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Aus: Ausgabe vom 26.05.2021, Seite 5 / Inland
»Elite« in Deutschland

»Sie brauchen dringend Geld«

Drohen Knorr-Bremse-Eigentümern fünf Milliarden Erbschaftssteuer? Aufregung im Blätterwald
Von Martin Hornung
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Hat sein Vermögen nicht rechtzeitig zur Seite geschafft: Ehemaliger Knorr-Bremse-Eigentümer Heinz Hermann Thiele

Dem Manager-Magazin kommen die Tränen: Die Nachkommen des Eigentümers von Knorr-Bremse »haben die höchste jemals in Deutschland gezahlte Erbschaftssteuer zu stemmen«. Im Februar hatte »Selfmademilliardär« Heinz Hermann Thiele in München das Zeitliche gesegnet, fünf Wochen bevor er 80 geworden wäre. Nach dem »überraschenden« Ableben des Firmenpatriarchen im Anschluss an die letzte ausgedehnte »Weihnachtsreise« in seine Besitztümer in Südafrika und Südamerika könnten seinen Erben von 17 Milliarden Euro Vermögen im »Normalfall« nur noch zwölf bleiben. Bei einem Erbschaftssteuersatz von 30 Prozent.

Dazu kam letzten Freitag passend der die Gazetten erschütternde »Paukenschlag« (N-TV): »Über Nacht« hat sich die Familie »ohne größere Kursgewinne«, ja sogar »mit zehn Prozent Abschlag« von 33 der von Thiele 2020 gekauften 60 Millionen Lufthansa-Aktien getrennt. »Sie brauchen offenbar dringend Geld«, zeigte sich der Spiegel besorgt um die Erben des auf Platz acht der Reichsten im Land geführten »Mittelständlers«.

Die Familiendachgesellschaft KB Holding hält nun nur noch 4,5 (statt 15,5) Prozent der Lufthansa-Aktien. Nach dem Bund, der über 20,05 Prozent der Aktien verfügt, bleibt KB zweitgrößter Aktionär der Airline. IG Metaller und Betriebsräte vermuteten 2020, Thiele habe über die Aktien strategisch einen Einstieg ins Luftfahrzeugbremsengeschäft einfädeln wollen. Warum er in der Pandemie letztlich bei Lufthansa »auf Schnäppchenjagd« ging, nimmt er als Geheimnis mit ins Grab.

Tochter Julia Thiele-Schürhoff ist im KB-Aufsichtsrat, alleinige Gesellschafterin der »Stella Vermögensverwaltung GmbH« und hält Thieles Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen zusammen. Ansonsten opfert sie sich für »Soziales« und »Nachhaltigkeit« auf und steht der »Hilfsorganisation« »KB Global Care e. V.« vor. Thieles zweite Frau Nadia (45) ist seit 2013 ebenfalls im Vorstand des Konzernanhängsels für den Bereich »Corporate Social Responsibility« tätig.

Unter ihresgleichen gilt als tragisch, dass der Clan seine Milliarden nicht ganz vor dem Fiskus retten konnte. Laut Welt hat Heinz Hermann Thiele erst fünf Monate vor seinem Tod seine Macht in einer Stella-Versammlung und durch notarielle Satzungsänderungen zementieren lassen. Das gesamte »Lebenswerk« sollte Ende 2021 formal in eine »nicht gemeinnützige Familienstiftung« – mit unbekanntem Zweck – eingebracht werden. Weil die nun erst nach dem Todesfall gegründet wird, bringt sie nicht alle üblichen Steuervorteile. Vielmehr erbt »in einem Zwischenschritt« zunächst Nadia. Damit seien laut Medien mehr als fünf Milliarden Euro Erbschaftssteuer fällig. Hat die »Kampfmaschine« Thiele (Wirtschaftswoche) einen Fehler begangen? Steuerberater sprechen von »Nachlassschaden durch ungeregelte Unternehmensnachfolge«.

Erbin Julia steigt nach Beate Heister (Aldi) und Susanne Klatten (BMW) immerhin zur drittreichsten Frau Deutschlands auf. Sohn Henrik hatte sich 2015 mit »dem Alten« überworfen und die Anteile an der KB Holding 2017 auszahlen lassen. Seit seinem Ausscheiden gehört ihm das Unternehmen Qwello, das Ladesäulen für Elektrofahrzeuge entwickelt. Neben den Thiele-Damen könnte auch er noch Milliardär werden. Doch das Manager-Magazin mahnt: »Insgesamt nahmen die deutschen Länder 2020 knapp 8,6 Milliarden Euro an Erbschaftssteuer ein, und das war schon Rekord.«

Das Imperium ist in Unruhe. Auch »innerhalb des Vorstands knirscht es gewaltig« weiß das Manager-Magazin. Heinz Hermann Thiele wollte seine »paradiesischen«, tariflosen Zustände retten. Erinnert sei an die kostenlose Mehrarbeit von sieben Stunden, die bei KB von den Beschäftigten verlangt wird, bei einer operativen Gewinnmarge von 18 Prozent. Dafür hatte er zuletzt noch ein »Mitarbeiteraktienprogramm« initiiert. Am vergangenen Donnerstag wurde es posthum in der Hauptversammlung in Kraft gesetzt. Von seiten der IG Metall, die vor kurzem auch bei den Aufsichtsratswahlen ihr Ergebnis verbessern konnte, drohen neue gewerkschaftliche Anläufe.

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