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Aus: Ausgabe vom 28.05.2021, Seite 12 / Thema
Theorie der Elendsverwaltung

Freispruch für das Kapital

Die Klassenverhältnisse ausgeblendet: Warum der Keynesianismus nicht die Arbeitslosigkeit überwinden kann
Von Klaus Müller
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Arbeitslosigkeit als Resultat subjektiver Macken des Menschen? (Von Mafiaboss Al Capone eingerichtete Suppenküche für Arbeitslose während der Weltwirtschaftskrise, Chicago um 1929/1930)

Rund 2,7 Millionen Menschen waren in Deutschland im April 2021 als arbeitslos registriert. Es fehlen diejenigen, die von der Arbeitsmarktstatistik nicht erfasst werden, weil sie sich – ohne Chancen auf Vermittlung und ohne Anspruch auf Leistungen – bei den Behörden nicht melden. Auch Arbeitssuchende in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen und Ein-Euro-Jobber tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf. Wie alle Personen, die älter sind als 58 Jahre, mindestens zwölf Monate Arbeitslosengeld II (Hartz IV) bezogen und in dieser Zeit keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen haben. Zusätzlich streicht die Bundesagentur für Arbeit alle aus der Statistik, die sich weigern, eine, wie es heißt, »zumutbare Beschäftigung« anzunehmen.

Millionen Menschen sind von »versteckter« Arbeitslosigkeit betroffen, darunter die Kurzarbeiter. »Kurzarbeit null« – das ist Arbeitsausfall total. Wie der Arbeitslose ist der »Kurzarbeiter null« dazu verdammt, unbeschäftigt zu sein. Er erhält Kurzarbeitergeld statt Arbeitslosengeld, maximal für 24 Monate. Die Arbeitslosigkeit ist millionenfach höher, als die von den Ämtern ausgewiesene, berücksichtigt man ihre verdeckten Arten.

Heftige Seuche

Der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul A. Samuelson (1915–2009) nannte die Arbeitslosigkeit »das zentrale Problem des modernen Kapitalismus«. John Maynard Keynes ­(1883–1946), der als »Jahrhundertökonom« gilt und den der Philosoph und Literaturnobelpreisträger Bertrand Russell (1872–1970) den klügsten Menschen nannte, den er je getroffen habe, hatte seine eigene Haltung zu diesem sozialen Übel und wurde breit rezipiert. Sein Hauptwerk »Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes«, das 1936 erschien, löste, wie Samuelson schrieb, eine »Revolution« im ökonomischen Denken aus. Sie packte »die meisten Ökonomen unter 35 Jahren mit der unerwarteten Heftigkeit einer Seuche, die zum ersten Mal unter einem einsamen Stamm von Südseeinsulanern ausbricht und ihre Reihen dezimiert. Ökonomen über 50 besaßen eine totale Immunität gegen diese Krankheit …«

Keynes’ Lehre – die größte Umwälzung im ökonomischen Denken des vergangenen Jahrhunderts? Bahnbrechend, eine »Revolution«, wie nicht nur Samuelson im Überschwang der Begeisterung behauptete, ist die keynesianische Theorie keineswegs. Die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 hatte den Glauben an die naturwüchsige Harmonie des Wirtschaftsganzen erschüttert. Die unter Bürgerlichen vorherrschende Ansicht, dass die immanenten Kräfte der Ökonomie zu einer Selbstheilung jeder Krise führen würden, musste unter dem Eindruck eines weltweiten Chaos aufgegeben werden. Die Täuschung, dass die Arbeitslosigkeit kein Dauerproblem sei, war nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Die bürgerliche ökonomische Theorie hatte eine »unfreiwillige« Arbeitslosigkeit bestritten. Arbeitslos seien stets nur die Faulen, die das Nichtstun geregelter Arbeit vorzögen, die leistungsschwach sind oder denen der Lohn, den sie erhielten, zu niedrig sei. Keynes ist nicht der erste, der erklärt, weshalb Menschen unfreiwillig arbeitslos sind: Die ökonomischen Schriften von Karl Marx (1818–1883) waren zu jenem Zeitpunkt schließlich schon mehr als 70 Jahre alt. Keynes erregte jedoch Aufsehen unter seinesgleichen, weil er der Vorreiter war, der das Phänomen im bürgerlichen Sinne zu erklären und damit das nach Profit lechzende Kapital aus der Schusslinie zu nehmen versuchte.

Er präsentierte auf eine längst überfällige Frage eine Antwort, mit der das Kapital gut leben kann. Keynes war der Meinung, dass für die Arbeiter zähle, welchen Nominallohn (Geldlohn) sie erhalten, weniger bedeutsam aber sei, was sie sich dafür kaufen können (Reallohn). »Unfreiwillig« arbeitslos seien jene Arbeiter, die bei einem geringen Anstieg der Konsumgüterpreise im Verhältnis zum Nominallohn wieder eine Anstellung erhielten. Sind die Nominallöhne hoch genug, um einer Arbeit nachzugehen, aber gleichzeitig die Preise zu niedrig – die Reallöhne also zu hoch – würden die Kapitalisten sie nicht einstellen. Weil sich die Arbeiter gegen Kürzungen ihrer Nominallöhne wehrten, bliebe nur ein Weg zu einer höheren Beschäftigung: Man müsse die Reallöhne senken. Arbeitslosigkeit ließe sich nur überwinden, wenn die Preise stiegen. Das tangiere nicht die Nominallöhne und störe damit auch nicht die Illusion der Arbeiter und Angestellten, das gleiche oder mehr zu verdienen.

Zynischer Vorschlag

Die Akzeptanz einer »unfreiwilligen« Arbeitslosigkeit »entartet«, so der Ökonom Günter Schmölders (1903–1991) zutreffend, bei Keynes »in dem zynischen Vorschlag, die Geldillusion (…) zur unmerklichen Reallohnsenkung zu missbrauchen«. Der »bahnbrechende«, scheinbar originelle Kerngedanke von Keynes’ Vorschlägen beruht auf der Änderung des »Geldwertes«, um dadurch den realen Lohn zu verringern, während es so aussieht, als ob das nicht geschieht. Keynes gibt einer »nachgiebigen« Geldpolitik – die Inflation erzeugen solle – gegenüber einer »nachgiebigen« Lohnpolitik den Vorzug, weil er erstere für leichter durchsetzbar hielt. Die »größte Umwälzung« im ökonomischen Denken bestehe darin, dass Keynes den Nominallohn durch den Reallohn ersetzt. Er teilt damit den Irrglauben der neoklassischen Ökonomie, zu hohe Löhne seien die Ursache für die Arbeitslosigkeit vieler. Nur eben nicht der Geldlohn, sondern der Reallohn. Was für eine revolutionäre, kühne Neuerung!

Vielleicht hat Keynes den »Yankee an König Artus’ Hof« von Mark Twain (1835–1910) gelesen und wurde durch das köstliche 33. Kapitel des Romans angeregt, die »Politische Ökonomie des 6. Jahrhunderts«. Twain schildert, wie sich die Hauptfigur vergeblich bemüht, dem wohlhabenden Dorfschmied Dowley zu erklären, dass es nicht auf die Lohnsumme ankommt, in bloßen Münzen mit bedeutungslosen Namen ausgedrückt. Wichtig ist, was und wieviel man sich mit dem Geld kaufen kann: »Endlich sprach Dowley – und verriet die Tatsache, dass er noch immer nicht von seinem tiefverwurzelten und verhärteten Aberglauben losgekommen war. Ein wenig zögernd sagt er: Aber – aber – du musst doch zugeben, dass zwei Mill pro Tag besser sind als nur einer!«

Gegen jede Lohnsenkung

Die Arbeiter hängen den Illusionen eines Dowley nicht mehr nach. Sie wehren sich gegen die Senkung der Nominallöhne und gegen die der Reallöhne. Der Unterschied besteht nur darin, dass ein geringer Rückgang der Reallöhne oft nicht sofort gespürt wird und die Arbeiter weniger organisatorische Möglichkeiten besitzen, gegen steigende Preise wie gegen sinkende Löhne vorzugehen. Doch längst spielt neben der Produktivität die Entwicklung der Lebenshaltungskosten eine wichtige Rolle im Kampf der Gewerkschaften um höhere, angemessenere Löhne. Ein Grund für die bürgerliche Statistik, die Inflation niedriger auszuweisen, als sie ist.

Insofern linke Ökonomen mit Keynes sympathisieren, sollten sie daran denken, dass dessen wirtschaftspolitische Vorschläge keineswegs arbeiterfreundlich sind. Eine Hebung der Massenkaufkraft wird von ihm abgelehnt, weil sie auf einen Anstieg der realen Löhne hinausliefe, wo es doch darauf ankäme, sie zu senken.

Keynes ist sich des Widerspruchs seiner Argumentation bewusst. Sinkende Reallöhne seien für die Kapitalisten zwar ein Anreiz, mehr Arbeitskräfte zu beschäftigen, sie minderten aber auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und stünden so einer höheren Beschäftigung im Wege. Die private Wirtschaft stellt sich selbst ein Bein.

Jetzt bedürfe es des Staates als Retter in der Not. Er solle die Nachfragelücke durch kreditfinanzierte Ausgaben schließen, egal durch was. »Wenn das Schatzamt alte Flaschen mit Banknoten füllen und sie in geeigneten Tiefen in verlassenen Kohlebergwerken vergraben würde, die dann bis zur Oberfläche mit städtischen Abfällen gefüllt würden und es dann dem privaten Unternehmergeist nach den erprobten Grundsätzen des Laissez-faire überlassen würde, die Noten wieder auszugraben (…), brauchte es keine Arbeitslosigkeit mehr zu geben, und dank der Rückwirkungen würde das Realeinkommen des Gemeinwesens wie auch sein Kapitalreichtum wahrscheinlich viel größer als jetzt werden. Es wäre zwar vernünftiger, Häuser und dergleichen zu bauen, aber wenn dem politische und praktische Schwierigkeiten im Wege stehen, wäre das obige besser.«

An dieser Auffassung von Keynes über die ökonomische Funktion des Staates knüpft der Linkskeynesianismus an, der den Staat verpflichten will, in die soziale Infrastruktur zu investieren, mit sozialen Leistungen den Armen zu helfen, Gesundheitswesen, Schulen, Kultur, Sport usw. zu finanzieren. Aber auch die Erhöhung der Rüstungsausgaben lässt sich auf diese Weise keynesianisch rechtfertigen.

Sparstrumpf im Hemmschuh

Keynes hat noch eine andere Erklärung parat, den profitgetriebenen Kapitalismus von seiner Verantwortung für die Massenarbeitslosigkeit scheinbar freizusprechen. Die hartnäckig sich haltende Arbeitslosigkeit habe ihre Ursachen in den Gewohnheiten, Einstellungen, Erwartungen und Neigungen der Menschen. Sie entspringe letztlich der menschlichen Natur. Drei psychologische Faktoren sollen das Dilemma begründen: der Hang zum Verbrauch, die erwartete Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und die Liquiditätspräferenz.

So habe der Mensch den »Hang«, wenn sein Einkommen steigt, mehr davon auf die »hohe Kante« zu legen und weniger auszugeben für allerlei Konsumgüter in Supermärkten, Gaststätten und auf Wochenmärkten. »Ich wage zu behaupten, dass sie bei jeder Ersparnis von fünf Schilling einen Mann für einen Tag arbeitslos machen«, orakelt Keynes. Das Sparen entzieht Einkommen der privaten Nachfrage nach Konsumgütern. Ihre Herstellung wird eingeschränkt, Arbeitsplätze stillgelegt, Beschäftigte entlassen.

Die Unternehmer würden pessimistisch, erwarteten, dass die sogenannte Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals kleiner werde, sprich: Investitionen immer weniger Gewinn abwerfen würden. Mangelndes Vertrauen in die Rentabilität wirtschaftlichen Tuns untergrabe die Bereitschaft zu investieren. Selbst Verdauungsstörungen und schlechtes Wetter erwiesen sich als »Optimismusdämpfer«, könnten Investitionen und die Zahl der Arbeitsplätze schwinden lassen.

Dazu trüge auch die Vorliebe der Menschen für Liquidität bei. Es gehöre zu den Eigenarten des Menschen, gern einen Teil des Vermögens in Form von Geld aufzubewahren, als Sicherheit, Vorsorge oder einfach zur Beruhigung. Die Geldvorräte, die die Liquiditätspräferenz befriedigen sollen, werden weder für die Konsumtion noch für Investitionen ausgegeben. Sie senken die zahlungsfähige Nachfrage. Und sie erhöhten den Zins, den Keynes als eine Belohnung für die Aufgabe von Liquidität ansah.

Ist die Neigung, Bargeld zu besitzen hoch, dann müsste es auch die Belohnung dafür sein, diese Neigung zu unterdrücken. Nur hohe Zinsen könnten die Menschen dazu bringen, ihr Bares herauszurücken. Hohe Zinsen aber seien Gift für Investitionen. Insgesamt verringerte die Vorliebe, Vermögen in Bargeld zu halten, die zahlungsfähige Nachfrage nach Konsumtions- und Produktionsmitteln. Sie erhöhe außerdem den Zins, senke die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und lösche so das belebende Feuer der Investition.

Die unvermeidliche Folge des Wirkens dieser drei psychologischen Faktoren liege auf der Hand: Der Umfang der privaten Investitionen reiche nicht, um den Ausfall der Nachfrage nach Konsumgütern, der durch die Ersparnisse eintrete, zu kompensieren. Summa summarum: Keynes’ psychologische Drillinge gewährleisten keinen der Vollbeschäftigung entsprechenden Umfang der konsumtiven Nachfrage, der Neuinvestitionen und damit der Produktion und Beschäftigung.

Beschäftigungsdilemma

Die Arbeitslosigkeit ist demnach das Resultat subjektiv-psychologischer Macken des Menschen. Eine solche Erklärung der Arbeitslosigkeit ist selbst bei Akzeptanz psychologischer Einflüsse – dass optimistische und pessimistische Stimmungen wirtschaftliches Denken und Handeln der Menschen beeinflussen, ist unbestritten – nicht haltbar. Das Beschäftigungsdilemma wird so in ein ahistorisches Welt- und Menschheitsproblem verfälscht.

Menschliche Eigenschaften jener Art, wie sie Keynes zu erkennen glaubt, träfen auf jedwedes Wirtschaftssystem zu. Menschliche Schwächen rücken an die Stelle der wirklichen Ursachen der Arbeitslosigkeit, die nur in der Struktur und Art und Weise des Funktionierens der kapitalistischen Wirtschaft gesehen werden können. Erwartungen, Neigungen, Haltungen bilden sich auf der Basis der ökonomischen Verhältnisse und nicht umgekehrt.

Die Neigung, bei wachsendem Einkommen relativ mehr zu sparen und weniger zu konsumieren, kann nicht unter Missachtung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse betrachtet werden. Keynes vernachlässigt die Klassenunterschiede der Gesellschaft. Ihre Beachtung hätte gezeigt, dass die Kapitalisten trotz höheren Konsums auch noch wesentlich mehr sparen. Die Arbeiter dagegen verwenden, falls sie überhaupt nennenswerte Ersparnisse ansammeln können, diese dazu, um zu einem späteren Zeitpunkt bestimmte kostspieligere Konsumgüter zu erwerben. Aus ihrer Sicht kann Sparen bestenfalls kurzfristig als Nachfrageausfall, als eine Verzögerung der Nachfrage angesehen werden. Die Vorsorge gegen Notfälle, die Unterstützung der Kinder, die Bereicherung des Lebensinhalts und soziale Sicherheit sind wichtige Motive ihres Sparens.

Mit der »Liquiditätspräferenz«, einer weiteren scheinbaren Ursache der Arbeitslosigkeit, stellt Keynes die Dinge auf den Kopf. Zwar gibt es chronisch Geldkapitalüberschüsse, doch erklärt sie Keynes unzureichend. Geld wird nicht zurückgehalten, weil die Kapitalisten es lieben. Sie wollen das Geld vermehren, ein Drang systemischen Ursprungs. Dafür gibt es nur eine Möglichkeit, denn das Geldkapital wächst nicht von allein: Man muss es in die Zirkulation werfen, muss es in Produktionsmittel und Arbeitskräfte verwandeln, muss Waren produzieren und sie gegen Geld verkaufen.

Sicher werden Kapitalisten einen Teil ihres Vermögens auch in Form von Bar- und Buchgeld besitzen wollen. Doch gibt es nur die geringste Chance, diesen Bestand zu vergrößern, wird sie genutzt. Weshalb soll es ein Kapitalist vorziehen, weniger statt mehr Geld zu besitzen? Der vernünftigere Schatzbildner ist der, der seinen Schatz immer wieder preisgibt, so hatte es Marx sinngemäß gesagt. Der Kapitalist gibt ihn preis, vertraut ihn der Zirkulation an, einzig mit der Absicht, ihn zu vergrößern. Der Verzicht, Geldkapital in produktive Investitionen umzuwandeln, die Kapazitäten zu erweitern und Arbeitsplätze zu schaffen, erfolgt nicht, um das Geldkapital zu schützen, sondern weil es an Bedingungen mangelt, es in ausreichendem Maße zu mehren. Das liegt daran, dass die Absatz- und Verwertungsmöglichkeiten zu gering sind oder sich weiter verschlechtern würden.

Keynesianer kontra Keynes

Im Jahre 1931 hatte Keynes fünf gesparte Schillinge mit einem Arbeitslosen pro Tag gleichgesetzt. Für fünf Schillinge werden keine Waren gekauft. Der Mann oder die Frau, die sie fertigen wollten, werden arbeitslos. Seitdem haben die Ökonomen das Sparen verdammt. Sie forderten, die Sparneigung zu unterdrücken, zum Beispiel durch die Besteuerung der Zinseinnahmen. Ende der 1970er Jahre sagte der Wirtschaftswissenschaftler Franco Modigliani (1918–2003), Neokeynesianer am Massachusetts Institute of Technology: »Man ist davon abgekommen, das Sparen als Bedrohung der Vollbeschäftigung zu betrachten, und in meinen Augen hätte diese Abkehr bereits Mitte der fünfziger Jahre stattfinden müssen.«¹

So hartnäckig einerseits die Ökonomen an Fehlurteilen festhalten, so unbekümmert hängen sie andererseits ihr Hemd in den Wind, um wirtschaftspolitische Maßnahmen zu rechtfertigen und eine neue Situation zu erklären. Ende der 1970er Jahre fiel nämlich die Sparquote in den USA weit unter das langjährige Mittel von sechs Prozent des verfügbaren Einkommens. Grund dafür war die hohe Inflation. Sie machte bewusst, dass Geldzurückhaltung und Sparanlagen ein schlechter Schutz sind. Die Flucht aus dem Papier-Dollar in Diamanten, Gold, Silber, Platin, in Häuser und Grundstücke setzte ein. Mit ihr glaubte man, das Vermögen schützen zu können, zumal die Zinsen für Spareinlagen den davoneilenden Inflationsraten nicht hinterherkamen. Führende Wirtschaftspolitiker und Mitglieder der US-amerikanischen Zentralbank meinten, es sei notwendig, die Sparhemmnisse zu beseitigen. Das chronische Defizit des Bundeshaushalts, des größten Verbrauchers privater Ersparnisse, tat sein übriges.

Für die keynesianischen Ökonomen verschoben sich die Akzente. Wo die Spareinlagen zurückgingen, war es schwer einzusehen, weiterhin zu beklagen, dass sie zu hoch seien. Erst als Nachfrageausfall verteufelt, werden sie nun als eine Voraussetzung für die Finanzierung der Investitionen gepriesen. Auch wenn eine expansive Geldmengenpolitik für ein ausreichendes Geldangebot sorgen kann, bleibt richtig, dass über das Bankensystem freie, brachliegende Geldmittel gesammelt und der Akkumulation zugeführt werden können. Die Gegensätzlichkeit der Argumentation, der hinter ihr verborgene Gesinnungswandel, machen zweierlei deutlich: Einmal zeigt sie, wie einseitig sich Ökonomen in der Regel mit ihrem Gegenstand befassen, dessen Komplexität ihnen meist entgeht. Für Keynes war die Bildung von Ersparnissen, für seine Adepten ihre Verwendung das Hauptproblem. Keynes überbewertete die Möglichkeit der einfachen Leute, Ersparnisse zu bilden und auf Nachfrage zu verzichten, die Neokeynesianer, wie solche Rücklagen in Investitionen verwandelt werden können. Zum anderen wird deutlich, dass die Ökonomen sich nicht scheuen, auch dann wirtschaftspolitische Maßnahmen theoretisch zu unterstützen, wenn dies die Aufgabe oder erhebliche Änderung des bisher vertretenen Standpunkts erfordert.

Ebensowenig, wie es einst die zu hohen Ersparnisse gewesen sind, so sind es später die zu geringen Sparbeträge, die angeblich Arbeitslosigkeit bewirkten. Geldkapitalien werden unzureichend produktiv genutzt, weil Sättigungen, ein hohes Konsumniveau breiter Einkommensgruppen, aber auch geringe Einkommen und eine daraus resultierende zu geringe Nachfrage einen profitablen Absatz der Erzeugnisse ausschließen.

Anmerkung

1 Wirtschaftswoche, Düsseldorf, 52/1978, S. 56

Im Juli erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag in der Reihe »Basiswissen Politik / Geschichte / Ökonomie« ein Band zum Thema Arbeitslosigkeit von Klaus Müller. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. März dieses Jahres über die Politik der Null- und Negativzinsen: »Flut ohne Folgen«

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  • Leserbrief von Bernhard May aus Solingen (18. Juni 2021 um 11:58 Uhr)
    »Ökonomen über 50 besaßen eine totale Immunität gegen diese Krankheit ...«, meinte Samuelson. Na gut. Franklin Delano Roosevelt mag eher nebenamtlich Ökonom gewesen sein, auch bei Amtsantritt als Gouverneur von New York (1929) erst 47jährig – als Präsident der USA 1933 immerhin schon 51jährig, also 54 bei Erscheinen von Keynes’ Hauptwerk, dessen Quintessenz er gleichsam parallel praktisch erarbeitet hatte.
    Im Artikel von Klaus Müller ist das Prinzip des staatlich-öffentlichen Interventionismus immerhin angedeutet (etwa bei Nennung staatlicher Infrastrukturausgaben, aber auch von deren »rechtskeynesianischer« Perversion in Form von Militärausgaben). Was fehlt, ist der Umgang mit der Krisenzyklik.
    »Meyers Taschenlexikon« (Ausgabe von 1989) enthält eine hübsche grafische Darstellung der Addition dreier Sinuskurven mit unterschiedlichen Periodenlängen und Amplituden: der (idealtypischen) Kitchin-, Juglar- und Kondratjeff-Wellen. Antizyklische (keynesianische) Glättungsversuche bedeuten bildlich, eine möglichst linear verlaufende Schnellfahrstrecke durch diese Gebirgslandschaft zu trassieren, wobei mit dem von den Bergpässen abgetragenen Material die Dämme über die Täler gebaut werden. Es fragt sich, inwieweit diese Sinuswellenaddition der realen Wirtschaftsgeschichte entspricht: ob also zu erwartende Berge und Täler eher in chaotischer Abfolge oder eher vorhersehbar eintreten. Davon wird auch abhängen, wie vorausschauend staatlicher Interventionismus überhaupt sinnvoll dosiert werden kann, zumal in keynesianischer Sicht auch »Time lags«, Verzögerungen, zu beachten sind: zwischen Eintreten und Wahrnehmung der ökonomischen Situation, auch zwischen getroffener Maßnahme und Reaktion der Wirtschaftssubjekte.
    »Schuldenbremse« und »schwarze Null« verunmöglichen staatlichen Interventionismus; daher glich die sozialdemokratische Zustimmung zu derlei Selbstkasteiungen der öffentlichen Hand einer Selbstaufgabe, aber auch die »Konservativen« konterkarierten damit die zentrale Koproduktion der allerersten »Groko« (1966–69): das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz. Doch gewinnt angesichts von »Time lags«. Aber auch von nicht idealtypischen Verläufen ein Punkt an Bedeutung, der Links- und Rechtskeynesianismus scheidet und im Kontext der Sparneigung der Ärmeren auch im Text mittelbar enthalten ist: Unterstellen wir eine aufs Individuum bezogene Konstanz der Sozialleistungen – zum Beispiel mit Stand vor den Hartz-»Reformen«, erst recht auf dem höheren Niveau einer künftigen Grundsicherung oder eines Grundeinkommens – dann zwar inflationsbezogen dynamisiert, aber qualitativ nicht mehr verändert –, so führt der Umstand, dass die Adressatinnen und Adressaten schon heute zu geringe Einkommen haben, zu relativ sofortiger Nachfragesteigerung ohne »Time lags«. Gerade der Sektor der Sozialpolitik vermag also zielgenauer antizyklisch zu wirken als die übrigen Bereiche staatlicher Ausgabenpolitik.
    In diese Richtung geht auch die Feststellung zeitgenössischer Ökonominnen und Ökonomen, dass ein günstiger GINI-Koeffizient (relativ geringe finanzielle Ungleichheit) der ökonomischen Entwicklung insgesamt nützt. Empirisch dürfte das am Beispiel der nordeuropäischen Wohlfahrtsstaaten verifizierbar sein, wobei auch Norwegens Staatsfonds ursprünglich den Sinn hatten, die Volkswirtschaft von ihrer Abhängigkeit von den Öleinnahmen auf längere Sicht zu emanzipieren.
  • Leserbrief von Peter Maaßen aus 60488 Frankfurt (30. Mai 2021 um 14:40 Uhr)
    »Er teilt damit den Irrglauben der neoklassischen Ökonomie, zu hohe Löhne seien die Ursache für die Arbeitslosigkeit vieler. Nur eben nicht der Geldlohn, sondern der Reallohn«, heißt's im Artikel. Aber ist's nicht so, dass auf Märkten, gleich ob noch im Kapitalismus oder schon im Sozialismus, höhere Preise grundsätzlich erst mal die Nachfrage dämpfen, weil höherer Aufwand für denselben Ertrag? Das erscheint mir völlig natürlich, letztlich für alle höheren Lebewesen. Das gilt m. E., solange nicht andere Faktoren eine bedeutendere Rolle spielen. Also ist's im Kapitalismus, wo die Arbeitskraft als Ware nur dem Marktmechanismus unterworfen ist, wohl doch grundsätzlich so, dass höhere Löhne schon eine die Beschäftigung dämpfende Wirkung haben. Von daher erscheint mir, ohne dem Verfasser zu nahe treten zu wollen, die Irrglaubenthese mit Verlaub etwas dogmatisch. Es hilft nix, vor den Tatsachen die Augen zu verschließen, sondern nur mit planwirtschaftlichen Eingriffen dem Warencharakter der Arbeitskraft möglichst seine antisoziale Wirkung zu nehmen.

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