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Aus: Ausgabe vom 01.06.2021, Seite 12 / Thema
Kämpfe um Anerkennung

Mangelhafter Gesellschaftsbegriff

Quelle von Gegenmacht oder akademische Integrationsmaßnahme ins Bestehende? Zur Kritik des Intersektionalismus
Von John Lütten, Christin Bernhold und Felix Eckert
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Wie verhalten sich Formen der Unterdrückung von »Race«, »Gender« und »Class« zueinander. und im welchem Verhältnis stehen sie zur herrschenden Produktionsweise? Der Intersektionalismus gibt darauf keine zureichende Antwort (Frauen auf einer »Black lives matter«-Demo am 19.6.2020 in Washington D.C.)

In den kommenden Tagen erscheint Heft 127 von Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung zum Schwerpunktthema Intersektionalität. Wir veröffentlichen an dieser Stelle, redaktionell gekürzt und mit freundlicher Genehmigung von Herausgebern und Autoren, den Leitartikel von John Lütten, Christin Bernhold und Felix Eckert. Das Heft kann unter www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de bestellt werden. (jW)

Das Schlagwort »Intersektionalität« ist in den vergangenen Jahrzehnten ins Zentrum politischer und sozialwissenschaftlicher Diskussionen gerückt. Es steht für den Anspruch, einander überlagernde Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse in ihrer Wechselwirkung zu fassen. Kein Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Diskriminierungsverhältnis, so der Tenor, lasse sich isoliert begreifen: Ökonomische Ungleichheit etwa könne nur im Zusammenhang mit Geschlechterverhältnissen verstanden werden, diese wiederum nicht ohne Berücksichtigung von Rassismus und anderen Unterdrückungsverhältnissen. Für viele steht dabei fest, dass marxistische Theorie und Politik im Kern »ökonomistisch« seien und dem Klassenwiderspruch zu Unrecht Vorrang gegenüber anderen gesellschaftlichen Konflikten einräumten. Eine Minderheitenposition plädiert für eine Verbindung von Marxismus und Intersektionalität, allerdings letztlich unter Preisgabe des historischen Materialismus. So oder so erfreut sich Intersektionalität innerhalb und außerhalb sozialer Bewegungen und der akademischen Linken heute großer Beliebtheit.

Die Gründe für diese Popularität lassen sich hier nur umreißen. Die tiefgreifende Schwächung marxistischer Theorie und sozialistischer Praxis sowie die Dominanz eher poststrukturalistischer Ansätze in den Sozial- und Geisteswissenschaften dürften Faktoren sein. Zudem bietet »Intersektionalität« ein begrifflich-theoretisches Instrumentarium, mit dem sich relativ leicht und nah an der eigenen Lebenswelt in akademische und politische Debatten einsteigen lässt. Außerdem lässt sich »Intersek­tionalität« problemlos mit Antidiskriminierungs- und Diversity-Politiken verbinden, die in sozialen Bewegungen, Hochschulen und öffentlichen Einrichtungen großgeschrieben und auch von Unternehmen propagiert werden – wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motiven.

Die reale Dringlichkeit, den Zusammenhang von Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen zu fassen, zeigen allein verschiedene soziodemographische Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. Dazu zählen etwa die partielle »Feminisierung der Lohnarbeit«,¹ die Diversifizierung der Lohnabhängigen unter anderem im Hinblick auf Migrationshintergründe und das Anwachsen des prekären Beschäftigungssektors. Die Frage nach dem Verhältnis verschiedener Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse entspringt also nicht bloß politischer Konjunktur, sondern materieller gesellschaftlicher Realität, die der Analyse und Bearbeitung bedarf.

Darauf antwortet die politische und gesellschaftsanalytische Agenda des Intersektionalismus. In ihrem Mittelpunkt steht das Postulat, Herrschafts- und Diskriminierungsverhältnisse politisch und analytisch immer als gleichrangige anzugehen, vor allem mit Fokus auf Aspekte der persönlichen Erfahrung, der sozialen Position, verstanden als »Identität«, und der Repräsentation. Damit versammelt der Intersektionalismus ein uneinheitliches politisches, publizistisches und kulturelles Spektrum, das von liberalen Stimmen bis zu Teilen der herrschaftskritischen und außerparlamentarisch-aktivistischen Linken reicht.

Identität und Identitätspolitik

Die intersektionalistische Agenda soll im Folgenden einer Kritik unterzogen werden. Zu monieren ist keineswegs das Anliegen, Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse als zusammenhängende kenntlich zu machen und zu politisieren – die Absicht, sie umfassend anzugehen muss im Gegenteil als Chance für politische Bewegungen und unterstützenswertes Ziel begriffen werden. Kritikwürdig ist, wie das geschieht: Im Intersektionalismus werden Ungleichheitsverhältnisse und ihre Überschneidung beschrieben, aber nicht erklärt; die Gesellschaftsanalyse erschöpft sich trotz anderslautendem Anspruch im Aufsummieren von Diskriminierungsverhältnissen. Der grundlegende Stellenwert von Ausbeutungsverhältnissen und Klasseninteressen sowie ihre Vermittlung in Politik und Kultur lässt sich auf diese Weise nicht thematisieren. Auch der heute dringend erforderliche Anschluss an den Fundus materialistischer Analysen, etwa zu Rassismus oder Geschlechterverhältnissen, wird so blockiert. Der Intersektionalismus gibt daher keine Agenda für grundsätzlich gesellschaftskritische Analyse und Politik her.

Der Zusammenhang von Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen wird – wie etwa die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung zeigt – nicht erst mit dem Konzept der Intersek­tionalität diskutiert. Die so bezeichneten Ansätze gehen auf soziale Bewegungen des US-amerikanischen Black Feminism sowie das Combahee River Collective (CRC) zurück und wurden maßgeblich durch die Arbeiten der US-Juristin Kimberlé Crenshaw, der Soziologin Patricia Hill Collins und der Literaturwissenschaftlerin bell hooks akademisiert.² Die Mitglieder des CRC, das zwischen 1974 und 1980 existierte, waren afroamerikanische Feministinnen, unter ihnen Barbara Smith, Demita Frazier und Beverly Smith als Hauptautorinnen eines bekannten Statements des Kollektivs von 1977. Sie erläutern darin den Hintergrund ihrer Arbeit, der in der linksliberalen Intersektionalitätsliteratur vernachlässigt wird: »Wir erkennen, dass die Befreiung aller unterdrückten Völker die Zerstörung der politisch-ökonomischen Systeme des Kapitalismus und Imperialismus sowie des Patriarchats erfordert. Wir sind Sozialistinnen, weil wir glauben, dass die Arbeit zum kollektiven Nutzen derjenigen organisiert werden muss, die die Arbeit verrichten, (…) und nicht für den Profit der Bosse. (…) Wir sind jedoch nicht überzeugt, dass eine sozialistische Revolution, die nicht auch eine feministische und antirassistische Revolution ist, unsere Befreiung garantieren wird. Wir stehen vor der Notwendigkeit, ein Verständnis von Klassenverhältnissen zu entwickeln, das die spezifische Klassenposition schwarzer Frauen berücksichtigt.«

Vor diesem Hintergrund formuliert das CRC die These, Systeme der »rassischen«, sexuellen, heterosexuellen und Klassen-Unterdrückung griffen ineinander. Worauf diese beruhen und wie sie genau zusammenhängen, bleibt allerdings offen. Dafür erläutern die Autorinnen die Form ihrer politischen Arbeit: Im CRC-Statement ist erstmalig die Rede von »Identitätspolitik«, wenngleich »Identität« in den USA bereits seit den 1960ern ein Begriff des Befreiungskampfes war. Im Statement heißt es weiter: »Wir erkennen, dass die einzigen Menschen, die sich genug um uns kümmern, um konsequent für unsere Befreiung zu arbeiten, wir selbst sind. Diese Konzentration auf unsere eigene Unterdrückung artikuliert sich im Konzept der Identitätspolitik (…) im Gegensatz zur Arbeit, um die Unterdrückung anderer zu beenden.« Barbara Smith stellte später klar, dass damit nicht gemeint war, Gruppen sollten ausschließlich identitätspolitisch arbeiten. Ebenso erklärte Demita Frazier, das Kollektiv habe mit der Arbeiterbewegung kooperiert.

Akademisches Konzept

Geprägt wurde der Intersektionalitätsbegriff von Kimberlé Crenshaw. Ihr Ausgangspunkt war das damalige US-Antidiskriminierungsrecht. Die Gerichte, so Crenshaw, ignorierten die Überschneidung der Diskriminierung von Afroamerikanerinnen, die gleichermaßen anlässlich ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts benachteiligt würden. Den Neologismus »Intersectionality« leitete sie von »Intersection«, also Kreuzung, ab. Für Crenshaw bedeutet er, mehrere »Achsen der Diskriminierung« als sich wechselseitig konstituierende zu begreifen. Entsprechend kritisiert sie, die Frauenbewegung konzentriere sich einseitig auf die Erfahrungen weißer Frauen, während die antirassistische Bewegung Geschlechterverhältnisse vernachlässige. Intersektionalität ist im Kontext sozialer Bewegungen also ursprünglich ein Plädoyer für mehrdimensionale (Identitäts-)Politik. Anders als die CRC-Aktivistinnen ist Crenshaw keine Sozialistin – entsprechend ihrer juristischen Fragestellung geht es bei ihr um Diskriminierung, die sie innerhalb des gesetzlichen Rahmens sicht- und veränderbar machen will. Ihr Gegenbegriff zu Diskriminierung ist der des »Privilegs«, wie er von Peggy McIntosh bekannt gemacht wurde. Crenshaw geht davon aus, dass die gemeinsame Erfahrung von »Rasse« sowohl »eine primäre Gruppenidentität als auch ein gemeinsames Gefühl, von außen angegriffen zu werden«, erzeuge.

Kollektive Identität versteht sie damit als quasi unmittelbares Resultat von Gruppenzugehörigkeit und Erfahrung, was in mehrfacher Hinsicht problematisch ist: Erstens wird »Identität« so als ein Phänomen verstanden, das ausschließlich oder überwiegend passiv entsteht, also durch das, was Menschen von anderen angetan wird; zweitens unterschätzt ein solches Verständnis die Verschiedenheit von Erfahrungen innerhalb einer Gruppe, und zwar selbst dann, wenn mehrere Merkmale in Betracht gezogen werden; drittens wird nicht berücksichtigt, dass Menschen aus denselben Erfahrungen unterschiedliche politische Schlussfolgerungen ziehen und etwa liberale, konservative oder sozialistische Lösungsansätze wählen können. Der Begriff der »Identität«, wie er im Anschluss an Crenshaw und im Rahmen des heutigen Intersek­tionalismus in der Regel gebraucht wird, legt damit nahe, den Zusammenhang zwischen sozialer Lage, persönlichen Erfahrungen und politischer Orientierung zu vereinfachen, indem er Auswirkungen gesellschaftlicher Verhältnisse unmittelbar zu einem persönlichen bzw. kollektiven Attribut verdinglicht.

Beiträge zur Intersektionalitätsdebatte zählen oft mehrere Ungleichheitsverhältnisse auf, ein rein additives Verständnis von Diskriminierungserfahrungen wird aber meist abgelehnt. Nira Yuval-Davis betont, dass soziale Spaltungen sich »gegenseitig konstituieren und ineinander verwoben sind, obwohl sie jeweils ihre eigenen separaten Diskurse haben und nicht aufeinander reduzibel« seien. Die Kreuzung von Unterdrückungsverhältnissen schaffe keine zusätzliche Diskriminierung, sondern eine eigenständige neue samt entsprechender Erfahrungen und Identitäten. Ursprung und Konstitution der Herrschaftsverhältnisse vor ihrer Kreuzung werden dabei jedoch nicht erklärt. Außerdem variiert, welche Ungleichheitsverhältnisse über »Race«, Class und Gender hinaus als zentral identifiziert werden – und aufgrund welcher Kriterien.

Ebenen der »Intersektion«

Unklar bleibt meist auch, auf welcher Ebene die Überlagerung der Ungleichheitsverhältnisse eigentlich gedacht werden soll: Sind es die analytischen Kategorien, die sich überschneiden und »intersektional« begriffen werden, sind es Identitäten oder die sozialen Verhältnisse selbst? Leslie McCall hat drei methodologische Ansätze unterschieden: Antikategoriale Ansätze verfolgten eine Dekonstruktion analytischer Kategorien selbst, deren begriffliche Fixierungen per se als problematische Reduktion der Realität verstanden werden; intrakategoriale Ansätze zielten darauf, verschiedene soziale Ungleichheiten innerhalb von sozialen Gruppen – etwa Frauen, Schwarzen oder Homosexuellen – sichtbar zu machen; interkategoriale Ansätze konzentrierten sich auf die Beziehungen zwischen den Kategorien und den sozialen Gruppen, die diese konstituieren. McCall, die selbst für eine interkategoriale Vorgehensweise optiert, zeigt damit auch die sozialtheoretische Vielfalt von Intersektionalitätskonzeptionen auf. Bis heute gibt es in der Debatte keinen Konsens über die Frage der Ebenen der »Intersektion«. Gemein ist den genannten Ansätzen allerdings, dass sie nicht entwickeln, in welchem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang die analytischen Kategorien, Identitäten oder sozialen Verhältnisse eigentlich produziert und reproduziert werden, die dann »intersektional« zu betrachten seien.

Werden Ebenen sozialer Realität klarer genannt, bleiben sowohl deren Verhältnis zueinander als auch der zugrundeliegende Gesellschaftsbegriff unklar. Hill Collins hat die sozialwissenschaftliche Intersektionalitätsdebatte unter anderem um das Konzept der »Herrschaftsmatrix« ergänzt. Mit ihm soll konkret untersucht werden, wie die »sich überschneidenden Unterdrückungen tatsächlich organisiert sind«. Sie unterscheidet die Strukturebene (Justiz, Arbeits- und Wohnungsmärkte, Bildungseinrichtungen usw.) sowie Bereiche der Disziplinierung und Hegemonie (Kultur, Ideologie, Common Sense), außerdem einen Bereich der interpersonellen Beziehungen und des Alltagshandelns. Alle diese Ebenen, insbesondere die Institutionen und ihre Regelwerke, seien zum Nachteil schwarzer Frauen konfiguriert.

Hill Collins berücksichtigt auch klassenförmige Herrschaft, allerdings verkürzt auf Benachteiligung aufgrund der sozialen Lage. Ökonomie und Produktionsverhältnisse werden damit allenfalls als Teil vage bestimmter sozialer Institutionen und Ausbeutung als Bestandteil von Herrschaft begriffen. Die zentralen sozialen Verhältnisse und ihre Strukturierung werden vielmehr in der Gesamtheit sozialer Institutionen und deren Regelwerk ausgemacht. Gesellschaft muss dann als Summe der – von diskriminierenden Regeln durchzogenen – Institutionen erscheinen. Eine dynamische gesellschaftliche Struktur im Sinne sozioökonomischer Produktionsbeziehungen, die sich gegenüber den einzelnen als Klassenstruktur verdinglicht haben, existiert nicht. Entsprechend können etwa auch Kultur oder Politik nicht als mit dieser Struktur – innerhalb derer sie Mittel zur Aufrechterhaltung der Ausbeutungsverhältnisse und Terrain sozialer Auseinandersetzungen sind – vermittelte Felder verstanden werden.

Beschreibung, nicht Erklärung

In der Regel wird Intersektionalität nicht als eigenständige Gesellschaftstheorie, sondern als Analyseinstrument und Methode verstanden. Ungeachtet dessen müssen gesellschaftstheoretische Mängel entsprechender Ansätze kritisiert werden, weil der Intersektionalismus als normatives Programm für die Gesellschaftsanalyse und Kritik angeblich eindimensionaler Sozialtheorien auftritt. Daraus resultieren zugleich folgenreiche politische Konsequenzen.

»Intersektionalität« liefert allenfalls eine Beschreibung, aber keine Erklärung von Ungleichheitsverhältnissen, ihrem Zusammenhang oder Wandel. Zwar werden mitunter Funktionsweisen und die Geschichte einzelner Unterdrückungsverhältnisse dargestellt. Über deren Konstitution wie auch die Gründe ihres Wandels – inwiefern etwa die historisch und geographisch spezifische Gestaltung rassistischer Ideologie und patriarchaler Geschlechterverhältnisse mit Veränderungen in den Produktions- und internationalen Ausbeutungsverhältnissen zusammenhängen – geben Intersektionalitätsansätze keine Auskunft.

So bleibt unklar, was der dynamische und strukturierende Faktor im Zusammenhang von Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen ist und warum ihr Verhältnis in verschiedenen historischen Gesellschaftsformationen unterschiedlich ausfällt. Trotz gegenteiliger Proklamation mündet »intersektionale« Gesellschaftsanalyse so in eine Aufzählung von Herrschaftsverhältnissen und »Identitäten«, deren Überschneidung letztlich nur tautologisch gefasst werden kann: Herrschaftsverhältnisse kreuzen sich, weil sie sich eben kreuzen.
Dies liegt auch am bereits genannten Problem, dass die meisten Intersek­tionalitätsansätze keinen klaren Begriff von Gesellschaft oder gesellschaftlicher Totalität ausweisen. Die zentralen sozialen Verhältnisse, auf die sie implizit abstellen, sind ein unbestimmtes Nebeneinander von Ungleichheitsverhältnissen, das wahlweise in diskriminierenden Ideologien, Kultur, Sprache oder der Gestaltung sozialer Institutionen gründen soll. Ohne Begriff von Gesellschaft und ihren Strukturprinzipien lässt sich aber auch kein Ansatzpunkt für politische Strategien finden, mit denen Klassen- und Unterdrückungsverhältnisse erfolgreich bekämpft werden können. Die politische Agenda des Intersektionalismus erschöpft sich daher oft im Aufzählen diverser Anti-Ismen. Wo darüber hinaus gegangen wird, gelten Identität, Ideologie, Kultur, Sprache, Gesetze, institutionelle Regelwerke und Ökonomie als politisch und analytisch gleichermaßen zentral. Dieser vermeintliche Vorteil läuft jedoch darauf hinaus, dass keine politischen Angriffspunkte für gesamtgesellschaftliche Veränderungen identifiziert werden können.

Die politische und analytische Gleichrangigkeit aller gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse, die zu den Kernpostulaten des Intersek­tionalismus gehört, wird zudem eher dogmatisch gesetzt als theoretisch begründet oder empirisch belegt. Qualitative Differenzen zwischen Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen werden nivelliert und ihr struktureller Zusammenhang eher verwischt als klarer gefasst. So wird die Analyse der Strukturierung etwa von Reproduk­tions-, Geschlechter- und Naturverhältnissen durch Produktions- und Klassenverhältnisse theoretisch ausgeklammert und mit politisch-normativer Hierarchisierung verwechselt. Der regelmäßig gegenüber dem Marxismus erhobene – und nur selten mit Belegen versehene – Vorwurf, Ungleichheitsverhältnisse würden aufgrund eines »ökonomistischen« Gesellschaftsverständnisses in »Haupt- und Nebenwidersprüche« eingeteilt, übersieht jedoch: Aus der notwendigen Analyse und Kritik des grundlegenden gesellschaftlichen Vermittlungs- und Strukturzusammenhanges verschiedener Herrschaftsformen folgt weder deren politisch-moralische Abwertung als »weniger schmerzhaft« oder »weniger wichtig« noch ein zeitlicher Aufschub ihrer Bekämpfung.

Mehr Materialismus wagen

Ausbeutung und Unterdrückung werden im Rahmen des Intersektionalismus diskriminierungstheoretisch verengt und allein auf der Ebene von Identität und Erfahrung verhandelt. Dies gilt auch für Klassenverhältnisse, die meist im Sinne sozialer Benachteiligung auf »Klassismus« reduziert werden. Der Zusammenhang etwa von Produktions- und Reproduktionsverhältnissen mit Geschlechterverhältnissen und -identitäten lässt sich im Modus von Antidiskriminierung aber nicht fassen, und die theoretische Vermittlung von subjektiver Erfahrung, »Identität« und sozioökonomischer Grundstruktur der Gesellschaft ist mit dem Instrumentarium der meisten Intersektionalitätsansätze nicht zu leisten.

Die Politisierung gesellschaftlicher Widersprüche vorrangig oder allein als Anerkennungs- und Repräsentationsfragen ist deshalb im verkürzten Zugriff auf soziale Strukturverhältnisse angelegt. Zu kritisieren ist wohlgemerkt nicht, dass Erfahrung und subjektive Betroffenheit zum Ausgangspunkt politischen Handelns werden – da sie so jedoch auch dessen Hauptbezugspunkt bleiben, können sie nicht als Erfahrungsformen der ursächlichen kapitalistischen Verhältnisse gefasst werden, deren Umwälzung Bedingung für einen gesellschaftlichen Zustand wäre, »in dem man ohne Angst verschieden sein kann« (Adorno). Statt dessen steht oft die eigene »Positioniertheit« im Rahmen von »Privilegien« und deren Reproduktion durch Sprache und Verhalten im Mittelpunkt; der politische Fokus wird so auf individuelles Handeln statt auf die sozialen Ursprünge von Unterdrückungsverhältnissen gelegt. Trotz mitunter gegenteiliger Absichten oder radikaler Rhetorik harmoniert der Intersektionalismus in seiner hegemonialen Form deswegen nicht zufällig mit kapitalkonformen Diversity-Programmen, die auf die Vereinnahmung emanzipativer Anliegen zielen. Dass es auch reaktionäre und konservative Polemiken gegen »Identitätspolitik« gibt, die sich gegen die Interessen von Marginalisierten überhaupt richten, nicht gegen die konkrete Form ihrer Politisierung, schmälert nicht die Notwendigkeit linker Kritik daran.

Die richtige Antwort auf den Intersektionalismus kann aber keine Form selbstgenügsamer Abgrenzung von Identitätspolitik und Linksliberalismus sein, die nur ostentativ linke Traditionen oder den Kanon des Marxismus beschwört. Vielmehr gilt: Marxistische Theorie zu verteidigen heißt, sie produktiv anzuwenden. In diesem Sinne wären Versäumnisse aufzuarbeiten und Analysen zu erneuern. Dazu muss der Fundus materialistischer Theorien und Analysen etwa des Rassismus oder der Geschlechterverhältnisse neu erschlossen und aufbereitet werden, der weitgehend brachliegt und durch den Intersektionalismus heute noch weiter marginalisiert wird.

So könnte marxistische Theorie helfen, gesellschaftliche Widerspruchsfelder (wieder) mit einer sozialistischen Agenda zu politisieren, ohne ihren Zusammenhang nur als beliebiges Nebeneinander zu fassen. Entsprechende Ansätze zur Verbindung von Ausbeutungs- und Unterdrückungsfragen hat es in der Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Bewegung immer wieder gegeben – sie sind aber vergessen, nicht weiter ausgearbeitet und auch aktiv marginalisiert worden. Eine entsprechende Erneuerung sozialistischer Politik, die Identitäts- auch als Klassenfragen stellen kann, wird jedoch nur in Abgrenzung vom linksliberalen Intersektionalismus stattfinden können.

Anmerkungen

1 Vgl. Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Ausgaben 110 (­Juni 2017) und 120 (Dezember 2019)
2 Intersektionalität war von Beginn an ein politisch-aktivistisches und theoretisches Konzept zugleich, dessen Ursprünge in den sozialen Bewegungen schwarzer Frauen der 1960er bis 1980er Jahre verortet werden

John Lütten ist Doktorand am Institut für Soziologe an der Universität Jena und Redakteur der Zeitschrift Z. Christin Bernhold ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographie der Universität Hamburg. Felix Eckert ist Student der Politikwissenschaft an der nämlichen Akademie.

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