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Aus: Ausgabe vom 27.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Leipziger Buchmesse

Mit gutem Gewissen streamen

Die Leipziger Buchmesse fällt aus – zum Glück
Von Bernhard Spring
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Und am Ende läuft man Barbara Schöneberger in die Arme: Leipziger Buchmesse, 2018

Nicht einmal im Dreißigjährigen Krieg wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt. Doch nun fällt die große literarische Schau coronabedingt schon zum zweiten Mal aus. Das ist ein schwerer Schlag für die krisengeschüttelten Buchverlage, die etwas zusätzliche Aufmerksamkeit gut gebrauchen könnten, weil immer mehr Menschen lieber streamen als lesen. Auch für den kulturellen Austausch zwischen Ost und West ist die Messe nach wie vor wichtig, legt Leipzig doch traditionell einen Fokus auf das periphere Europa.

Für Journalisten ist der Ausfall der Messe aber auch ein Gewinn. Natürlich macht es Spaß, sich in das Gewimmel zu stürzen und von Verlagen umworben zu werden. Endlich hat der Job mal Vorzüge: Man darf den weniger frequentierten Seiteneingang nutzen, hat separate Toiletten, während andere anstehen müssen, und bekommt Gratisexemplare, wo der Normalbürger klauen müsste (und es auch macht. Hinter der Hand werden die Besucher gern als Beutelratten bezeichnet und als literarische Sensation gilt, wessen Buch am meisten gestohlen wird).

Aber die Vielfalt an Verlagen und möglichen Interviewpartnern kann auch schnell überfordern. Wer unter gleißender Mittagssonne in einem der gläsernen Verbindungstunnel Schlange steht, bekommt einen ernüchternden Eindruck von der wertvollen Arbeit des Kulturjournalisten. Der Anblick von Mangamädchen und die Rückenschmerzen nach stundenlanger Standbeschau sorgen regelmäßig dafür, dass man sich unendlich alt fühlt. Man stellt deprimiert fest, dass man von sämtlichen Kandidaten für den Buchpreis noch nie etwas gehört hat. Endlos telefoniert man dem Agenten von Uwe Tellkamp hinterher. Man trinkt zuviel Kaffee und raucht plötzlich wieder. Und muss neben dem Kantinenkartoffelsalat auch noch den Small talk mit den ach so geistreichen Zeitgenossen verdauen: »Sie kommen aus Berlin? Die Stadt ist für mich ja so eine Mischung aus Boheme und Hartz IV.« Am Ende läuft man Barbara Schöneberger in die Arme und hat spontan absolut keine Ahnung, wozu man sie befragen könnte, weil man im Kopf schon beim Gespräch mit Tellkamp ist. Und dann schreibt man doch wieder, was jedes Jahr überall zu lesen ist: neuer Besucherrekord … berichtet die Mainzerin freudestrahlend … ein absoluter Geheimtip ist … und eine Anekdote zu Barbara Schöneberger.

Eigentlich darf das alles ruhig nur alle drei Jahre passieren.

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