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Aus: Ausgabe vom 17.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Unerbittlich der Sache verpflichtet

Zum Tode des marxistischen Soziologen und Sozialphilosophen Werner Seppmann
Von Daniel Bratanovic
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Werner Seppmann (1950–2021)

Das war so nicht abgemacht. Vor gerade einmal vier Wochen rief er an, seinen nächsten Aufsatz für die Thema-Seiten von junge Welt vorzustellen und abzusprechen, denn es galt, Georg Lukács im Juni zu dessen 50. Todestag zu würdigen; und einen Arbeitstitel hatte er auch schon: »Unser vierter Klassiker«. Alles schien wie immer, er sprach klar und bestimmt, erwähnte dies, erwog das und gab, ungewöhnlich genug, nur kurz, leicht spöttisch und eher beiläufig Rat: »Ich empfehle dir, nicht alt zu werden.« Das mochte der Hinweis auf die lästigen Zipperlein des fortgeschrittenen Alters sein. Doch jetzt ist Werner Seppmann tot. Er starb am vergangenen Mittwoch im Kreis seiner Familie, wie seine Ehefrau der Redaktion am Freitag mitteilte.

Kaum je erzählte er von sich und gab auch keine Gelegenheit nachzufragen. Zu tief steckte man sogleich im jeweiligen Sujet, um ein Interesse an Persönlichem auch nur aufkommen zu lassen. Oft begann er mit der überfallartigen Einleitung »Du kennst doch bestimmt den, sicher hast du die gelesen.« Hatte ich oftmals nicht, war aber schon mittendrin. Gespräche mit ihm – bei denen er stets den weitaus größeren Redeanteil behauptete – besaßen keine Aufwärmphase, kannten keinen seichten Smalltalk, bevor es zur Sache ging. Denn dieser Sache war er unnachgiebig, ja rücksichtslos verpflichtet. Das konnte bisweilen anstrengend sein, aber nie langweilig. Die Sache, das waren solche Kleinigkeiten wie der Versuch einer angemessenen Klassenanalyse vor dem Hintergrund gewandelter Produktionsabläufe und davon abgeleitet die Frage, warum die offensichtlichen gesellschaftlichen Widersprüche kein kritisches, ja widerständiges Bewusstsein vor allem unter den Lohnabhängigen provozieren, die sich als Opfer krisenhafter Umwälzungen vielmehr bereitwillig einem vermeintlichen Schicksal zu fügen scheinen.

Werner Seppmann war ein durch und durch parteilicher Wissenschaftler, der, das versteht sich beinahe von selbst, nie akademische Karriere machte. Denn beides geht in diesem Land längst nicht mehr zusammen: ein Marxist, Kommunist noch dazu, auf dem Lehrstuhl einer deutschen Universität. Dabei lehrte, die Zeiten waren leidlich andere, sein einstiger Mentor, der marxistische Theoretiker und Soziologe Leo Kofler, noch einige Jahre an der Ruhr-Universität Bochum. 1950 auf Kohle, nämlich im Ruhrgebiet geboren, studierte Seppmann nach einer Bäckerlehre, mehrjähriger beruflicher Tätigkeit und zweitem Bildungsweg Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum und wurde dort 1992 mit der Arbeit »Struktur und Subjekt. Zur Begründungsproblematik eines kritischen Marxismus« promoviert.

Das Thema sollte ihn nicht mehr loslassen. Insbesondere die objektivistische Theorie in der Tradition des französischen Philosophen Louis Althusser stand immer wieder im Zentrum seiner Kritik, da sie einen Marx »ohne Zivilisationskritik und humanistische Selbstvergewisserung, ohne Entfremdungstheorie und konkrete Emanzipationsperspektive« propagiere. Nicht minder unerbittlich bekämpfte er den Schwachsinn der postmodernen Theorie, der er einmal attestierte, dass es zwischen ihr »und einem kritischen Denken in der Perspektive menschlicher Selbstbestimmung nur sehr wenige befruchtende Berührungspunkte gibt. Denn fast jede der postmodernistischen Denkbewegungen führt zu resignativen und objektiv emanzipationsfeindlichen Konsequenzen«.

Marxismus war für Seppmann keine erstarrte, kanonisierte Lehre, kein Zitatzettelkasten ewiger Wahrheiten. Die Marxsche Theorie erachtete er als prinzipiell fähig, neue Entwicklungen und Erkenntnismethoden zu erfassen und in ihren Korpus integrieren zu können. In seiner Beschäftigung mit den vielfältigen theoretischen Referenzen ging es ihm nie um eine Rekonstruktion verschiedener Ansätze, sondern um deren jeweiligen methodischen »Gebrauchswert« für die Analyse und Kritik der Gegenwartsverhältnisse. Beliebig war das nie, aber ungemein produktiv. Seine Schriften »Krise ohne Widerstand?« (2010), »Die verleugnete Klasse« (2011) und »Ausgrenzung und Herrschaft« (2013) dürften für eine weitere ernsthafte Beschäftigung mit Struktur und Bewusstsein der Arbeiterklasse unverzichtbar sein.

Seppmanns unnachgiebige Strenge mochte manche irritieren. Ohne je ganz mit seinen Genossen zu brechen, verließ er 2009 nach jahrelanger Mitgliedschaft seine Partei, die DKP. »Meine Gründe hören sich sicherlich zunächst kurios an«, sagte er einmal in einem Interview. »Es ging um ästhetische Fragen, aber Revisionismen haben sich in der Arbeiterbewegung schon oft an ästhetischen Fragen bemerkbar gemacht.« So war er und wird als unermüdlicher interventionistischer Denker fehlen.

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  • Leserbrief von Ole Chmilewski aus Wedel (20. Mai 2021 um 12:24 Uhr)
    Zunächst meinen Dank an Daniel Bratanovic für seinen Nachruf auf Werner Seppmann. Ich habe Werner Seppmann vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung kennengelernt. In einem ersten Gespräch wurde schnell klar, was uns gemeinsam war: beide aufgewachsen »auf Kohle« und nachhaltig geprägt durch die dadurch bedingten Verhältnisse. Möglicherweise erklärt das auch unser beider Misstrauen gegenüber den hochgelehrten Auslassungen postmoderner »Meisterphilosophen«. Werner Seppmann war in den folgenden Jahren insgesamt sechsmal als Referent zu Gast bei unserer Wedeler Masch. Wir hatten reichlich Gelegenheit zum Meinungsaustausch. Das Begrff Austausch ist jedoch bei der Charakterisierung unserer Gespräche etwas fehl am Platze, erweckt er doch den Eindruck, dass hier vielleicht gleich lange Beiträge gegeneinander abgewogen würden. In der Regel begann Werner seine Ausführungen mit den Worten: »Bestimmt hast Du …« Aber da ging es mir wie Daniel Bratanovic, meistens hatte ich nicht. Ich werde Werner Seppmann, seine Betrachtung der Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Auswirkungen auf das Bewusstsein, seine »Erachtung der prinzipiellen Fähigkeiten der Marxschen Theorie«, seine »ungemeine Produktivität«, aber auch die ihm eigene Art, jemandem auf den Nerv zu gehen, sehr vermissen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (17. Mai 2021 um 00:07 Uhr)
    »Die Marxsche Theorie erachtete er als prinzipiell fähig, neue Entwicklungen und Erkenntnismethoden zu erfassen und in ihren Korpus integrieren zu können. « Nur »prinzipiell«? Nach meinem Marx-Verständnis von »materialistisch«, »historisch«, »dialektisch« ist es geradezu der Kern dieser Theorie, »neue Entwicklungen ...« zu integrieren, also diese Theorie auf diese selbe Theorie anzuwenden. Nun kann eine Theorie sich leider (?) nicht selber anwenden. Man muss also die Anwender der Theorie fragen, was sie erreichen wollen (wollten) und was sie tun (taten, hm, manche kann man nicht mehr fragen). Und selber sollten sie sich das auch fragen. Häufig kommt was anderes heraus, als gewollt war. Praktisches (politisches) Handeln ist eben etwas anderes, als Thermodynamik in abgeschlossenen Systemen zu betreiben. Die Reproduzierbarkeit politischen Experimentierens ist aufgrund schwer zu definierender Anfangs- und Randbedingungen schwierig. Prognosen sind ebenfalls schwierig, da sie sich auf die Zukunft beziehen.

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