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Aus: Ausgabe vom 02.06.2021, Seite 8 / Ansichten

Merkel lässt bleiben

Die Kanzlerin und der Krieg in Mali
Von Arnold Schölzel
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Taucht die »Rote Linien«-Phrase auf, folgen in Washington, Paris, London oder Berlin geistiges Elend fürs Inland und militärische Barbarei für die Einwohner jener Länder, in die wahlweise gerade Demokratie exportiert, in denen angeblich der Terror bekämpft wird oder die jeweilige Landesverteidigung stattfindet. Angela Merkel hat’s am Montag beim Deutsch-Französischen Ministerrat wieder getan: Wahlen sollen die in Mali gefälligst abhalten und ja nicht »islamistisch« werden, sonst …

Ja, was denn? Schlimmer als sie und ihre Freunde es dort gemacht haben, kann es kaum werden. Die Kanzlerin drosch ihr politisches Stroh drei Tage nach einem Putsch im Putsch, der besagt: Der westafrikanische Staat ist zehn Jahre nach dem von Frankreich ausgehenden Regime-Change zur Ermordung Muammar Al-Ghaddafis in Libyen fast endgültig zerstört. Was 2011 der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy aus Gier nach Öl und Uran, aus Arroganz und historischer Blindheit, vor allem aber wegen der Gesetze organisierter Kriminalität – sein Geldgeber und Mitwisser Ghaddafi musste aus dem Weg geräumt werden – begann, ließ die Staaten des heutigen »Sahelistan« wie Dominosteine kippen. Frankreich kontrolliert seit den 60er Jahren die Währung der Region und kombiniert das mit militärischem Eingreifen: Beides zusammen bewirkt Stagnation für 90 Prozent der Bevölkerung, Bereicherung für den Rest. Und nun, welche Überraschung: Die Militarisierung der Konflikte führt zu Militärregimen. Der finanzielle Nachschub aus der EU in die Taschen der einheimischen Generäle ist gesichert: Jede Andeutung ihrerseits, sie könnten im Krieg gegen »Terroristen« nachlassen, öffnet die EU-Kassen. Verteilt wird die Beute unter allen Warlords.

Mali ist ein Musterfall. Dort hatte sich ein Machtdreieck aus korruptem Militär, Drogenschmugglern und Mörderbanden, die sich auf den Islam berufen, nach der Ermordung Ghaddafis auf die Aufteilung der Pfründe schon verständigt, als die von Sarkozy und Co. in Libyen entfesselten Milizen über die Grenze kamen. Frankreich rettete die regierenden Banditen, die BRD folgte, und seitdem bringen die von der Bundeswehr trainierten malischen Soldaten »mehr Zivilisten um als Dschihadisten«, wie die Süddeutsche Zeitung am Montag schrieb.

Die Kombination von politischem Wahn und Kriegsverbrechen brachte die NATO schon nach Afghanistan. Deutsche Militärs haben da nach zwei Weltkriegen eine spezielle Tradition zu wahren. Mit realistischer Weltsicht hat das militärische Eingraben und Wüten im Sahel nichts zu tun, nur mit Interessen. Als »geostrategisches Vorfeld Europas« bezeichnete das Auswärtige Amt im April die Region. Das besagt auch nichts außer einem AfD-mäßigen Festungskoller, aber Merkel oder Macron schicken nur Truppen, die bleiben sollen. Bis zum nächsten fluchtartigen Verlassen der »befreiten« Gegend.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfram A. aus Potsdam ( 2. Juni 2021 um 07:10 Uhr)
    Danke für diese immer wieder klare Lagebewertung und Sprache. Selbstverständlich geht es Staaten um Interessen, und den alten Kolonialstaaten geht es um ihre alten Kolonialinteressen, egal in welches neue Gewand sie sie kleiden, und Deutschland will in ebenso offensichtlicher und nur auf den ersten Blick erstaunlicher Kontinuität irgendwie mitspielen. In Afrika – und demnächst mit der Fregatte »Bayern« auch wieder vor Chinas Küsten.
    Neuerdings verbreiten interessierte Kreise die Behauptung, außenpolitische Fragen seien für die Wahlentscheidung in Deutschland unwichtig, weshalb die Linken sie nicht immer wieder aufs Tapet bringen und von »abstrakten Friedensforderungen« Abstand nehmen sollten. Damit dieses unselige Zerstörungswerk in Nordafrika, im Jemen, in Afghanistan und dieses unentwegte Anheizen eines neuen »Systemkonfikts« möglichst unbemerkt vonstatten gehen kann?

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