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Aus: Ausgabe vom 15.05.2021, Seite 8 / Ansichten

Autonomie unerwünscht

150 Jahre Abtreibungsverbot
Von Ina Sembdner
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Recht auf den eigenen Körper: Protest gegen fundamentale »Lebensschützer« in München (20.3.2021)

Die Entmündigung von Frauen, auch im 21. Jahrhundert nicht selbstbestimmt darüber entscheiden zu können, ob eine Schwangerschaft ausgetragen wird, ist zentrales Element eines patriarchal organisierten Staates. Um das damit verbundene bürgerlich-kapitalistische System aufrechterhalten zu können, ist die Kontrolle über den weiblichen Körper unabdingbar.

Das am 15. Mai 1871 gesetzlich verankerte Abtreibungsverbot mit den Paragraphen 218 und 219 hatte lange Zeit das Ziel, eine dem Kapitalismus zuarbeitende Bevölkerungspolitik durchzusetzen. Dem Aufbäumen der Frauenbewegung in der Weimarer Republik folgte die um so brutalere rassenideologische Körper- und Reproduktionspolitik der Nazis. Das 1933 verabschiedete »Werbeverbot«, das eine Weitergabe von Informationen zu Abbrüchen durch Ärzte untersagt, kriminalisiert Mediziner noch heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag auch in der DDR zunächst der Fokus auf einem Anwachsen der Bevölkerung. 1972 folgte jedoch die radikale Aufhebung des Verbots; Frauen waren nun theoretisch frei, sich ohne demütigende Offenbarungen gegen eine ungewollte Schwangerschaft zu entscheiden. Der Kritik von konservativ-bürgerlicher Seite, dass es trotzdem den staatlichen Druck gegeben habe, Kinder zu gebären, wird der Wind aus den Segeln genommen, wenn man sich die Realität anschaut: finanziell abgesicherte Freistellung nach Geburt mit garantierter Arbeitsplatzrückkehr, ein umfassendes Betreuungssystem, Sonderrechte für alleinstehende Mütter und kinderreiche Familien sowie die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln.

Davon sind wir heute leider wieder meilenweit entfernt. Denn das kapitalistische im Gegensatz zum sozialistischen Gesellschaftsmodell hat keinerlei Interesse an einer Ausweitung flankierender politischer Maßnahmen bei gleichzeitiger Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. So bleibt die Fremdbestimmung über den weiblichen Körper, und Frauen mit Kindern enden nur allzu oft am unteren Ende der Armutsskala.

Aber das Reproduktionsrecht ist nicht der einzige Bereich, in dem der kapitalistische Staat gegen seinen drohenden Kontrollverlust vorgeht. Dies zeigt sich am erbitterten, ideologisch geführten Widerstand gegen ein Aufbrechen der Zweigeschlechtlichkeit, deren offensichtlichstes Manifest – die Ehe – als Kern des bürgerlichen Staates um jeden Preis erhalten werden soll. Wie auch an der repressiven Art und Weise, mit der transgeschlechtlichen Personen Maßnahmen aufgezwungen werden, um »Authentizität« herzustellen. Wir erinnern uns: Bis 2011 mussten sich Menschen, die ihren Personenstand ändern wollten, einer Sterilisation unterziehen. Und immer noch gibt es auch hier, ähnlich der Regelung zum Schwangerschaftsabbruch, von oben verordnete Gutachten, die darauf ausgelegt sind, die Betroffenen – im schlimmsten Fall traumatisierend – vom Gegenteil ihrer Selbstbestimmung zu überzeugen.

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