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Aus: Ausgabe vom 29.05.2021, Seite 8 / Inland
Jugend gegen Räumung

»Kultur- und Wohnraum wird zur Ware«

Berlin: Jugendliche kämpfen und demonstrieren gegen Verdrängung von Zentren und Kiezkneipen. Ein Gespräch mit Luise Keller
Interview: Gitta Düperthal
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Der Protest gegen Verdrängung wird auf vielfältige Weise ausgedrückt (Berlin, 2.1.2019)

Für diesen Sonnabend sind Jugendliche in Berlin zur Teilnahme an einer Demonstration unter dem Motto »Alles, was rollt« aufgerufen. In welcher Form soll der Protest gegen Verdrängung stattfinden?

Jugendliche können mit Fahrrädern, Rollstühlen, Skateboards, Einrädern und Ähnlichem kommen. Es soll ein buntes, kreatives und bewegtes Bild geben. In der Coronazeit lässt sich so entspannter Abstand halten.

Ihr Bündnis »Jugend braucht Raum« kritisiert, dass immer mehr Jugendzentren, sogenannte Spätis und Kiezkneipen durch die Gentrifizierung in Berlin verschwinden. Können Sie Beispiele dafür nennen?

Grundsätzlich haben wir großes Glück, in Berlin zu wohnen, weil es eine lebendige Metropole ist. Leider aber nehmen Räumungen und deren Androhung hier ständig zu. Der Späti Raumer 6, das »Syndikat«, die »Meuterei« und die »Liebig 34« wurden geräumt: Das waren alles alternative Räume, wo Jugendliche sich gern aufhalten. Das selbstverwaltete Zentrum »Potse« ist räumungsbedroht, ebenso die Rigaer Straße 94. Dort soll am 17. und 18. Juni eine Begehung stattfinden, angeblich wegen Brandschutz. Wir wissen, dass das vorgeschoben ist, weil das teilbesetzte Haus schon lange unter Räumungsdruck steht. Darin gibt es seit fünf Jahren die sogenannte Keimzelle, einen von Jugendlichen genutzten Raum mit selbst organisierten Filmabenden, Werkstätten und Workshops. Überall berichten Jugendliche, die sich kollektiv treffen, das gleiche: Sie wissen nicht, ob sie ihre Räume behalten können. Stets geht es nur um Profitinteressen. Kultur- und Wohnraum wird zur Ware.

Junge Menschen sind während der Pandemie vor häuslicher Gewalt oft ungeschützt. Daher muss es Raum geben, sich unabhängig von der Familie bewegen zu können. Andere wohnen, arbeiten oder lernen im Stadtzentrum. Werden sie in ihrer Freizeit an den Rand der Stadt gedrängt, ist das ein Problem.

Stehen auch die Jugendtheater derzeit vor dem Aus?

Zwar sind etwa das Theater X und die Popelbühne nicht akut von Räumung bedroht, aber die Theaterleute können die hohen Mieten teilweise nicht zahlen und müssen Spenden eintreiben. All das ist ein Problem des Kapitalismus. Statt dass in Jugendkultur und -bildung strukturell und langfristig investiert wird, müssen sich Kulturprojekte ständig von Antrag zu Antrag hangeln, um Förderungen zu erhalten.

Regierungen des Bundes und der Länder betonten während der Pandemie stets, wie wichtig Schule für Jugendliche sei.

Für uns ist Bildung und Kultur der Schlüssel, um solidarisches Miteinander in der Gesellschaft zu erlernen. Der Staat hat sich darum nie gekümmert. Auch Schule sollte sich dem stärker widmen. Mitunter sind Lehrerinnen und Lehrer nur Autoritätspersonen. Nun soll zudem noch vorgegeben werden, wie wir unsere Freizeit verbringen. Wenn jetzt der von uns selbst aufgebaute kulturelle Sektor wegbricht, ist das schlimm. Die Berliner »rot-rot-grüne« Regierung kann nicht behaupten, die Jugend fördern zu wollen, und gleichzeitig planen, die Potse zu räumen. Um die Räumung aufzuschieben, mussten wir eine hohe Summe von 10.000 Euro zur Sicherheit hinterlegen. Fragt sich: Wo setzt die Berliner Regierung eigentlich ihren Schwerpunkt?

In Berlin und bundesweit wird im September gewählt. Haben einige Parteien Jugendliche mehr auf dem Schirm als andere?

Wir fordern, Jugendliche aktiv in die Gesellschaft einzubeziehen; etwa, wenn es darum geht, wie der Kiez gestaltet werden soll. Wir wollen angehört werden und erwarten, dass unsere Forderungen umgesetzt werden. Statt dessen sehen wir unter einer SPD/Die Linke/Bündnis 90/Die Grünen-Regierung eine Welle von Räumungen. Weil wir eher links orientiert sind, wollen wir Jugendliche zusammen mit anderen für eine Welt ohne Rassismus und mit einer lebenswerten Umwelt kämpfen. Die konservativen und rechten Parteien orientieren sich noch mehr an der Wirtschaft, setzen sich noch weniger für Menschen ein.

Luise Keller ist Aktivistin des Bündnisses ­»Jugend braucht Raum«

»Alles was rollt«-Demo, 29. Mai, 13 Uhr, Moritzplatz, Berlin

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