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Aus: Ausgabe vom 20.05.2021, Seite 1 / Titel
Todesurteil Aktivismus

Bogotá lässt töten

FARC-Comandante Jesús Santrich im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela ermordet. Kein Ende der Gewalt gegen Protestbewegung
Von Frederic Schnatterer
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Mit einer Performance machte dieser Demonstrant im südkolumbianischen Pasto auf die Gewalt von Polizei und Militär gegen Protestierende aufmerksam (9.5.2021)

Jesús Santrich ist tot. Was zuvor von mehreren Medien berichtet worden war, bestätigte am Dienstag (Ortszeit) die linke kolumbianische Guerilla »FARC-EP – Zweites Marquetalia« in einer Mitteilung. Demnach wurde der Comandante, der eigentlich Seuxis Hernández Solarte hieß, bereits am Montag auf venezolanischem Territorium im Grenzgebiet zu Kolumbien getötet. »Mit schmerzendem Herzen informieren wir Kolumbien und die Welt über die traurige Nachricht vom Tod des Comandante Jesús Santrich in einem von Kommandos der kolumbianischen Armee am 17. Mai gestellten Hinterhalt«, heißt es weiter.

Während die Guerilla erklärte, besagte Kommandos hätten »auf direkten Befehl des Präsidenten Iván Duque« gehandelt, übte sich Bogotá in Zurückhaltung. So erklärte am Dienstag Verteidigungsminister Diego Molano über Twitter, »Geheimdienstinformationen« wiesen darauf hin, »dass ›Santrich‹ bei mutmaßlichen Zusammenstößen in Venezuela gestern gestorben ist« – nicht ohne in der Nachricht gegen die Regierung in Caracas Stellung zu beziehen: »Sollte sich das bestätigen, beweist das, dass in Venezuela Kriminelle im Zusammenhang mit dem Drogenhandel Zuflucht finden.«

Santrich, der federführend an den Friedensverhandlungen der FARC-EP mit der damaligen Regierung Kolumbiens im kubanischen Havanna beteiligt gewesen war, entschied sich im August 2019 gemeinsam mit Luciano Marín alias Iván Márquez dazu, wieder zu der Waffen zu greifen. In einem Video verkündeten die beiden Comandantes die Gründung des »Zweiten Marquetalia« – eine Anspielung auf den Entstehungsort der ursprünglichen FARC-Guerilla. Zur Begründung hieß es, die rechte Duque-Regierung habe das 2016 in Kraft getretene Friedensabkommen verraten. Beleg dafür ist unter anderem die anhaltende von der Regierung tolerierte, wenn nicht beförderte Gewalt gegen Linke. Seitdem der Großteil der FARC-Kämpfer seine Waffen niedergelegt hat, wurden in Kolumbien mindestens 273 ehemalige Guerilleros ermordet.

Dass linke Überzeugungen in Kolumbien mithin einem Todesurteil gleichkommen, zeigt sich auch während der andauernden Massenproteste. Seit dem 28. April gehen in dem Land täglich Tausende auf die Straße – zunächst gegen ein mittlerweile fallengelassenes Steuergesetz, inzwischen jedoch allgemein gegen die Regierung sowie für ein gerechtes Kolumbien. Dabei kamen mehr als 40 Menschen ums Leben – getötet durch staatliche Einsatzkräfte oder im Auftrag der Herrschenden agierende Paramilitärs. Während die nationale Ombudsstelle von mindestens 42 Toten im Zusammenhang mit den Protesten ausgeht, spricht die Hilfsorganisation »Temblores ONG« von 51 Ermordeten. Hinzu kommen laut einer am Dienstag veröffentlichten Mitteilung 2.387 Fälle von Polizeigewalt.

Derweil ist nicht davon auszugehen, dass die Gewalt gegen Protestierende in den kommenden Tagen abnehmen wird. Am Dienstag hatte Präsident Duque verkündet, er habe angeordnet, dass »maximale Kapazitäten« eingesetzt würden, um die seit Wochen blockierten Straßen zu räumen – »unter strikter Beachtung der Menschenrechte«. Einen Tag zuvor war ein erneutes Treffen zwischen Regierungsvertretern und dem Nationalen Streikkomitee ergebnislos zu Ende gegangen. Letzteres fordert unter anderem ein Ende der Gewalt sowie des Einsatzes des Militärs gegen Protestierende.

Ein jW-Nachruf auf Comandante Jesús Santrich folgt in Kürze

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