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Aus: Ausgabe vom 02.06.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Sachsen-Anhalt

Von Arnold Schölzel
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CDU-Geschirr im Elefantenladen. Reiner Haseloff und Armin Laschet are looking for freedom in Braunsbedra, Sachsen-Anhalt

Bang fragte Jan Brachmann am Sonnabend in der FAZ: »Und wenn die DDR gar nicht untergegangen ist?« Anlass war eine neue Folge der ARD-Krimiserie »Polizeiruf 110«, die im sachsen-anhaltischen Halle spielt. Titel: »An der Saale hellem Strande«. Liedtext: »stehen Burgen stolz und kühn. / Ihre Dächer sind gefallen, / Und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin.« Hell ist in dem realistischen Film über ruinöse Verhältnisse und zu Ruinen gemachten Menschen nichts, »eine Welt im Klammergriff der Resignation« (Brachmann).

Kein Zufall, dass das Milieu in Sachsen-Anhalt aufgespürt wurde – ein Bundesland, das den meisten Westdeutschen unbehaglich unbekannt und, mit dem CDU-Ost(beschimpfungs)beauftragten der Bundesregierung Marco Wanderwitz aus Sachsen gesprochen, »diktaturensozialisiert« schlechthin sein dürfte. Hier hat der Anschluss der DDR Verheerungen wie kaum woanders angerichtet. Auch die wenigen industriellen »Leuchttürme« wie Leuna (mit Nachhilfe durch Schmiergeld von Helmut Kohl) oder Bitterfeld-Wolfen ändern daran nichts. Der Indikator: Die Bevölkerung schrumpfte seit 1990 von knapp 2,9 Millionen Einwohnern auf 2,2 Millionen, 2019 immer noch um 51.000. Die Statistiker sagen für 2025 1,9 Millionen Einwohner vorher. Ursachen sind Abwanderung, Vergreisung und Geburtenrückgang auf etwa 50 Prozent im Vergleich zur DDR. Historiker vergleichen das mit dem 30jährigen Krieg.

Ein Viertel aller Stimmen für die AfD, eine in 15 Jahren mit jetzt etwa zwölf Prozent halbierte Linke-Wählerschaft, eine CDU, die vor der Landtagswahl am kommenden Sonntag plakatiert: »Kein Bock auf Kommunismus? Wir auch nicht«, und Reiner Haseloff, CDU-Ministerpräsident seit 2011, der eigentlich nicht zum dritten Mal kandidieren, sondern laut Süddeutscher Zeitung »mit dem Cabrio über Land brettern und David Hasselhoff hören« wollte. »›Looking for Freedom‹, das ist mein Lebensgefühl, sagt Haseloff über Hasselhoff.« Politik in Sachsen-Anhalt ist ein besonders schlechter Witz.

Und so steht in einem landschaftlich unglaublich vielfältigen, schönen, historisch unerschöpflichen Landstrich Irres. Gleich neben dem Weinanbaugebiet Saale-Unstrut liegt Schnellroda, das Nest, in dem die Höcke-AfD von Nazis mit höflicher Aussprache geführt wird. Das liebliche Bad Kösen ist Namensgeber für einen Dachverband rechter Studentenverbindungen, die »Kösener Corpsstudenten«, die sich auf Rudelsburg und Burg Saaleck seit 1990 regelmäßig wieder in vollem Wichs versammeln.

Es ist kein Zufall, dass in Sachsen-Anhalt die Himmelsscheibe von Nebra gefunden wurde: Auf den wahrscheinlich fruchtbarsten Böden Mitteleuropas in der Goldenen Aue und der Magdeburger Börde gab es früh Ackerbau. Die ottonischen Kaiser waren gern hier und trieben die erste deutsche Ostkolonisation voran, von der die »Straße der Romanik« zeugt, vom gewaltigen Dom zu Havelberg im Norden Sachsen-Anhalts bis nach Naumburg und Kloster Memleben im Süden.

Sachsen-Anhalt, das ist Bismarcks niederdeutsches Herkunftsland Altmark, die Fachwerkstatt Salzwedel, 1814 Geburtsort der späteren Jenny Marx. Das ist der Ostteil des Harzes. Das ist die Dorfkirche Schmirma, deren Deckenbilder einen Jesus mit den Gesichtszügen Lenins zeigen, gemalt 1921 von dem kommunistischen Maler Karl Völker. Das ist der mitteldeutsche Aufstand vor 100 Jahren, das Mansfelder Kupferbergbauland, in dem Kumpel eine sowjetische Freundschaftsfahne über die Nazizeit retteten. Das ist Merseburg mit Dom und althochdeutschen »Zaubersprüchen« und mit der nach dem Maler Willi Sitte benannten Galerie, die wahrscheinlich in diesem Jahr seines 100. Geburtstags geschlossen wird.

Krasse Gegensätze. Und ein zäher Niedergang. Die übriggebliebenen Einwohner wehren sich gegen das Nach-unten-Ziehen seit 30 Jahren. Erfährt die FAZ davon, wird ihr mit Recht unwohl.

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