht größere Bedeutung. Gesellschaft entwickelt sich weiter – nur das Hurenstigma bleibt uns erhalten. Deswegen ist das für uns ein Tag für Solidarität, wo wir sichtbar und wahrnehmbar sind. Neben Hydra gibt es viele alteingesessene Hurenselbstvertretungen, die aus diesem Schwung feministischen Aktivismus Sexarbeitender hervorgegangen sind.

Welchen Schwerpunkt haben Sie dieses Jahr gesetzt?

Wir haben am Mittwoch unsere Antistigmakampagne gelauncht. Das ist eine Kampagne, die aus dem Berliner Runden Tisch Sexarbeit hervorgegangen ist und die im Peer-Ansatz Sexarbeitende befragt hat, was heute für sie Stigma ist und wie sie damit umgehen. Unter Coronabedingungen ist daraus ein Stream entstanden, der um 20 Uhr ausgestrahlt wurde – mit Performances und Redebeiträgen. Aber was uns besonders wichtig ist: Sexarbeitende sprechen selbst über sich, und es wird nicht über sie gesprochen.

Wer kommt zu Ihrem Verein?

Es gibt das Hydra-Café, wo Sexarbeitende eigene Inhalte setzen, ins Gespräch kommen und netzwerken können. In die Beratungsstelle kommen Menschen, die einen Bedarf haben. Wir haben also einen Ausschnitt von Sexarbeitenden vor uns. Das ist wichtig zu verstehen, denn auch wir haben nicht den Überblick über alle Lebensrealitäten in der Sexarbeit, aber wir wissen das wenigstens.

Zunehmend wird das sogenannte nordische Modell propagiert. Was ist dazu zu sagen?

Forderungen wie die Freierkriminalisierung – so nenne ich das ›nordische Modell‹ – verstecken, dass die Absicht ist, Hurenstigmata Vorschub zu leisten. Kunden von sexuellen Dienstleistungen werden kriminalisiert, und dann wird behauptet, das schade den Sexarbeitenden nicht. Dabei gibt es viele Kohärenzgesetze dazu: keine Prostitutionsstätten mehr, erschwerte Anmietung von Privatwohnungen für Sexarbeitende, Kinder können entzogen werden. Es ist ein moralisierender Zugang, und Sexarbeitende sind dadurch großer Repression ausgesetzt.

Wie argumentieren Sie, wenn Prostitutionsgegner Zwangsprostitution und selbstbestimmte Sexarbeit in einen Topf werfen?

Das sind Menschen, die sehr isolierte Erfahrungen von einigen Betroffenen in den Vordergrund stellen und ansonsten sehr wenig über Sexarbeit wissen, aber sehr eng mit sogenannten Überlebenden der Prostitution verbunden sind. Und so wichtig es ist, dass Opfer von sexueller Ausbeutung und von Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung zu Wort kommen – das ist ein Teilaspekt innerhalb der Prostitution. Das ist nicht deckungsgleich mit dem, worüber wir sprechen. Milieu, Kriminalität, Straftatbestände – das soll ein Bild moralischer Empörung hervorrufen. Andere Geschichten, die nicht so defizitbeladen sind, finden kein Gehör. Um die 90 Prozent von Sexarbeitenden werden so systematisch unsichtbar gemacht.

Wie bewerten Sie die mediale Berichterstattung?

Seit Corona hat sie sich ständig verschlechtert. Skandalisierende Beiträge sind die Norm geworden, mit nicht freigegebenen O-Tönen und aus dem Kontext gerissenen Zitaten. Es wird offen Werbung für das nordische Modell gemacht und wir haben ein Problem mit False Balance durch Pseudoexperten, die zu Wort kommen. Dass es Sexarbeit nicht mehr gibt, weil sie nicht mehr sichtbar ist, ist ein Logikfehler und wird fortgeführt bis hin zu verschwörungsideologischen Aspekten, wenn von der Prostitutionslobby gesprochen wird. Diese Angriffe funktionieren aber nur, weil wir keine Lobby haben.

Angesichts von Corona, wie ist die Lage seit dem vergangenen Jahr?

Das ist ein ganz wichtiges Thema. Seit dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 muss man sich in der BRD registrieren lassen, um der Sexarbeit nachgehen zu können und bekommt den sogenannten Hurenausweis. Das bedeutete im Prinzip eine Spaltung zwischen Sexarbeitenden, die einen Hurenausweis führen, und solchen, die sich nicht registrieren lassen konnten. Zum Beispiel, wenn keine Meldeadresse vorhanden ist, weil Menschen keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Jene, die nicht registriert sind, konnten keine Überbrückungshilfen in Anspruch nehmen und stehen im Prinzip mittellos da.

Ruby Rebelde ist aktiv im Verein Hydra e. V. Treffpunkt und Beratung für Prostituierte

kurzelinks.de/antistigma

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  • Leserbrief von N. R. aus Frankfurt am Main ( 4. Juni 2021 um 22:22 Uhr)
    Wie passt denn die Aussage, 90 Prozent der Prostituierten seien selbstbestimmte Lohnabhängige, mit der späteren Feststellung zusammen, dass in der Coronapandemie Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Überbrückungshilfen in Anspruch nehmen konnten, im Prinzip mittellos dastünden? Sind das also die zehn Prozent Armuts-, Elends- und Menschenhandelprostituierten, oder ist das am Ende doch ein größeres Problem, als die Dame vom Verein herunterspielt? Nicht weit weg von meinem Wohnort gibt es eine Siedlung, die während der Pandemie immer wieder in der Presse ist, weil dort in unmittelbarer Nähe zu Wohnhäusern ein Straßenstrich entstanden ist, an dem die Prostituierten, die in den Bordellen nicht mehr anschaffen dürfen, von Freiern eingesammelt werden. Eine humanistische Forderung ist nicht die nach Öffnung der Bordelle, sondern die nach Ausstiegsperspektiven für die Frauen. Es ist menschenfeindlich, dass diese Frauen, wenn sie von der Polizei erwischt werden, Bußgelder in Höhe von mehreren 100 Euro zahlen sollen, wofür sie wiederum illegalisiert anschaffen müssen, während die Freier nicht zur Rechenschaft gezogenen werden. Genau darum muss es uns doch gehen: Entkriminalisierung der Prostituierten, nicht der Freier. Und vor allem: Bildung unabhängig vom Geldbeutel, berufliche Perspektiven für alle Frauen, damit sie nicht von gewalttätigen Beziehungen abhängig sind, Prävention vor familiärer Verwahrlosung und Gewalt. Denn viele Prostituierte haben genau solches biographisch erlebt. Es ist übrigens auch kein Wunder, dass nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems für alle schweren, unangenehmen Tätigkeiten Osteuropäer herhalten dürfen: Spargelstechen, Bau, Prostitution. Das alles hat miteinander zu tun. Wenn 90 Prozent aller Prostituierten selbstbestimmt sind, dann müssen ja Polinnen, Bulgarinnen, Rumäninnen, Ukrainerinnen ausgeprägte Lust auf deutsche Fettwänste haben – angeboren?! Was dieses Interview zur Debatte beitragen soll, bleibt Geheimnis der jungen Welt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Jörg R. aus Ostfildern ( 4. Juni 2021 um 10:30 Uhr)
    Schade, dass die junge Welt mit diesem wohlwollenden Interview dazu beiträgt, Legenden zu verbreiten. Es gibt sehr viele gute Gründe, gegen Prostitution und für ein Sexkaufverbot zu sein. So leiden sehr viele Prostituierte unter posttraumatischen Belastungsstörungen, vergleichbar mit Folteropfern. Auch werden Prostituierte in Deutschland im Durchschnitt nur 33 Jahre alt. Hydra e. V. repräsentiert hier offensichtlich nur eine kleine Minderheit von Edelprostituierten. Es gibt auch von linker Seite fundierte Kritik, zu nennen sind hier z. B. das Buch »Mythos Sexarbeit« von Katharina Sass, erschienen im Papyrossa-Verlag, oder »Menschenhandel und Sexsklaverei« von Manfred Paulus (Promedia-Verlag).
    • Leserbrief von Johannes Wolpers aus Göttingen ( 6. Juni 2021 um 22:38 Uhr)
      Ich würde feministische Ideologie zum Thema Sexarbeit nicht als fundierte Kritik bezeichnen.
    • Leserbrief von Andreas Reichelt aus Berlin ( 6. Juni 2021 um 21:42 Uhr)
      Woher haben Sie diesen himmelschreienden Unsinn? (Kennen Sie eigentlich das Durchschnittsalter in der Sexarbeitsbranche? Das liegt weit über 40 Jahren!) Mit wie vielen Sexarbeitenden haben Sie persönlich gesprochen? Woher wissen Sie, wer durch Hydra »repräsentiert« wird? Kennen Sie die sehr vielfältige Arbeit bei Hydra mit Prostituierten, wissen Sie, wer alles in die Beratungsstelle oder ins Hydra-Café kommt? Die von Ihnen zitierten »Experten« sind im übrigen genau das – Experten in Anführungszeichen, denen zum Teil bereits die Lüge und die Sensationshascherei nachgewiesen wurde! Bitte mal etwas genauer mit dem Thema beschäftigen, bevor Sie Ihre Meinung öffentlich äußern, und nicht wie ein Hooligan so wild mit Ihrer Moralkeule um sich schlagen! Das ist auch für Sie nicht sehr gesund. Denn da kann man sich auch selber sehr übel treffen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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