1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Freitag, 25. Juni 2021, Nr. 144
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 29.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Komische Kunst

Bomben für Broder

Und andere Irre: Eine Rundumrufschädigung zur 500. Titanic-Ausgabe
Von Torsten Gaitzsch
10_ MOIRE.jpg
Steht so in den allgemeinen Geschäftsbedingungen: New York, retuschiert mit Atompilz (1950)

Hätten Sie’s gewusst? Soeben ist die 500. Ausgabe des endgültigen Satiremagazins Titanic erschienen. Unzählige freie Autorinnen und Autoren haben sich darin im Laufe seines über 40jährigen Bestehens verewigt. Einige von ihnen haben rechtzeitig den Absprung geschafft, manche vor so langer Zeit, dass man sie nimmermehr in jenem Schmuddelblatt verorten würde. Doch Papier ist geduldig. Zeit für einen erhellenden Deepdive in die Frankfurter Archive.

Flirten in »Kenya«

Besonders in den Titanic-Anfangsjahren wimmelt es in den Inhaltsverzeichnissen von Namen, die heute im Zusammenhang mit allerlei unanrüchigen Projekten in Kunst und Kultur fallen. (Dass der Frauenanteil im Gegensatz zu kommenden Ären erfreulich hoch war, wäre Stoff für einen eigenen Artikel.) Vor allem fällt auf: So mancher (spätere) VIP gibt sich Anfang der 1980er Jahre in Titanic die Ehre. So etwa Popprofessor ­Diedrich Diederichsen im Juni 1984: mit einer Analyse der ARD-Musikparade »Formel 1« (»die Grundlage für ein einheitliches deutsches Popbewusstsein«). Tilman Jens († 2020), Sohn von Walter, verewigt sich im Augustheft 1984 mit einem offenen Brief an den Stern-Chefredakteur Rolf Winter. Das medienhistorisch interessante Stück ist eine Mischung aus persönlicher Rechtfertigung – Jens war kurz zuvor vom Stern gefeuert worden – und der grundsätzlichen Erörterung »Was darf ein Journalist?« Und dass im selben Heft auch noch Erwin Kishon – ach nein, das ist eine Parodie von Robert Gernhardt …

Im September 1981 wiederum teilt Henryk M. Broder Eindrücke eines prickelnden Urlaubs in »Kenya« (sic), Flirttips und seine Meinung zur negativen Konnotation des Ausdrucks »Lustobjekt«: »Ich betrachte ungefähr jede zweite Frau, der ich begegne, als einen möglichen Sexualpartner.« Einen Monat später behandelt Broder das Titelthema Neutronenbombe (legendäres Titelbild: »Rums! – da ist der Heiland weg«). Die Stationierung einer solchen Waffe auf deutschem Boden war damals offenbar der debattenmäßige Spaltpilz Nummer eins, für Broder indes kein Grund zur Beunruhigung. Nicht nur vergleicht er den potentiellen Einfluss der Neutronenbombe auf einen Atomkrieg mit dem einer »Zigarette auf den Gesundheitszustand eines rettungslos Lungenkrebskranken«, auch gibt er zu bedenken, dass es angesichts der weltweit gelagerten Atomwaffen »auf die Neutronenbombe auch nicht mehr an(kommt)«. Indes walte das Prinzip, Sachen zu schonen, während Leben vernichtet wird, schon zu Friedenszeiten, die neuartige Bombe sei mithin das folgerichtige »Endprodukt einer Moral, die den Boden für unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen stellt«. Insgesamt ein doch recht cleverer, ausgewogener Beitrag, der den späteren Broderschen Wahnsinn bereits in Ansätzen erahnen lässt.

Scheel klatscht

Weiter bzw. zurück. 01/81: Der immens umtriebige Dramatiker, Librettist, Romancier, Drehbuch- und Hörbuchautor Herbert Rosendorfer spielt in der äußerst lustigen Kurzgeschichte »Die Rache der Chinesen« die inzwischen zum Klischee gewordene dumme Frage durch, was passieren würde, wenn das ganze chinesische Volk gleichzeitig vom Stuhl spränge. Die kürzlich in einer Onlineausstellung des Willy-Brandt-Hauses porträtierte, 1927 geborene Peggy Parnass, die nach einer bewegenden Kindheit und Jugend u. a. als Übersetzerin, Filmkritikerin, Schauspielerin und langjährige Gerichtsreporterin für Konkret reüssierte, stellt für Titanic in einem eindringlichen, gänzlich unsatirischen Bericht dar, »wie Angeklagte schon vor dem Richterspruch fertiggemacht werden« (03/80).

imago0057027195h.jpg
Die Titanic-Ausgabe 4/2009 zu 20 Jahren »Einheit«

1983, Maiausgabe, fantasiert Martin Mosebach in einer zweiseitigen Regieanweisung das Making-of eines Pressefotos, das anlässlich des 60. Geburtstags von Hildegard Hamm-Brücher entstand und u. a einen irre klatschenden Walter Scheel zeigt. Durchaus schelmisch und mit Sinn für tieferen Unsinn. Vier Monate später: Wolfgang Krischke, zur Zeit in Feuilleton und Wissenschaftsteil der FAZ für sprach- und sonstige wissenschaftliche Themen zuständig, würdigt anlässlich des 30jährigen Bestehens der Talksendung »Internationaler Frühschoppen« deren Moderator Werner Höfer – wobei er dessen Rolle als Propagandaschreiberling in der Nazizeit, die in allen Details erst ein paar Jahre später durch den Spiegel an die Öffentlichkeit gebracht werden musste, mit ein paar lapidaren Zeilen abtut: »Sein journalistisches Handwerkszeug hatte er sich (…) erworben (…) beim bürgerlichen Intelligenzblatt ›Das Reich‹, dessen Mitarbeiter während der ›zwölf dunklen Jahre‹ ihren Lesern und sich selbst die Wirklichkeit idealistisch erhellt hatten.« Man wusst’s halt nicht besser in der alten Bundesrepublik.

Lasst sie brennen

In einer Reihe namens »Das Buch, das von mir aus untergehen soll« wirbt die Redaktion sogar gezielt Personen des öffentlichen Lebens an, auf dass diese vorstellen, was die Rubrik ankündigt. Den Auftakt besorgt im April ’82 das zu dieser Zeit in Frankfurt lebende späterhinnige Schweizer Nationalheiligtum Urs Widmer. Sein Hasswerk: der Duden; wobei er von Hass gar nicht reden mag: »Ich hasse überhaupt kein Buch, von manchen lese ich einfach nur die ersten zwei Seiten und stelle mir den Rest dann vor.« Doch sieht Widmer in dem Orthographieregelwerk ein für Politik und Zeitgeist symbolisches Gesellschaftsregularium, einen Teil des »scheinheiligen Umsorgungsprogramms«, dank dem »wir Großen wirklich fast vergessen, dass es niemanden gibt, der neugieriger ist als ein kleines Kind«. Als Konsequenz plädiert er »also für eine sofortige bedingungslose Freigabe der Rechtschreibung«. Elke Heidenreich (6/82) hingegen wählt mit erfrischender Galligkeit – »ich bin fürs Bücherverbrennen« – den »Fürstlichen Begleiter für Feinschmecker«, stellvertretend für »das überkandidelte Zeug, das sich allmählich dank Siebeck (i. e. Wolfram, Gastropapst bei Zeit et al., auch schon tot, Th. G.) und Nachahmern als wichtig breitmacht« und »hochtrabendes Speisegetue« perpetuiere, welches »das wirklich gute Essen auf die Dauer verdirbt«.

Auch wenn die Quote schillernder Persönlichkeiten in den folgenden Dekaden abnehmen sollte, zog Titanic immer wieder ebensolche an. Dass die Leserinnen und Leser unter vielen anderen mit Osman Engin, Julia Trompeter, Serdar Somuncu und Friedemann Weise Bekanntschaft machten, erfahren Sie in der Fortsetzung zu diesem Artikel, pünktlich zur 1.000. Ausgabe.

Torsten Gaitzsch ist seit 2011 Redakteur des endgültigen Satire­magazins Titanic

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

Mehr aus: Feuilleton