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Aus: Ausgabe vom 19.05.2021, Seite 5 / Inland
Betriebsalltag

Ratloser Rat

Bundesarbeitsminister Heil berief Expertengremium zum Wandel in Arbeitswelt ein – einige Mitglieder haben Tätigkeit bereits niedergelegt
Von Bernd Müller
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Erwerbsbiographien verändern sich: Einen Plan, Beschäftigung zu sichern, gibt es nicht

Der Befund ist simpel: Die Arbeitswelt ist im Wandel, und die Coronapandemie hat zahlreiche Schwachstellen im Betriebsalltag aufgedeckt. Wie sie künftig gestaltet werden kann, das schlägt der »Rat der Arbeitswelt« in seinem ersten Bericht vor. Am Dienstag wurde dieser dem Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) übergeben. Was künftig mit den Empfehlungen und dem Rat selbst geschehen wird, ist noch offen: Die »Arbeitgeber« distanzierten sich schon vor der Übergabe von dem Bericht, auch die Mitglieder des Rates werden weniger.

Voll des Lobes ist der Bericht für die Bemühungen der Wirtschaft, in der Pandemie die Beschäftigten zu schützen. Innerhalb kürzester Zeit habe die überwiegende Mehrheit der Betriebe umfangreiche und erfolgreiche Maßnahmen zum Infektions- und Arbeitsschutz getroffen. Der Rat würdige »ausdrücklich die einzigartige Leistung aller betrieblichen Akteure«, sagte Ratsmitglied Isabel Rothe bei der Vorstellung in Berlin. Nun gelte es, aus der Pandemie zu lernen, wie man zum Beispiel in Zukunft mit gesundheitlichen Risiken umgehen oder wie Heimarbeit gestaltet werden könne.

Angesichts des Berichtes verkündete der Minister, Deutschland müsse zu einer »Weiterbildungsrepublik« werden. Staatlich geförderte Bildungszeiten sollten berufliche Neuanfänge erleichtern – und im Strukturwandel auch den Branchenwechsel. »Diese Bildungszeiten müssen in Deutschland so selbstverständlich werden wie die Elternzeit«, sagte er.

Auf dem Arbeitsmarkt werde in diesem Jahrzehnt ein gewaltiger Umbruch stattfinden. Heil: »Bei den sozialen Dienstleistungsberufen wird die Nachfrage nach menschlicher Arbeit im Bereich Gesundheit, Bildung, Pflege massiv zunehmen.« Die betriebliche Weiterbildung allein reiche deshalb nicht. Man solle »zu jeder Zeit« im Erwerbsleben einen neuen Beruf lernen können. Die größte Gefahr, betonte Heil, sei ein »tief gespaltener Arbeitsmarkt«, bei dem einerseits viele Unternehmen händeringend Fachkräfte suchten, gleichzeitig aber viele Menschen den Anschluss verlören.

In dem Bericht geht der Rat auch der Frage nach, welchen Platz geringfügige Beschäftigung in Zukunft haben solle und ob ihre Sonderstellung noch zeitgemäß sei. Anders als erhofft, war sie keine Brücke, über die Menschen wieder in reguläre Arbeit kommen. Deshalb, so schlägt der Rat vor, solle sie stufenweise abgeschafft werden.

Was aus den Empfehlungen werden wird, hängt wohl von der neuen Bundesregierung ab. Ob der »Rat der Arbeitswelt« Bestand haben wird, ist indes fraglich. Im vergangenen Jahr hatte Heil ihn als unabhängiges Gremium einberufen. Seine Aufgabe ist, Orientierung zu geben für den Wandel in der Arbeitswelt. Die Mitglieder kommen aus der Wissenschaft, vertreten Unternehmen oder Beschäftigte.

Seine Reihen lichten sich aber, einige Mitglieder warfen vorzeitig das Handtuch. Nach Informationen des Tagesspiegels vom Sonntag haben Bettina Volkens, Janina Kugel und Uschi Backes-Gellner ihr Ratsmandat bereits niedergelegt. Die ersten beiden sind ehemalige Personalvorstände bei der Lufthansa bzw. bei Siemens. Letztere ist Professorin für Betriebswirtschaft in Zürich. Sie hätten »die Lust verloren an der aufwendigen und eher mäßig vergüteten Expertentätigkeit«, heißt es im Tagesspiegel. Volkes und Kugel konnten die Tätigkeit wohl auch nicht mit ihren marktradikalen Positionen vereinbaren: Sie sollen sich »grundsätzlich gegen staatliche Interventionen auf dem Arbeitsmarkt« gesperrt haben.

Kugel war von der »Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände« (BDA) nominiert worden; mit ihr legte gleichfalls die BDA die Arbeit in dem Rat nieder. Noch bevor der Bericht veröffentlicht wurde, hatte sich die BDA distanziert. Laut Tagesspiegel erklärte der Verband: »Die BDA ist an der Erstellung des Berichtes nicht mehr beteiligt und macht sich daher dessen Ergebnisse auch nicht zu eigen.«

Auch der ehemalige Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, soll sich von seinen Kollegen im Rat verabschiedet haben, schreibt der Tagesspiegel. Es wird gemutmaßt, dass er für die Grünen in den nächsten Bundestag einziehen könnte.

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