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Aus: Ausgabe vom 14.05.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Das letzte Lagerfeuer ist abgebrannt

Der Deutsche Fußballbund schlittert von Krise zu Krise
Von Leonhard Furtwängler
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Zeit zu gehen: Noch-DFB-Präsident Fritz Keller (r.) braucht einen Absacker

Die letzte Schlacht von Fritz Keller ist kaum mehr als eine Randnotiz. Denn während der Noch-Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) am Freitag vor dem Sportgericht um sein Ansehen kämpfen will, geht es für den Verband längst um die Weichenstellung für die Zukunft. Der Druck wächst. Viele wollen sich mit dem beschlossenen »Neuanfang light« nicht begnügen. »Das ist eine ganz große Mogelpackung«, kritisierte Lothar Matthäus bei Sky ungewohnt präzise die Salamitaktik bei den angekündigten Rücktritten der heillos zerstrittenen Führung: »Es muss ein vollkommener Neuanfang her.« Er erwarte nach der für Montag in Aussicht gestellten Demission des Kurzzeitpräsidenten Keller (knapp 600 Tage im Amt) auch den zügigen Abgang der anderen Topfunktionäre.

Danach sieht es allerdings (noch) nicht aus. Nur Generalsekretär Friedrich Curtius folgt seinem Intimfeind Keller, sobald die Auflösung seines Arbeitsvertrages verhandelt ist. Dagegen sollen die Vizepräsidenten Rainer Koch (Amateure) und Peter Peters (Profis) den Verband bis zum vorgezogenen Bundestag Anfang 2022 interimsweise führen. Auch Schatzmeister Stephan Osnabrügge soll solange im Amt bleiben. Matthäus hat dafür kein Verständnis. Koch habe »in den vergangenen Jahren nicht immer eine gute Figur gemacht«. Peters, der die katastrophale Finanzlage von Schalke 04 mitverantwortet, sei beim Bundesligaabsteiger nicht mehr »gut genug gewesen« und solle nun den DFB aus der Krise führen.

So sieht das nicht nur der meinungsstarke Rekordnationalspieler. Der Verband muss schon zum dritten Mal in Folge einen Nachfolger für einen zurückgetretenen Präsidenten sucht. Dass Peters im Amt bleiben und Koch als »normales« Präsidiumsmitglied weiter der Führung angehören soll, hat einen faden Beigeschmack. Schließlich sorgen beide Funktionäre so dafür, dass niemand ihre Ämter in den internationalen Spitzengremien in Frage stellen kann. Peters sitzt im Council des Weltverbands FIFA, Koch im Exekutivkomitee der Europäischen Fußballunion (UEFA).

Auch an ihrem Ränkespiel ist Keller gescheitert, der im September 2019 mit viel Vorschusslorbeeren zum 13. Chef des größten Einzelsportverbandes der Welt gewählt worden war. Nach den geräuschvollen und unrühmlichen Rücktritten seiner Vorgänger Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel sollte der Präsident des SC Freiburg und Deutschlands Winzer des Jahres 2018 (Gault-Millau-Weinguide) den DFB wieder in ruhigere Fahrwasser führen. Und zugleich die Seelen der Fußballromantiker streicheln: »Fußball ist das letzte gemeinsame Lagerfeuer der modernen Gesellschaft«, sagte Keller nach seiner Wahl. Darüber vergaß mancher kurzzeitig, dass er der Kandidat der in der Deutschen Fußballiga (DFL) zusammengeschlossenen Profiklubs gegen die Verbandsbürokratie war.

Der offenbar überforderte Präsident zerstritt sich schnell mit Generalsekretär Friedrich Curtius, auf dessen Seite sich der mächtige Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge schlugen. Kellers Ankündigung einer »externen Generalinventur«, mit der er unter anderem auch Klarheit in den Skandal um die Vergabe der Heim-WM 2006 bringen wollte, verschreckte die altgedienten Funktionäre. Im Machtkampf hielt sich Keller, obgleich schwer in Bedrängnis, dank der Rückendeckung der DFL. Erst, dass er Koch in einem Wutanfall mit dem Nazirichter Roland Freisler verglich, brachte ihn zu Fall.

Doch damit die Delegierten des DFB-Bundestags seinen Nachfolger bestimmen können, braucht es erst einmal Kandidaten. Dabei ist offen, wer sich den Job antun möchte. Matthäus präferiert den scheidenden Chef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge. Neben ihm sind Weltmeisterkapitän Philipp Lahm sowie Exnationalspielerin und UEFA-Funktionärin Nadine Keßler im Gespräch. Auch Marco Bode, Matthias Sammer und Rudi Völler werden gehandelt, ebenso eine mögliche Doppelspitze. Immerhin hat Hermann Winkler bereits ein Jobprofil entworfen. »Die Vereine würden sagen, dass es einer von uns sein soll«, sagte der Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) im MDR: »Einer, der sich im Fußballgeschäft auskennt, der aber auch moderieren kann und für die Sache Fußball brennt.«

Allerdings geht es nicht nur um das Personal, sondern auch die Struktur. Schließlich haben die vergangenen Jahre bewiesen, dass der Austausch der Führung allein nicht zu strukturellen Änderungen führt. Dafür sorgen soll etwa die Ausgliederung der DFB GmbH mit den Kronjuwelen wie der Nationalmannschaft – sie soll Anfang 2022 über die Bühne gehen. Wer davon am meisten profitieren wird, ist noch offen.

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