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Aus: Ausgabe vom 31.05.2021, Seite 8 / Ansichten

Armutsporno des Tages: Sat.1

Von Maximilian Schäffer
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Weiß, wo Schluss ist: Ikke Hüftgold

Die Absetzung der Sat.1-Armutspornosendung »Plötzlich arm, plötzlich reich« haben Zuschauer dem Saufsänger Ikke Hüftgold zu verdanken. Wer ihn nicht kennt: Hüftgold, bürgerlich Matthias Distel, singt sonst am Goldstrand von Bulgarien für die dichtesten der Dichten Stimmungslieder wie »Dicke Titten, Kartoffelsalat«. Auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte Hüftgold nun ein empörtes Video mit Einblicken in die Machenschaften des Reality-TV. Trotz offensichtlicher massiver psychischer Probleme zweier teilnehmender Kinder der »Asi«-Familie, trotz (oder gerade wegen) der erschütternden Lebensumstände im Sozialbau sollte gedreht werden. Kritische Fragen wurden von der Redakteurin der zuständigen Produktionsfirma Imago-TV aus Berlin zunächst abgeblockt.

Im Verlauf der Dreharbeiten, so Hüftgold, fand er heraus, dass die durch frühere Misshandlungen im Elternhaus schwer traumatisierten Kinder während der Anwesenheit des Fernsehteams Selbstmordabsichten äußerten sowie selbstverletzendes Verhalten zeigten. Beides zunächst kein Grund für den Sender abzubrechen. Die Firma Imago-TV stellt übrigens auch die Formate »Mein Kind, dein Kind«, sowie »Das Beste für mein Kind« für die RTL-Tochter Vox her.

»Frauentausch«, »Supernanny« oder gar die Seriendokumentation über »Familie Ritter« von Stern-TV, schlagen seit Jahrzehnten in dieselbe Kerbe wie »Plötzlich arm, plötzlich reich«. Trotz offensichtlichen Elends werden Schutzbedürftige vor laufenden Kameras ausgebeutet, Rechtfertigungsversuche können nichts anderes als zynisch sein – Amoralorgien stützen das System.

Deutsche schauen nach acht Stunden am Band oder Herd gerne zu, in den Zoo gehen ist teuer. Am 26. September wählt das Volk wieder eine Regierung, die gesichert weiterhin Menschenmaterial zum belustigenden Abfilmen zur Verfügung stellt. Mein Land, dein Land.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Max G. (31. Mai 2021 um 12:12 Uhr)
    Das ist also diese »geistig-moralische Wende«, die Helmut Kohl, der Vater des deutschen Privatfernsehens, uns zu Lebzeiten noch versprach, würde man ihn doch nur wählen. Die (West-)Deutschen haben ihn gewählt, die (Ost)-Deutschen sind für das Recht, ihn zu wählen, auf die Straße gegangen - und jetzt haben die Deutschen bekommen, was sie wollten.

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