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Aus: Ausgabe vom 29.05.2021, Seite 1 / Titel
Belarus

Die Amis und der Neonazi

Belarus: Festgenommener Blogger hat im faschistischen Bataillon »Asow« in der Ukraine gekämpft und ist im State Department empfangen worden
Von Reinhard Lauterbach
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Die Kampfgefährten von Raman Pratassewitsch beim Asow-Bataillon gedenken ihrer »Helden« (Kiew, 14.3.2020)

Der festgenommene belarussische Oppositionsaktivist Raman Pratassewitsch hat eine weit rechtere Vergangenheit, als es westliche Medien bisher dargestellt haben. Der Chef des belarussischen Geheimdienstes KGB, Iwan Tertel, sagte am Mittwoch vor dem Parlament des Landes, Pratassewitsch habe 2014/15 im ukrainischen Neonazibataillon (inzwischen: Regiment) »Asow« im Donbass gekämpft. Das erfülle die Tatbestände des Terrorismus und des Söldnertums.

Der Einsatz von Pratassewitsch bei »Asow« wird auch von ukrainischer Seite nicht mehr bestritten. Andrej Bilezkij, früherer Chef der Einheit, sagte gegenüber dem ukrainischen Dienst der BBC, »Raman« habe »in unseren Reihen gegen die Okkupation der Ukraine gekämpft« – als Journalist – »mit den Waffen des Wortes«.

An dieser Stelle kommt der US-amerikanische Aspekt der Vergangenheit von Pratassewitsch ins Bild. Er hat selbst behauptet, sich im Donbass als Videojournalist für Radio Liberty betätigt zu haben, dem in Prag ansässigen US-Propagandasender. Russische und oppositionelle ukrainische Medien veröffentlichen darüber hinaus Hinweise darauf, dass Pratassewitsch im »Pressedienst« des Asow-Bataillons tätig gewesen sein dürfte. Darunter ist eine Ausgabe der »Hauszeitschrift« des Bataillons, Schwarze Sonne. Auf einer Titelseite aus dem Jahr 2015 ist ein junger Mann in Kampfmontur zu sehen – Pratassewitsch zumindest sehr ähnlich. Das Blättchen steckt voller faschistischer Bekenntnisartikel und homofeindlicher Propaganda. Obwohl der US-Kongress schon 2015 jede direkte US-Unterstützung des Asow-Bataillons wegen dessen faschistischer Orientierung verboten hatte, gelangte Pratassewitsch in den Genuss von US-Stipendien zur »Talentförderung«; dabei wurde er, wie Selfies von ihm zeigen, 2018 sogar im US-Außenministerium empfangen.

In sozialen Netzwerken fanden russische Journalisten zudem Selbstporträts mit einem schweren Maschinengewehr oder wie Pratassewitsch gemeinsam mit anderen Kämpfern von »Asow« in Reih und Glied steht. Außerdem veröffentlichte das nationalistische belarussische Portal Nascha Niwa 2015 ein Interview mit einem in den Reihen von »Asow« kämpfenden Belarussen, das mit einem Foto illustriert ist, das bis auf das verpixelte Gesicht mit einem der Selfies von Pratassewitsch identisch ist. Darin erklärt der Interviewte, er sei 2014 auf eigene Initiative in die Ukraine gegangen, um »gegen die russischen Horden« zu kämpfen.

Hinweise gibt es auch darauf, dass Pratassewitsch der »Jungen Front«, der Jugendorganisation der »Volksfront«, angehört hat. Diese vertritt einen antirussischen belarussischen Nationalismus, vertrieb auch Broschüren, die die belarussischen Kollaborateure der Nazibesatzer glorifizierten. Öffentliche Auftritte der »Jungen Front« zeigen das typische Design faschistischer Aufmärsche. Schon seit Mitte der 90er Jahre, als der Gründer der »Volksfront«, Sjanon Pasnjak, angesichts drohender Verfolgung in Belarus dorthin auswich, haben die USA als Rückzugsraum gedient und die »Volksfront« politisch am Leben gehalten.

Prowestliche russische und ukrainische Medien versuchen, die jetzt bekanntgewordenen Informationen mit dem Hinweis zu entkräften, sie bewiesen nichts zu den derzeit gegen Pratassewitsch erhobenen Vorwürfen. Konkret vielleicht nicht. Aber sie lassen eine Spur erkennen: vom belarussischen Nationalismus, dessen Förderung durch die USA und zu den jüngsten Protesten gegen Alexander Lukaschenko.

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  • Leserbrief von Doris Prato (14. Juni 2021 um 13:34 Uhr)
    Der nach der Landung in Minsk festgenommene Oppositionsaktivist Raman Pratassewitsch hat im faschistischen Bataillon »Asow« in der Ukraine gekämpft. Dem jW-Beitrag ist zu entnehmen, dass der im State Department in Washington empfangene und in den USA auch finanzierte Blogger schon seit Jahren in faschistischen Netzwerken tätig ist. Mit Recht haben die Sicherheitsbehörden von Belarus ihn festgenommen, und von einer Flugzeugentführung kann keine Rede sei. Wenn von Luftpiraterie gegenüber der Zivilluftfahrt die Rede ist, wurde diese übrigens erstmals von Frankreich (das heute Belarus mit Washington, Brüssel und Berlin nicht entschieden genug diffamieren kann) praktiziert, als am 22. Oktober 1956 eine »DC-3« der marokkanischen Fluggesellschaft Air Maroc auf dem Flug von Rabat nach Tunis durch ein französisches Jagdflugzeug abgefangen und zur Landung in dem von Frankreich kolonial besetzten Algier gezwungen wurde. Ziel der Entführung waren fünf ranghohe Mitglieder der Auslandsführung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN. Der bekannteste unter ihnen war Ahmed Ben Bella, der die Organisation 1954 mit gegründet hatte und der später der erste Regierungschef und Präsident des unabhängigen Algerien wurde. Die fünf Freiheitskämpfer waren auf dem Weg zu einer Konferenz in Tunis, auf der der tunesische Präsident Habib Bourguiba, der marokkanische Sultan Mohammed V. und die Vertreter der FLN darüber beraten wollten, ob und wie Verhandlungen mit Frankreich über die Beendigung des für beide Seiten sehr opferreichen Algerienkrieges, des Kampfes um die Unabhängigkeit der damaligen französischen Kolonie, aufgenommen werden sollten. Die FLN-Führer wurden von Militärpolizisten aus der Maschine geholt und in Handschellen abgeführt. Sie blieben sechs Jahre in französischen Kerkern und kamen erst 1962 frei, als Algerien unabhängig wurde. Die Operation leitete der Staatssekretär im Pariser Kriegsministerium Max Lejeune. Der französische Regierungschef Guy Mollet missbilligte zwar die Art und Weise des Vorgehens, vermied es aber tunlichst, sich von der Entführung zu distanzieren, und übernahm dafür – ebenso wie sein Algerien-Minister Robert Lacoste – im nachhinein die Verantwortung. Näheres ist darüber nachzulesen in dem Beitrag »Die erste Flugzeugentführung der Geschichte der Zivilluftfahrt« der deutschsprachigen Ausgabe der Zeitung der KP Luxemburgs Letzebuerger Vollek vom Sonnabend, auch über Internet abrufbar.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinz-Joachim R. aus Berlin (29. Mai 2021 um 11:48 Uhr)
    Die Ausführungen sind interessant, aber überraschten an sich wenig, wenn man die westlich global-imperialen Inszenierungen geschichtlich einordnet. Dennoch danke dem Autor. Etwas irritierend bleibt die Namensschreibweise des Terroristen. In anderen Quellen las ich »Roman Protassewitsch« und nicht wie hier »Raman Pratassewitsch«?
    • Anmerkung der jW-Redaktion (31. Mai 2021 um 11:40 Uhr)
      Die Transkription des Namens mit »o« bezieht sich auf die russische (Роман Протасевич) und die mit »a« auf die belarussische (Раман Пратасевіч) Schreibweise des Namens. Beide sind gleichermaßen richtig.
  • Leserbrief von P. Schulz aus Magdeburg (29. Mai 2021 um 06:43 Uhr)
    Worum geht es euch in diesem Artikel? Darum, das Vorgehen des belarussischen Unrechtsregimes, auch gleich die Diktatur insgesamt, zu legitimieren? Wo ist euer Eintreten für die unterdrückten Menschen in Belarus? Und als Quelle den Chef des belarussischen Geheimdienstes KGB, Iwan Tertel, anzuführen? Ernsthaft jetzt?
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland (29. Mai 2021 um 03:34 Uhr)
    Es ist sehr verdienstvoll von Herrn Lauterbach und der jungen Welt, auf diese Hintergründe aufmerksam zu machen. Auch Goebbels oder Streicher agierten »nur« mit Wort und Bild, wie dieser Blogger. Doch mit Sicherheit waren sie noch schuldiger, als diejenigen, welche dann selbst schossen, denn diese Kriegshetzer bringen Millionen anderer Menschen dazu, dass sie es ausführen. Putin erinnerte gestern an die Parallelen zur erzwungenen Landung des Präsidenten Boliviens in Wien 2013. Er meinte das aber sicher nicht im Sinne einer Rechtfertigung für Lukaschenko, sondern wegen anderer Parallelen, die auf die gleichen Urheber hindeuten. Bei Morales sperrten damals ohne Angabe von Gründen einige Länder plötzlich gleichzeitig den Luftraum. Nachdem die Maschine drei Stunden in der Luft kreiste, blieb nur Wien. Morales und die Besatzung waren glücklich, dort landen zu dürfen wegen des Treibstoffs. Die indirekt erzwungene Landung war formal freiwillig. Im jetzigen Fall diskutierten oder besprachen sich die Piloten nach der Bombendrohung über eine Viertelstunde lang mit verschiedenen Flughäfen im Baltikum und in Polen. Warum so lange, wenn die Zeit drängte? Keiner dieser Flughäfen erteilte eine Landegenehmigung. Warum? Das ist der springende Punkt, der sich ja auch überprüfen lässt. Wenn das wirklich stimmt, haben wir genau hier die Parallelen zur Sperrung des Luftraums 2013. Jetzt blieb eben nur Minsk übrig, was von den Organisatoren offensichtlich beabsichtigt war. 2013 sollte jemand verhaftet werden (Snowden). Jetzt sollte wieder jemand verhaftet werden. Das geschah dann auch am Flughafen automatisch, da der Blogger auf der Fahndungsliste stand. Darauf konnten sich die Organisatoren verlassen. Man in Belarus leider in eine Falle getappt. Bei den Fällen Skripal, Nawalny und auch jetzt wieder benötigte der Westen ein Opfer zur Begründung von Sanktionen und lang andauernder Propagandakampagne. Putin oder Lukaschenko brauchen gerade das nicht.
  • Leserbrief von Richard (28. Mai 2021 um 23:09 Uhr)
    Die USA und der Faschismus sind ein und dasselbe. Das zeigt sich immer wieder. Und sie stehen offenbar auch darauf, faschistische Marken zu erzeugen. Dabei müsste man auf die Finanzierung des NS-Regimes schauen (z. B. über die Geschichte der BIZ, Bank für internationalen Zahlungsausgleich, siehe Wikipedia), genauso eben die Faschisten in der Ukraine heute, sowie z. B. auch die Fahnenschwenker vom IS (www.bing.com/images/search?q=isis+mccain). Wenn man ehrlich ist, dann ist es den USA immer darum gegangen dem Faschismus zu internationalem Durchbruch zu verhelfen, siehe u. a. auch Lateinamerika. Regime, wo permanent Menschen »verschwinden«, wo Mafiastrukturen herrschen, im Zweifelsfall die pure Gewalt herrscht, dysfunktionale, mit Korruption, Warlords und Mafia übersäte Staaten mit faschistischem Grundtenor … das ist ganz nach dem Geschmack vielleicht nicht DER USA, aber gewisser Kreise aus den USA. Beobachten kann man das auch an manch einem US-Milliardär. Einige von ihnen werden auch bei uns von Nerds gefeiert. Dem Sinn nach sagte einer bei Twitter, als Morales weggeputscht wurde: »Wir putschen, wann und wen wir wollen« (was genau gesagt wurde, kriege ich nicht mehr zusammen, es zeugte aber von einer nach meinem Verständnis grundfaschistischen Einstellung).

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