1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Dienstag, 15. Juni 2021, Nr. 136
Die junge Welt wird von 2546 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 26.05.2021, Seite 16 / Sport
Turnen

Schweigen ist Gold

Die Chemnitzer Kaderturnerinnen trainieren im Olympiajahr unter erschwerten Bedingungen
Von Andreas Müller
imago0045123025h.jpg
Steht zu ihrer Trainerin: Sophie Scheder

Katrin Werkmann leitet seit Januar dieses Jahres in Chemnitz den Bundesstützpunkt Turnen, eine vom Deutschen Turnerbund (DTB) neu geschaffene Planstelle. Wie die frühere Leichtathletin nach der Ende April erfolgten »Verdachtskündigung« von Trainerin Ga­briele Frehse und den Turbulenzen um diese Personalie den Spitzenathletinnen vor Ort optimale Bedingungen für die Olympiavorbereitung auf »Tokio 2021« gewährleisten will, darf sie nicht erklären. Fragen, unter welchen Umständen sich in Chemnitz Sophie Scheder (2016 in Rio Olympiadritte am Stufenbarren) und ihre Kolleginnen aufs sportliche Highlight vorbereiten, werden nur schriftlich über die DTB-Pressestelle beantwortet.

Das gilt ebenfalls für Nachwuchsbundestrainerin Claudia Schunk. Auch sie darf nicht sprechen, nur indirekt »über DTB-Bande« via Mail folgendes mitteilen: Die Altersklasse 14 und älter bestehe derzeit aus sieben Mädchen, wovon vier seit mindestens Februar verletzt seien (Lea Wartmann, Lucia Meyer, Julia Birck, Lea Quaas). Sophie Scheder trainiere erst seit zwei bis drei Wochen wieder an den Geräten. »Des weiteren gibt es noch Lisa Zimmermann, die bis Mitte März nur eingeschränkt trainieren konnte, und Emma Malewski. Alle diese Mädchen sind P-Kader-­Turnerinnen und trainieren zirka zehn Einheiten pro Woche. Betreut werden sie von Ben Möbius, Ga­briele Frehse und mir, Claudia Schunk. Ich bin seit Februar mit Ausnahme von zweieinhalb Wochen immer in Chemnitz bzw. mit den Chemnitzer Mädchen beim Lehrgang.«

Alles in Butter also, alles normal und reibungslos? Sogar Gabriele Frehse, die nach den Schikanevorwürfen früherer Athletinnen bis zu ihrer Kündigung monatelang suspendiert war und nun gegen den Olympiastützpunkt Sachsen (OSP) arbeitsgerichtlich vorgehen will, sei weiter mit im Boot. Oder doch nicht, wie eine Aktion ihrer (früheren) Schützlinge Emma Malewski, Sophie Scheder und Lisa Zimmermann nahelegt. »Bitte unterstützen Sie uns bei der Finanzierung unserer Trainerin, damit wir unseren Traum von Olympia verwirklichen können«, baten sie um Geldspenden, um die weitere Zusammenarbeit mit ihrer Wunschtrainerin gewissermaßen »privat« sicherzustellen, und erlösten über 32.000 Euro. Ein schöner Plan, den die Stadt Chemnitz durchkreuzte, indem sie Frehse den Zutritt zur einzig geeigneten Turnhalle im Sportforum untersagte.

»Die Mädchen können einem leid tun«, sagte Frank Munzer, Vorsitzender von deren Heimatverein TuS Chemnitz-Altendorf. Thomas Weise, Leiter des OSP Sachsen, sieht es ähnlich und ließ durchblicken, dass die Trainingssituation zwei Monate vor den Sommerspielen in Tokio vom 23. Juli bis 8. August nicht optimal sein kann. Jedoch liege das Sportliche allein »in den Händen der Verbände«. Der OSP sei »nur im Umfeldmanagement« tätig wie bei dualen Karrieren, Medizin oder Physiotherapie. Für die Olympiakandidatinnen aus Chemnitz ist es ein Glücksfall, dass seit dem 24. Mai (bis Anfang Juni) Kaderlehrgänge in Frankfurt am Main stattfinden. Dabei trainieren sämtliche Auswahlturnerinnen unter den Augen von Bundestrainerin Ulla Koch unter denselben Bedingungen. Gedanken an die Verhältnisse zu Hause in Sachsen werden so vielleicht einmal in den Hintergrund treten. Äußern mag sich dazu im Moment keine der Sportlerinnen.

»Sie haben keine Lust, mit der Presse zu sprechen und außerdem schlechte Erfahrungen gemacht«, so Frank Munzer. »Das muss man verstehen.« Dies gilt besonders für Sophie Scheder. Nachdem die 24jährige der vom DTB beauftragten Anwaltskanzlei im »Fall Frehse« die Schikanevorwürfe nicht bestätigen konnte, sei ihr laut Sächsischer Zeitung (16.2.) entgegnet worden: »Na ja, Frau Scheder, was Sie jetzt erzählt haben, könnte man meinen, alle anderen lügen.« Der kleine Exkurs in Sachen Objektivität und Vertrauen lässt ahnen, was die Chemnitzer Turnerinnen am 12. Juni in München im Ringen um die Tickets für Tokio erwartet: Ein Wettkampf mit schwerem Rucksack, den niemand sehen wird – schon gar nicht die Wertungsrichter.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Erika Zeun aus Cranzahl (26. Mai 2021 um 09:25 Uhr)
    Diese Situation ist entstanden aus einem einzigen Grund: Der Turnerbund kann es nicht ertragen, dass ein ostdeutscher Olympiastützpunkt deutschlandweit die besten Bedingungen für die Turnerinnen geschaffen hat und die erfolgreichsten Turnerinnen hervorbringt, dank dieser Trainerin. Leider hat der Chemnitzer Bürgermeister kein Rückrat bewiesen, denn der Turnerbund hat gar nicht die Kompetenz, sich in Entscheidungen der Stadt einzumischen, zumal die Vorwürfe nicht bewiesen sind und die Turnerinnen wünschen, dass sie Frau Frehse trainiert. Sie haben sich vehement für ihre Trainerin eingesetzt, erfolglos, ihre Erfahrungen und ihr Widerspruch gegen die Vorwürfe werden ignoriert. Sie passen den Verantwortlichen des Turnerbundes nicht. Für den Turnerbund gibt es nur ein Ziel: Frehse muss weg und der Olympiastützpunkt auch.

Mehr aus: Sport