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Aus: Ausgabe vom 14.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

Flamme des Widerstands

Die Kriegserinnerungen von Joyce Lussu
Von Sabine Fuchs
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»Resistenza« als lebenslanges Engagement: Die Antifaschistin Joyce Lussu

Die Widerstandskämpferin, Dichterin, Übersetzerin, Sozialistin, Feministin und antikolonialen Bewegungen verbundene Aristokratin Joyce Lussu (1912–1998) ist in ihrem Heimatland Italien heute so gut wie vergessen. Selbiges auch für die deutschsprachigen Länder zu behaupten wäre eine Fehlinformation – wer nie bekannt war, kann auch nicht vergessen werden. Kein einziges Buch von Lussu ist bis jetzt auf deutsch erschienen.

Der Wiener Mandelbaum-Verlag hat diesem Zustand dankenswerterweise ein Ende gesetzt und die Kriegserinnerungen Lussus »Fronti e frontiere« in einer vorzüglich übersetzten und edierten Ausgabe unter dem Titel »Weite Wege in die Freiheit« veröffentlicht. Herausgeberin Christa Kofler hat ein ausführliches biographisches Essay angefügt und die Erstausgabe von 1947 übersetzt, nicht eine spätere gekürzte und in Italien bekanntere Ausgabe.

Die Aufzeichnungen setzen im Juni 1940 mit der Kapitulation von Paris ein und enden mit der Niederlage der Deutschen in Italien. Lussus politischer Weg begann jedoch viel früher. Geboren 1912 als Tochter des Grafen Guglielmo »Willie« Salvadori Paleotti und seiner Frau Giacinta, genannt »Cynthia«, wächst sie in einer nonkonformistischen und intellektuellen Familie italienischer und englischer Herkunft heran. Die Familie ist aristokratisch, aber nicht reich: Der Vater ist einer der ersten Absolventen des Faches Soziologie in Italien und nimmt die Existenz prekären Wissenschaftlertums schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorweg. Die Familie mit den drei Kindern Gladys, Max und Joyce bringt er mit schlechtbezahlten Lehraufträgen an den Universitäten Florenz und Rom und journalistischen Arbeiten durch. Die englischen Rufnamen waren auch politisches Programm: Katholische Religion und Monarchie werden abgelehnt, die Kinder liberal, weltoffen und zweisprachig erzogen.

Als Mussolini in Italien die Macht erlangt, wird es für die Familie eng. Faschistische Schlägertrupps verprügeln den erst 14jährigen Max, der Vater wird wegen seiner regimekritischen Einstellung drangsaliert und misshandelt. 1924 siedelt die Familie in die Schweiz über. Joyce genießt eine kosmopolitische Ausbildung, lernt mehrere Sprachen, studiert in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie und in Lissabon und Paris Literatur. Mit ihrem ersten Mann geht sie 1934 nach Kenia, doch die Ehe scheitert bald. Sie bereist verschiedene Länder Afrikas, lernt Arabisch, wird erstmals mit der Realität des Kolonialismus konfrontiert.

1938 kehrt sie nach Europa zurück und schließt sich gemeinsam mit ihrem Bruder der antifaschistischen italienischen Exilbewegung Giustizia e Libertà an. Sie verliebt sich in den sardischen Sozialisten Emilio Lussu. Obwohl er eine Beziehung für unvereinbar mit dem revolutionären Kampf hält, werden die beiden ein Paar und lassen sich in Paris nieder. Joyce Lussu beschreibt die gemeinsame Flucht nach dem Einmarsch der Deutschen, erst nach Südfrankreich, wo sie lernt, Dokumente für Flüchtlinge zu fälschen, dann Lissabon, schließlich London, von wo aus Emilio Lussu in die USA weiterreist, während sie sich in England als Funkerin ausbilden lässt. Beide versuchen, Unterstützung für eine von Sardinien ausgehende antifaschistische Widerstandsbewegung zu finden. Über Gibraltar geht es wieder nach Frankreich, sie schleusen politische Flüchtlinge über die Grenze in die Schweiz und kehren schließlich zurück nach Italien, wo Joyce überraschend ihren Bruder Max als Angehörigen der englischen Armee wiedertrifft und die Befreiung erlebt.

Nach dem Krieg engagiert sie sich als Feministin und Sozialistin, vor allem aber gegen den Kolonialismus. Sie setzt sich für den angolanischen Freiheitskämpfer Agostinho Neto ein und übersetzt zahlreiche Werke von Angehörigen verschiedenster antikolonialer Bewegungen. In den 60er Jahren bereist sie den Irak, übersetzt Nazim Hikmet, dessen Frau sie zur Flucht aus der von der Militärjunta regierten Türkei verhilft. Sie engagiert sich für die Kurden, das »Volk, das gezwungen ist, als Fremde in seinem eigenen Territorium zu leben«, wie sie schreibt. Bis zu ihrem Tod 1998 ist sie politisch tätig, schreibt, geht als Zeitzeugin an Schulen.

Joyce Lussu verstand »Resistenza« als lebenslanges Engagement für Freiheit und Solidarität, der Kampf gegen den Faschismus sei keineswegs Opfer gewesen, sondern eine mit großer Freude getroffene Lebensentscheidung, die sie »die Flamme des Widerstands viel länger als nur drei Jahre lang« habe hochhalten lassen. Diese mutige und lebensbejahende Frau muss unbedingt wiederentdeckt werden.

Joyce Lussu: Weite Wege in die Freiheit. Erinnerungen an die Resistenza. Hrsg. und aus dem Italienischen übersetzt von Christa Kofler, Mandelbaum-Verlag, Wien 2021, 272 Seiten, 20 Euro

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