3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Dienstag, 3. August 2021, Nr. 177
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 28.05.2021, Seite 2 / Inland
Klasse und Bildung

»Das BAföG ist keine Sicherung mehr«

50 Jahre Ausbildungsförderung durch den Staat. Studierende streiten für bessere Studienfinanzierung. Ein Gespräch mit Nathalie Schäfer
Interview: Milan Nowak
Studenten_Demo_fuer_66468849.jpg
Hilfe gefordert: Studierende demonstrieren für BAföG-Zahlungen (Hannover, 28.8.2020)

Vor 50 Jahren trat das Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz BAföG, in Kraft. Warum ist das, mit dem Namen Eures Bündnisses gesprochen, »(K)ein Grund zu feiern«?

Das BAföG war ein Meilenstein freier Bildung über Klassengrenzen hinweg. Aber es wurde heruntergewirtschaftet. Das zeigt sich in der faktischen Abschaffung des Schüler-BaföGs, aber auch in der Förderquote der Studierenden: Bei der Einführung wurde noch jeder zweite gefördert – heute nur jeder neunte. Das ist kein Grund zum Feiern!

Warum sinkt der Anteil?

Dem BAföG wurde verschiedenartig zugesetzt; in der Kohl-Ära wurde es vom Vollzuschuss in ein Volldarlehen umgewandelt – ab den 90er Jahren in ein Teildarlehen. Darlehen von bis zu 10.000 Euro zurückzuzahlen ist für viele eine Hürde, überhaupt BAföG zu beantragen. Aber auch die niedrigen Elternfreibeträge sind hinderlich. Das BAföG orientiert sich daran, wieviel die Eltern der Antragsstellenden verdienen. Oberhalb der Freibeträge erhält man nur einen Teil des BAföG oder gar keines. Es erreicht so kaum noch Menschen der unteren Mittelschicht und verfehlt sein Ziel, dass alle studieren können, unabhängig vom Elterneinkommen.

Was bedeutet die Pandemie für Ihre BAföG-Kampagne?

Corona hat gezeigt, dass das BAföG keine Sicherung mehr ist. Zwei Drittel aller Studierenden müssen arbeiten. Es sind viele Studierendenjobs weggefallen: in der Gastronomie, in der Messebranche. Die Soforthilfen der Bundesregierung kamen zu spät und sind zu niedrig. Darum wird der Studienkredit der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau mehr in Anspruch genommen. Diese Finanzierung steht im krassen Gegensatz zum BAföG. Anstatt soziale Ungleichheit auszugleichen, wird sozial benachteiligten Studierenden ein verzinster Kredit angeboten. Dies vergrößert die soziale Kluft, führt zu sozialem Ausschluss und erinnert an Verhältnisse wie in den USA: Kredit- und Zinslast türmen sich zu horrenden Rückzahlungssummen auf.

Studierende mit solchen Krediten brauchen nachher zwei Jobs, einen zur Studienfinanzierung und einen zur Kreditabzahlung. Mit echten Soforthilfen oder einer Öffnung des BAföG wäre es nicht zu so einer schlimmen Situation und so vielen Studienabbrüchen gekommen!

Was fordern Sie, um das BAföG zu reformieren?

Die Rückkehr zum Vollzuschuss und Anpassung der Fördersätze an die Realität. Der tatsächliche Lebensbedarf muss vom BAföG gedeckt werden können! Wir fordern die Erhöhung der Elternfreibeträge, damit mehr Studierende es bekommen. Perspektivisch sollten Studierende – im Rahmen eines solidarischen Steuerkonzepts – ein Studienhonorar bekommen. Studium ist als Arbeit zu begreifen, die der Gesellschaft dient. Ferner fordern wir die Stärkung des Schüler-BAföGs. Momentan erhalten es nur 1,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Die Frage, ob man Abitur macht oder mit einer Ausbildung das Elternhaus unterstützt, präformiert den Zugang zur höheren Bildung.

Die Kampagne »50 Jahre BAföG – (K)ein Grund zu feiern« wurde vom Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften initiiert. Wie beteiligen sich die Studierenden der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW, daran?

Wir organisieren studentische Hilfskräfte und alle Studierenden, die später im Bildungs- und Wissenschaftsbereich arbeiten. Die GEW erhebt immer wieder Forderungen für bessere Studienbedingungen und hat zuletzt gefordert, den Sturzflug der BAföG-Bezieherzahlen zu stoppen.

Der Stichtag für das BAföG-Julibäum ist der 1. September – was ist bis dahin geplant?

Wir sammeln Unterschriften für eine Petition, um sie dem Bundestag und Bundesbildungsministerin Karliczek zu überreichen. Wir haben schon 5.000 Unterschriften, aber es müssen noch mehr unterzeichnen! Die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes legt einen alternativen BAföG-Bericht vor, um Leerstellen des Berichts der Bundesregierung und Nachbesserungsbedarf aufzuzeigen. Wer uns helfen möchte, kann auf der Homepage die Petition unterschreiben, mit Aktionen dafür werben und das Thema Bildung in den Wahlkampf tragen. Auf dass wir alle unabhängig von Klassenzugehörigkeit Bildung erhalten!

Nathalie Schäfer ist Sprecherin des Bundesausschusses der Studentinnen und Studenten der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Kampagne und Petition: bafoeg50.de

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Ähnliche:

  • Auch Studentennahrung will bezahlt sein: Protest für mehr finanz...
    10.09.2020

    Von wegen Trendwende

    Bundesregierung verkauft sinkende BAföG-Zahlen als Erfolg. Kritiker fordern zügige Nachbesserung und echte Coronahilfen für Studierende

Mehr aus: Inland

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!