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Aus: Ausgabe vom 17.05.2021, Seite 12 / Thema
Forschung und Rassismus

Barbarische Anthropologie

In den USA sorgen menschliche Überreste für Aufsehen, die für Onlinekurse der Princeton University als Schauobjekte dienen sollten. Sie stammen von zwei minderjährigen Opfern der Bombardierung einer schwarzen Gemeinschaft in Philadelphia 1985
Von Jürgen Heiser
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Staatsterrorismus gegen die eigene Bevölkerung. Am 13. Mai 1985 bombardierte ein Helikopter der Polizei ein Haus der Move-Community in Philadelphia. Dabei brannten auch die Häuser der Nachbarschaft ab (Aufnahme aus dem Dokumentarfilm »Let the fire burn« von 2013)

Ein Fall von Missbrauch der sterblichen Überreste ermordeter afroamerikanischer Kinder als Anschauungsobjekte der universitären Forschung und Lehre an US-Elitehochschulen fällt wie ein Schatten des gesellschaftlichen Erbes der Sklaverei auf die vorgeblich »moderne« Anthro­pologie. Ein Ereignis, an das zuletzt genau vor einem Jahr in dieser Zeitung erinnert wurde, ging dem voraus und wirkt wie ein Schemen aus der Frühgeschichte des in den USA virulenten rassistischen Wahns. »Der 13. Mai steht in diesem Jahr für den 35. Jahrestag des abscheulichen Massakers in der Osage Avenue in Südwestphiladelphia«, schrieb jW-Kolumnist Mumia Abu-Jamal. »Militärisch ausgerüstete Polizeitruppen warfen damals aus einem Helikopter eine Brandbombe auf ein Reihenhaus, das unter Nachbarn als das ›Move-Haus‹ bekannt war.«¹ Die Nachricht vom »Massaker am 13. Mai 1985« habe »die Nation erschüttert«, so Abu-Jamal, und sei »buchstäblich um die ganze Welt« gegangen.

Es war die unbegreifliche Aktion sogenannter Gesetzeshüter, die mit staatsterroristischen Methoden am Muttertag 1985 ein Wohngebiet zur »Free-Fire Zone« erklärten, um gegen eine als »Sekte« diskriminierte Gruppe von Menschen mit einer alternativen Lebensform vorzugehen. Bei diesem Angriff verlor nicht nur die Move-Gemeinschaft ihr Haus samt aller Habe, sondern die ganze afroamerikanische Nachbarschaft wurde obdachlos. 250 Menschen einer gewachsenen Gemeinschaft, vorwiegend Werktätige, Angestellte und Handwerker, die sich ein Zuhause geschaffen hatten, wurden zu Vertriebenen im eigenen Stadtteil. Sie mussten in Notunterkünfte evakuiert werden, weil zwei Straßenzüge mit 61 Gebäuden der Feuerwalze zum Opfer fielen, die der Bombenabwurf ausgelöst hatte.

Bei den vorwiegend aus Holz gebauten Reihenhäusern hatten die vom Move-Haus übergreifenden Flammen leichtes Spiel. Rund hundert weitere Häuser des Stadtteils Cobbs Creek wurden beschädigt, und die verantwortlichen Behördenvertreter sahen seelenruhig zu. Die alarmierte Feuerwehr wurde auf Befehl der Polizeiführung über eine Stunde lang daran gehindert, die Brandherde zu bekämpfen. Angeblich bestand Lebensgefahr für jeden, der den Block betreten und sich dem Move-Haus nähern würde. Tatsächlich in Lebensgefahr waren die dreizehn Kinder und Erwachsenen, die mit ihren Haustieren im attackierten Wohnhaus lebten. Ihr einziger Widerstand bestand darin, sich zu verbarrikadieren, weil sie nicht schon wieder die Polizei durch ihr Zuhause trampeln und es demolieren lassen wollten.

Tödliche Amtshilfe

Der Abwurf der Zweikilobombe eines Spezialsprengstoffs, den die US-Bundespolizei FBI der lokalen Polizei in Amtshilfe zur Verfügung gestellt hatte, war der Höhepunkt einer fast zwanzigstündigen Belagerung, deren Anlass nach amtlichen Angaben bloß »Beschwerden über Lärmbelästigungen« gewesen waren. Dieser Begründung widersprach Ramona Africa, eine der beiden Überlebenden des 13. Mai 1985, in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender Democracy now. Der Überfall auf ihr Haus habe nicht »wegen Beschwerden von Nachbarn« stattgefunden. »Dieser Staat hat sich nie um Schwarze gekümmert, die sich über ihre Nachbarn beschwerten«. Der wahre Grund: »Sie bombardierten uns wegen unseres beharrlichen Kampfes für unsere Familienmitglieder, bekannt als die ›Move 9‹, die seit nunmehr zweiunddreißig Jahren unschuldig im Gefängnis sitzen«, so Africa im Mai 2010.

Move hatte immer schon schlechte Erfahrungen mit dem Staatsapparat gemacht. So im früheren Move-Haus im Stadtteil Powelton Village von Philadelphia am 8. August 1978, als die Gemeinschaft ebenfalls von einer Polizeiübermacht unter Sperrfeuer genommen wurde, um sie aus dem Haus zu vertreiben. Bei dem Angriff starb einer der Polizisten. Die Move-Mitglieder sagten aus, von ihnen sei kein Schuss abgegeben worden. Der Beamte könne nur Opfer des »Friendly Fire« seiner Kollegen gewesen sein. Trotzdem wurden neun Männer und Frauen, bekannt geworden als die »Move 9«, zu je 30 bis 100 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dass die damals schon mehr als sechs Jahre andauernde Haft sich noch als jahrzehntelanges Martyrium der Inhaftierten hinziehen würde, konnten die Bewohner des neuen Move-Hauses in der Osage Avenue im Mai 1985 noch nicht ahnen, aber der gegen sie gerichtete Terror von 1978 war ausschlaggebend für ihren Widerstand. Den sollte zunächst Tränengas brechen, dann eine wahre Sintflut von vier Wasserkanonen sie aus dem Haus schwemmen. Als nächste Eskalationsstufe kam ein 90minütiges »Feuer frei!« der Polizei mit amtlich bestätigten rund 10.000 Schüssen, die auf das Wohnhaus abgegeben wurden.

Schließlich wurde zu einem bevorzugten Mittel aus dem US-Arsenal kolonialer Kriegführung gegriffen: das durch den Hubschrauberangriff um exakt 17 Uhr 27 ausgelöste Höllenfeuer. Ramona Africa erinnerte sich: »Ohne irgendeine Ankündigung oder Warnung warfen sie diese Bombe auf das Dach unseres Hauses.« Nun blieb ihnen die Zwangslage, »entweder zu ersticken, lebendig verbrannt oder erschossen zu werden«, sagte Ramona Africa. Die Polizei habe ihre Hilferufe gehört, trotzdem wurden sie »immer wieder in das lodernde Inferno zurückgedrängt«, weil »um uns herum überall Kugeln einschlugen«.

Ramona Africa rettete das Kind Birdie und sich selbst und rannte ins Freie. Sie nahm an, die anderen wären ihr gefolgt. Bis ihr klar wurde: Sie waren im Haus umgekommen. Sechs Männer und Frauen sowie fünf Kinder im Alter zwischen sieben und 14 Jahren lagen tot in der rauchenden Asche. Die Africa Family, die an diesem Ort ihren naturbewussten und antirassistischen Gegenentwurf zur herrschenden US-Gesellschaft leben wollte, war fast vollständig ausgelöscht worden.²

In Pappschachteln verpackt

Im April 2021 erfuhr die entsetzte Öffentlichkeit der schwarzen Bevölkerung von Philadelphia, was der Basisaktivist Abdul-Aliy Muhammad eher zufällig herausgefunden hatte: Knochen von zwei der 1985 im Move-Haus getöteten Kinder, nämlich Delisha und Tree Africa, existieren noch. Mit bürgerlichem Namen hießen die beiden Delicia Phillips (12) und Katricia Dotson (14, »Tree« war ihr Spitzname). Beide trugen wie alle Move-Mitglieder den gemeinsamen Nachnamen Africa. Was Muhammad bereits am 21. April in einem Kommentar der Tageszeitung Philadelphia Inquirer kundgetan hatte, war die Tatsache, dass Teile der sterblichen Überreste von Tree und Delisha ohne Wissen ihrer Angehörigen jahrzehntelang, in Pappschachteln verpackt, abwechselnd in Archiven zweier US-Universitäten befunden hatten: in der Princeton University und der University of Pennsylvania und dem ihr untergeordneten Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology, kurz Penn Museum genannt.

Zur Enthüllung kam es, als die Stadt Philadelphia für das Frühjahr 2021 ihren ersten offiziellen Gedenktag für den Bombenanschlag von 1985 vorbereitete. Im Rahmen einer Gedenkfeier sollte umgesetzt werden, was der Stadtrat im vergangenen Jahr mit seiner formellen Bitte um Entschuldigung für das »unermessliche und anhaltende Leid, das durch die Bombardierung verursacht wurde«, angekündigt hatte.

Auch die britische Zeitung The Guardian wusste am 23. April zu berichten, es habe sich herausgestellt, dass die sterblichen Überreste der Kinder »in den vergangenen 36 Jahren in den anthropologischen Sammlungen der Universitäten von Pennsylvania und Princeton aufbewahrt wurden«. Die Hochschulen hätten »die stark verbrannten Fragmente aufbewahrt und seit 2019 ohne Erlaubnis der noch lebenden Eltern der Verstorbenen zu Lehrzwecken eingesetzt«.

Einige der Knochen wurden als Anschauungsobjekte für Fallstudien in einem Onlinekurs verwendet, der im Namen der Princeton University angeboten und von der Onlinestudienplattform »Coursera« betreut wurde. Der Kurs »Real Bones: Adventures in Forensic Anthropology« (etwa: »Echte Knochen: Abenteuer in der forensischen Anthropologie«) konzentrierte sich auf Fälle von »Lost Personhood«, im Kursangebot folgendermaßen erklärt: »Die forensische Anthropologie befasst sich mit medizinisch-juristischen Fällen, in denen menschliche Überreste nicht mehr einer Person zugeordnet werden können (ein Individuum kann aufgrund von Zersetzung oder Zerstörung einzigartiger persönlicher Merkmale nicht identifiziert werden).«³

Der Lehrplan für den ab 19. April 2021 angesetzten sechswöchigen Einführungskurs sah für die erste Woche vor, in »das Feld der forensischen Anthro­pologie mit einer Fallstudie über die Bombardierung der Move-Gemeinschaft« einzuführen. »Viele der menschlichen Überreste waren verbrannt, und somit ging die ›Personalität‹ verloren«, so die Kursbeschreibung. Die Einführung sei »mehr als nur eine Fallstudie der forensischen Anthropologie«. Denn: »Es gab sehr ernste Fragen über die sozialen und politischen Folgen der Ereignisse, die zu dem Angriff auf die Nachbarschaft in Philadelphia und in deren Ergebnis zu einer Konfrontation mit den Strafverfolgungsbehörden führten.« Das scheinbar vorhandene Problembewusstsein über die Vernichtung der Move Family und ihrer Wohnstatt hielt Kursleiterin Janet Monge, Kuratorin des Penn Museums, indes nicht davon ab, Knochen der Move-Kinder beruflich auszubeuten.

In einem online geposteten Video zum Kurs hält Monge, Gastprofessorin der Princeton University, einen Hüftknochen in die Kamera, von dem inzwischen sicher ist, dass er von der 14jährigen Tree Africa stammt. Dazu führt Monge aus: »Dies ist einer dieser Fälle, in denen das Material etwas Fleisch aufweist, was in der forensischen Anthropologie nicht ungewöhnlich ist. Die Knochen sind verbrannt, aber im vorliegenden Fall ist tatsächlich etwas Weichgewebe übriggeblieben. Es ist also eine ziemlich komplizierte Geschichte.« Und Monge weiter: Der »Oberschenkelknochen« sei »mit viel weniger Gewebe verbunden«, sei aber, »wie wir sagen würden, saftig«, sähe »glitschig« aus, würde jedoch »nicht wirklich schlecht« riechen, aber »irgendwie fettig, wie bei einem älteren Fett«.

Nach Bekanntwerden des Skandals wurde der Onlinekurs sofort eingestellt und die im Februar von Monge angefertigten Videoaufnahmen gelöscht.⁴ Als die Mütter und die übrigen Angehörigen aus der Africa Family von der Ungeheuerlichkeit erfuhren, mussten sie erkennen, dass die sterblichen Überreste der Toten vom 13. Mai 1985 nie wirklich vollständig geborgen worden waren. »Ich kannte Tree und Delisha sehr gut«, erklärte der heute Anfang 40jährige Mike Africa Jr. am 27. April im Gespräch mit Democracy Now. Er war sechs Jahre alt und befand sich bei seinen Großeltern, als die beiden starben. Sie seien alle drei »ungewöhnliche Waisenkinder« gewesen, da ihre Eltern zu den »Move 9« gehörten und seit mehr als sechs Jahren im Gefängnis saßen. Nun zu wissen, wie heute mit Teilen ihrer sterblichen Überreste umgegangen wird, bringe all den Horror, der sich mit dem 13. Mai verbinde, »wieder ganz nah. Gerade an einem weiteren Jahrestag, an dem wir immer an unsere Familie denken«, sagte Mike Africa Jr. Das sei »einfach niederschmetternd«.

Aus Gräbern gestohlen

In der schwarzen Bevölkerung Philadelphias wurden spontan Protest und Widerstand gegen den offenkundig gewordenen Skandal organisiert. Am 28. April 2021 zog eine Demonstration durch Philadelphia zum Penn Museum. »Move-Kinder verdienen es, in Frieden zu ruhen«, stand auf dem Transparent an der Spitze des Zuges zu lesen. Auf der Kundgebung vor dem Museum prangerte der Liedermacher YahNé Ndgo im Namen von »Black Lives Matter Philadelphia« die »Schändung der sterblichen Überreste zweier junger schwarzer Move-Familienmitglieder durch die University of Pennsylvania« an, wie Workers World online berichtete. Ndgo forderte, die Menschenwürde schwarzer Menschen müsse geachtet und »die Körper schwarzer und brauner Menschen« dürften »niemals als Studienobjekte missbraucht« werden. »Wir sind Menschen, und jedes unserer Leben zählt!«

Mike Africa Jr., Sohn der »Move 9«-Mitglieder Debbie und Mike Africa, blickte zurück auf die Zeit, als der Gerichtsmediziner und Mitarbeiter 1985 nach dem Brand im Move-Haus die Leichen in der Pathologie ungekühlt der Verwesung preisgaben. »Das war so ungeheuerlich, dass sie gefeuert wurden«, so Africa Jr. Danach seien die forensischen Anthropologen vom Penn Museum mit der Aufgabe der Identifizierung betreut worden, weil von ihnen ein »ethischeres Verhalten« erwartet wurde. Doch, so Africa Jr., »das sind genau die Monster, über die wir heute sprechen«. Gemeint sind der inzwischen im Ruhestand befindliche forensische Anthropologe Alan Mann und seine damalige Doktorandin Janet Monge, die nun in ihrem Video anhand des Hüftknochens von Tree Africa beschreiben, »dass meine Schwester einen Knochenbruch erlitt, als wahrscheinlich ein schwerer Balken auf sie gestürzt« sei.

Whistleblower Abdul Aliy Muhammad erklärte auf der Kundgebung, er und andere Gleichgesinnte hätten bereits vor zwei Jahren entdeckt, dass im Archiv des Penn Museums Gebeine von 53 Sklaven aus dem kolonialen Kuba lagern. Im vergangenen Jahr erfuhren sie dann, »dass dort auch 14 Schädel von Schwarzen lagern, die aus Gräbern gestohlen worden waren«, so Muhammad zur Menge. »Das ist ekelhaft, das ist widerlich!« Unter den 400 Protestierenden auf der Kundgebung waren auch Studierende und Lehrkräfte der University of Pennsylvania, die zwei Tage zuvor durch eine Pressekonferenz der Move-Organisation aufgerüttelt worden waren.

Eugenik und weiße Vorherrschaft

Am 28. April reagierten die Gesellschaften der »Association of Black Anthropologists« (ABA), der »Society of Black Archaeologists« (SBA) und des »Black in Bioanthropology Collective« (BiBA) mit einer gemeinsamen Erklärung.⁵ Sie verurteilten die Vorgänge um den Bombenabwurf im Jahr 1985 ebenso wie das Verhalten der beiden forensischen Anthropologen Alan Mann und Janet Monge, die Gebeine der Move-Kinder »in ihrem persönlichen Besitz zu behalten und zwischen dem Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology und der Princeton University hin und her zu schieben«. Als Monge den Coursera-Kurs im April anbot, hätten sich etwa 5.000 Studierende angemeldet. »Sie wurden jedoch im unklaren darüber gelassen, dass die Angehörigen weder über die Existenz der Gebeine informiert waren, noch je versucht worden war, sie ihnen zurückgegeben«, so die drei Gesellschaften.

ABA, SBA und BiBA erklärten weiter, sie seien »sich der barbarischen Geschichte der Anthropologie schmerzlich bewusst, besonders wenn es um Populationen von Völkern afrikanischer Abstammung« gehe. Ihre Disziplin sei immer wieder mobilisiert worden, »um Eugenik und das Denken weißer Vorherrschaft zu legitimieren und Sklaverei und Kolonialismus zu rechtfertigen«. Ihnen sei auch bewusst, »dass ethnographische Museen, wie das Penn Museum of Archaeology and Anthropology (das die Sammlung des berüchtigten Rassisten Samuel Morton beherbergt), die akademische Begründung für die Institutionalisierung von Rassismus in anthropologischen Lehrbüchern, Kursen und Lehrplänen unterstützt haben«.

Wegen dieser Geschichte des Rassismus in der Anthropologie sähen es ABA, SBA und BiBA als ihre Aufgabe, dem zu begegnen, »indem wir als Organisationen aufs Schärfste die Universitäten von Pennsylvania und Princeton zusammen mit den Professoren Alan Mann und Janet Monge für ihren erschreckenden Umgang mit den Gebeinen von Tree und Delisha Africa und für die unfassbare Herzlosigkeit und Respektlosigkeit gegenüber der Africa Family verurteilen«. Atemberaubend sei die »ethische Gleichgültigkeit, die alle Beteiligten dabei an den Tag gelegt haben«, aber auch »die Tatsache, dass diese Einrichtungen die Knochen schwarzer Kinder, die bei einem staatlichen Terroranschlag ermordet wurden«, für ihre Zwecke und auch finanziell verwerteten. Eine Tatsache, »die angesichts des in den letzten Jahren geschärften öffentlichen Bewusstseins für brutale Morde an schwarzen Kindern und Jugendlichen durch die Polizei um so schmerzhafter« sei.

Abschließend unterstützten sie die öffentlich in einer Petition von Mike Africa Jr. erhobenen Forderungen: die »sofortige Rückgabe der Gebeine von Delisha Africa und Tree Africa« sowie eine »Bitte um Entschuldigung der Universitäten von Pennsylvania und Princeton und des Penn Museum an die Move Family und die schwarze Gemeinde von Philadelphia für dieses rassistische und abscheuliche Verhalten«.⁶

Da die angesprochenen Institutionen bislang nur »Reuebekundungen« von sich gegeben hätten, müsse mehr geschehen. »Wir fordern deshalb, dass die American Anthropological Association sich umgehend darum bemüht, die Rückführung der Gebeine der Kinder der Africa Family sowie anderer sterblicher Überreste, die in zahlreichen anthropologischen Museen und Abteilungen im ganzen Land aufbewahrt werden, zu fördern.« Dazu gehörten unter anderem die zahlreichen sterblichen Überreste von Völkern afrikanischer Abstammung. Zu diesem Zweck fordern ABA, SBA und BiBA zudem »ein nationales Prüfungsverfahren bezüglich aller Bestände menschlicher Knochen in Museums- und Universitätssammlungen«. Es sei zwingend notwendig, diese Informationen öffentlich zu machen, »damit die Nachkommen die Souveränität über die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren zurückfordern können«. Für den diesjährigen Gedenktag »des staatlich sanktionierten Bombenanschlags vom 13. Mai« baten die Verfasser der Erklärung die Öffentlichkeit um Solidarität mit den Familien und Freunden von Move, und die Unterstützung der »Forderung von Move nach Freiheit für Mumia Abu-Jamal und alle politischen Gefangenen!«

Die Erklärung ist ein Beleg dafür, dass der Skandal um den Missbrauch der Knochen der Move-Kinder in den USA eine Debatte befeuert, die in den letzten Jahren durch rassistische Polizeigewalt und die Infragestellung des sytemischen Rassismus der Gesellschaft forciert wurde. Durch die Kritik der Bewegung Black Lives Matter manifestierte sich nicht nur die selbstbewusste Feststellung, dass »schwarze Leben zählen«. Mehr und mehr kam auch die Frage auf: Was geschieht eigentlich mit unseren Toten? In diesem Zusammenhang entbrennt die Auseinandersetzung vor allem um den Umgang mit den Gebeinen versklavter Menschen in Museumssammlungen. Das Penn Museum hatte für die Zurschaustellung und Einlagerung von mehr als tausend Totenschädeln seiner »Samuel Morton Cranial Collection« um Entschuldigung gebeten. Die Sammlung war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengestellt und von ihrem Begründer zur Untermauerung von Theorien weißer Überlegenheit missbraucht worden.

Wachgerufen von der im Sommer 2020 erfolgten Entfernung der Morton Collection aus der öffentlichen Ausstellung im Penn Museum und als Beitrag zur Diskussion über Rassismus und antirassistische Arbeit sowie mit Blick darauf, »wie die Anthropologie historisch zu Strukturen der Ungleichheit beigetragen hat«, begann die Fachzeitschrift History of Anthropology Review im Februar 2021 eine neue Serie mit Essays über »das Erbe des wissenschaftlichen Rassismus in Museen«.

Da zeige sich »ein wirklich großes Problem«, zitierte Democracy Now am 30. April den US-Historiker Samuel Redman, Autor des Bandes »Bone Rooms: From Scientific Racism to Human Prehistory in Museums« (etwa: »Knochensäle: Vom wissenschaftlichen Rassismus zur menschlichen Vorgeschichte im Museum«). Darin beschreibt Redman auch die Repatriierung der Gebeine von indigenen Ureinwohnern als Konsequenz des vom US-Kongress 1990 verabschiedeten Bundesgesetzes »Native American Graves Protection and Repatriation Act«. Fälle wie der Missbrauch der Knochen der von Philadelphias Polizei getöteten Kinder seien »entsetzlich und erfordern unsere volle Aufmerksamkeit«. Notwendig sei indes »eine viel umfassendere Antwort auf dieses Problem, die in die Tiefe der Geschichte von Kolonialismus, weißer Vorherrschaft und wissenschaftlichem Rassismus« gehe. Dieses Phänomen setze sich bis in die Gegenwart fort als »Tradition, die wir in ihrer vollen Tragweite noch nicht verstehen«. Er unterstütze deshalb die Erklärung der schwarzen Anthropologen. »Weiße Anthropologen« sollten »aktiv daran arbeiten«, forderte Redman, »die Jahrhunderte der Gewalt und des Traumas, die nichtweiße Bevölkerungsgruppen erleiden mussten, wiedergutzumachen«.

Anmerkungen

1 jW vom 18.05.2020: https://www.jungewelt.de/artikel/378500.nicht-zu-entschuldigen.html.

2 Empfohlen ist dazu eine 60minütige Dokumentation über den 13. Mai 1985 vom TV-Sender WHYY (Philadelphia) unter dem Titel »Bombing of Osage« produziert. Das Video ist online frei verfügbar unter: https://www.pbs.org/video/whyy-specials-bombing-osage-avenue-1986/.

3 https://www.classcentral.com/course/real-bones-forensic-anthropology-21165

4 Das oben beschriebene Video ist jedoch noch im Archiv des Senders Democracy Now zugänglich: https://www.democracynow.org/2021/4/27/philadelphia_move_bombing_human_remains.

5 http://aba.americananthro.org/

6 Eine Petition dazu findet sich hier: https://actionnetwork.org/petitions/move-children-deserve-to-rest-in-peace.

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Februar 2021 über den afroamerikanischen Freiheitskämpfer Malcolm X.

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