1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Freitag, 25. Juni 2021, Nr. 144
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 27.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Es lebe der Weltschmerz

Kopfkino: Mines neues Album »Hinüber«
Von Anna Henning
Mine Pressefoto 2021 - (Foto by Simon Hegenberg)- 10.jpg
»Mein Herz ist tot, es lebe mein Herz« – Mine

Selten habe ich so viel auditiv ausgelöstes Kopfkino wie beim Hören des ersten Tracks auf Mines neuem Album »Hinüber« bekommen. Der titelgebende Song könnte dem Soundtrack eines bildgewaltigen Actionfilms entstammen, eingespielt während einer Szene, in der ein nebelverhangenes Feld als Schauplatz für die typische, epische Gut-gegen-Böse-Schlacht dient. Pauken, Streicher und Sophie Hunger machen neben Jasmin Stocker alias Mine einen phantastischen Job, bei den Zuhörenden Gänsehaut zu erzeugen. Der Text erinnert an Rio Reiser und drückt wie der Rest des Albums tiefen Weltschmerz aus.

Dass das Problem Weltschmerz hier in nicht deprimierender Weise wiedergegeben wird, ist erfrischend und verändert die Sicht darauf. Trauer kann Mine aber auch. »Mein Herz« trifft jeden Menschen, der eine Trennung durchleben musste, genau dort, wo es wehtut (diese Streicher wieder!). Jedoch gibt es auch hier den Blick nach vorn: »Mein Herz ist tot, es lebe mein Herz.«

Mein persönlicher Lieblingstrack ist der letzte: »Unfall«. Er beginnt ruhig mit einer schrammeligen Gitarre und der Frage: »Worein bin ich geboren?«, ein Synthesizer unterstützt, im Refrain kommt ein satter, klarer Bass dazu. Ohne viele Metaphern und Umschreibungen macht Mine klar, dass der soziale Status eines Menschen kein Zufall ist, sondern das Ergebnis fehlender Verteilung des vorhandenen Kapitals.

Die Frage nach den eigenen Privilegien ist ein wiederkehrendes Thema auf dieser Platte, ebenso wie die Gegenüber- und Gleichstellung von Mensch und Tier. Und Rio Reiser ist nicht der einzige Künstler, an den Mine sich anzulehnen scheint. Der zweite Track »Bitte bleib« erinnert mit seinem Einsatz der Kunstpause doch sehr an den gleichlautenden Song auf Annenmaykantereits erstem Album von 2016: »Bitte bleib – bleib nicht, wie du bist.« Und den Mensch-Tier-Komplex hat neben anderen auch schon Yukno 2018 in »Hund« (Eröffnungsvers: »Ich bin ein Tier«) aufgegriffen.

Zwischenzeitlich ging meine Konzentration leider etwas verloren, und ich erinnerte mich daran, was mir eine Musikjournalistin (damals ging es um Arlo Parks’ Album »Collapsed in Sunbeams«) sagte: »Alben … sind so lang.« Stimmt. Aber dieses … ist absolut hörenswert. Es ist eine Freude, Mine im Ohr zu haben und mit ihr über Gott und die Welt nachzudenken.

Mine: »Hinüber« (Caroline/Universal)

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Mehr aus: Feuilleton