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Aus: Ausgabe vom 22.05.2021, Seite 5 / Inland
Automobilindustrie

Planlose Bosse am Werk

Rüsselsheim: Opelaner und IG Metall wehren sich gegen »Restrukturierungsorgien«. Unternehmen will »Freiwilligenprogramm« durchdrücken
Von Oliver Rast
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Steht in den Sternen: Fertigung in den Werkshallen des Autobauers mit dem »Blitz« im Logo

Fusionieren Konzerne, verlieren Beschäftigte. So auch im Fall der Belegschaft von Opel. Nach der Verschmelzung des Peugeot-Konzerns PSA – zu dem Opel gehörte – mit Fiat-Chrysler im Januar entstand der weltweit viertgrößte Autobauer Stellantis. Die Bosse wollen nun aufräumen, zuvorderst bei der einzigen deutschen Marke im Konsortium, der mit dem Blitz im Logo. Betriebsräte und IG Metall (IGM) sind ob der Demontagepläne alarmiert.

Bereits 2015 wurde das Opel-Traditionswerk in Bochum dichtgemacht, einer von vier Standorten hierzulande. In den vergangenen Jahren schrumpfte der Marktanteil des Unternehmens kräftig zusammen. Wurden zu Bestzeiten jährlich rund 1,5 Millionen Fahrzeuge verkauft, waren es 2020 nur noch 630.000. Immerhin schreibe Opel wieder schwarze Zahlen – eine wichtige Trendwende nach Jahren voller Verluste, hieß es Mitte April in einem Bericht auf Tagesschau.de.

Dennoch, Gewerkschafter und Beschäftigte befürchten: Die Fertigung in einzelnen Fabriken könnte eingestellt werden – etwa am Standort Eisenach in Thüringen. Und das Stammwerk im südhessischen Rüsselsheim könnte zu einem reinen Montagestandort für einige der insgesamt 14 Stellantis-Marken degradiert werden. Das Ringen um konzerninterne Investitionen ist in vollem Gange. Darauf verwies jüngst Opel-Chef Michael Lohscheller auf einer Betriebsversammlung. »Wir müssen uns intensiver und mit viel lauterer Stimme für Opel einsetzen.« Ansonsten würden bei Stellantis Investitionen und Arbeit »woanders hingehen«, meinte Lohscheller.

Die Folgen sind für Beschäftigte längst spürbar: Arbeitsverdichtung, Pausenverkürzung und Aushöhlung der Mitbestimmung bei der Arbeitszeit, teilte die IGM-Geschäftsstelle Darmstadt in einer am Donnerstag verbreiteten Stellungnahme mit. Von »zwingend erforderlichen Restrukturierungsmaßnahmen« im Rüsselsheimer Opel-Werk hingegen spricht das Unternehmen am Freitag auf jW-Nachfrage. Der Knackpunkt: 2020 hatten Opel-Geschäftsleitung und Gesamtbetriebsrat ein Programm zum »freiwilligen Personalabbau« vereinbart. Demnach sollen 2.100 Stellen gestrichen werden. Von dieser »Zielmarke« ist die Unternehmensführung weit entfernt, deshalb werde nun »ein umfangreiches Paket zur Förderung des freiwilligen Ausscheidens und zur Mobilität« umgesetzt, sagte der Sprecher weiter.

Eine kaum verklausulierte Drohung gegen Opelaner, die ihre Jobs behalten wollen. Und sie wehren sich. Für kommenden Mittwoch rufen Metaller zur Kundgebung in Rüsselsheim auf – Motto: »Zukunft nur mit uns! Menschen respektieren – Arbeit wertschätzen«. Es könne keine Lösung sein, Arbeitsplatzvernichtung »zum einzigen erkennbaren Unternehmensziel zu erklären«, sagte Ulrike Obermayr, Erste Bevollmächtigte der IGM Darmstadt, am Freitag gegenüber jW.

Die Situation bei Opel ruft auch die Landespolitik auf den Plan. Für die Regierung Hessens sei vordringlich, so Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) gleichentags auf jW-Anfrage, »dass das Unternehmen und die Arbeitsplätze gesichert werden«. Dazu sei eine gemeinsame Lösung der beste Weg, äußerte der Minister – »und das natürlich auf der Basis bisheriger Vereinbarungen«.

Die scheinen nicht rundweg zu gelten. »Die Beschäftigten werden vom Stellantis-Management schikaniert und drangsaliert«, empörte sich Christiane Böhm, Linke-Sprecherin für Sozial- und Gesundheitspolitik im Hessischen Landtag, am Freitag im jW-Gespräch. Zudem würden Mitbestimmungsrechte außer Kraft gesetzt. Mehr noch: Einzelne Opelaner mussten vor dem Arbeitsgericht gegen Kündigungen trotz Beschäftigungszusagen klagen. Sie waren erfolgreich. Nicht nur deshalb: Die Stimmung in der Belegschaft ist angespannt, richtig schlecht, betonte Gewerkschafterin Obermayr. Die planlosen »Restrukturierungsorgien müssen ein Ende haben«.

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