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Aus: Ausgabe vom 04.06.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitsverhältnisse

Beschäftigte zum Spottpreis

Lufthansa: Lohndumping bei Tochter Eurowings Discover. Gewerkschafter, Grüne und Linke kritisieren Tarifflucht und fordern Kopplung von Staatshilfen an Sozialstandards
Von Oliver Rast
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Zählen zu den prekären Geringverdienern: Kabinenbeschäftigte bei Töchtern der Kranich-Airline (Berlin, 2.7.2020)

So geht das. Milliarden Euro aus dem Steuersäckel kassieren, Konzernbereiche abwickeln, neue Tochtergesellschaften gründen. Kaum überraschend dabei: Auf der Strecke bleiben Beschäftigte. Ein Paradebeispiel für das »freie Spiel der Marktkräfte« ist Deutschlands größte Airline Lufthansa. Beschäftigte warfen den Bossen in einem am Dienstag ausgestrahlten Bericht des ARD-Magazins »Report Mainz« Lohndumping vor, speziell beim neuen Billigflieger der Lufthansa namens Eurowings Discover.

Kurz zur Vorgeschichte: Im Juni 2020 hatte die Konzernspitze das Aus des Lufthansa-Ablegers Sunexpress verkündet. Auch bei der Tochtergesellschaft Germanwings wurde derweil der Passagierbetrieb eingestellt. Mitten in der Coronakrise, parallel zur Zusicherung milliardenschwerer Staatshilfen samt Kurzarbeitergeld. Und besonders pfiffig: Bereits im Juli vorigen Jahres hatte die Lufthansa eine weitere Tochter aus der Taufe gehoben– die erwähnte Eurowings Discover, gewissermaßen eine Fluggesellschaft für Pauschaltouristen.

Die Pläne für den Kahlschlag lagen längst in der Schublade, sagten Gewerkschafter von Verdi und der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (UFO) am Donnerstag unisono gegenüber jW. Das Unternehmensmanagement habe die Situation in der Pandemie genutzt und die Streichung von bis zu 30.000 Stellen nonchalant mitgeteilt.

Neben Piloten ist das Kabinenpersonal besonders stark von der Kürzungspolitik betroffen. »Bei der Sunexpress waren bei Bekanntgabe der Schließung im Juni 2020 rund 800 Kabinenbeschäftigte gekündigt worden, bei der Germanwings etwa 700«, sagte Stefan Schwerthelm, UFO-Tarifvorstand, im jW-Gespräch. »Nicht nur das«, so Schwerthelm weiter, »die Entlassenen erhielten seitens des Konzerns keine Option auf eine direkte Weiterbeschäftigung«. Sie konnten sich neu bewerben, bei der konzerneigenen Urlaubsairline etwa. »Allerdings zu schlechteren Löhnen, härteren Arbeitsbedingungen und ohne Jobgarantie, weil zunächst nur auf zwei Jahre befristet eingestellt wird«, erläuterte der UFO-Gewerkschafter.

Gegenüber »Report Mainz« rechnete eine Flugbegleiterin ihre Einbußen vor. Arbeitete sie zuvor bei Germanwings für 2.500 Euro brutto im Monat, wurde ihr beim Wechsel zur Eurowings Discover nur ein 70-Prozent-Teilzeitvertrag offeriert. Jetzt verdient sie schlappe 1.700 Euro brutto monatlich. Von Lohndumping will die Lufthansa-Führung nichts wissen. Auf Magazin-Anfrage erklärte ein Konzernsprecher lapidar: »Der Erhalt der Arbeitsplätze setzt Wettbewerbsfähigkeit voraus.« Aber seit dem 1. Juni würden bei Neueinstellungen ausschließlich Vollzeitverträge vergeben. Ein Trostpflaster, mehr nicht, denn ein dickes Lohnminus bleibt »Report Mainz« zufolge im Vergleich zum Vorgängerjob.

Gewerkschaftliche Gegenwehr scheint schwierig. Der Grund: »Die Eurowings Discover ist eine nichttarifierte Lufthansa-Tochter ohne betriebliche Mitbestimmung«, beklagte Schwerthelm. Das ärgert gleichfalls Beate Müller-Gemmeke, Sprecherin für Arbeitnehmerrechte und aktive Arbeitsmarktpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen: »Steuergeld ist nicht dafür da, Tarifflucht zu finanzieren«, betonte sie am Donnerstag gegenüber jW. Die staatliche Lufthansa-Rettung verkomme immer mehr zu einer Art Schutzschirm für die rücksichtslose Umstrukturierung der Airline auf dem Rücken der Beschäftigten, ergänzte der gewerkschaftspolitische Sprecher der Linke-Bundestags­fraktion, Pascal Meiser, auf jW-Anfrage.

Die »schwarz-rote« Koalition glaubt hingegen, sie sei fein raus, obwohl der Staat an der Lufthansa als deren größter Aktionär beteiligt ist. Auf Nachfrage von »Report Mainz« behauptete das Bundeswirtschaftsministerium, das Kabinett könne keinen Einfluss auf die operative Geschäftsleitung der Fluglinie nehmen. Glaubwürdig ist das nicht, zumal der Bund laut dpa vom Donnerstag eine Beteiligung an einer für den Sommer oder Frühherbst vorgesehenen Lufthansa-Kapitalerhöhung prüft.

Um so mehr müssten staatliche Hilfen an klare Vorgaben wie soziale Standards und Tarifverträge gebunden sein, sagte Grünen-Politikerin Müller-Gemmeke. Alles andere »ist ein schlechter Deal für die Steuerzahlenden und nicht zuletzt für die Beschäftigten«. Und ihr Kollege von der Linken, Meiser, fordert, »das gezielte Lohndumping, das die Lufthansa-Führung mit der Gründung neuer Billigtochtergesellschaften verfolgt, endlich zu stoppen«.

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