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Aus: Ausgabe vom 14.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Film

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Feinfühlig kritiklos: Der Dokumentarfilm »Soldaten« auf dem Dokfest München
Von Maximilian Schäffer
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Biste arm, geh zum Bund: Hilfsbedürftiger in Uniform (Filmszene)

Auch dieses Jahr präsentiert sich das internationale Dokumentarfilmfestival »Dokfest München« weitestgehend volldigital. Wenige Preise wurden bereits verliehen, zum Beispiel ging der für die beste Filmmusik an eine Dokumentation über die Truppe. Wenig missverständlich ist der so prämierte Film von Christian von Brockhausen und Willem Konrad mit »Soldaten« betitelt.

Drei junge Männer – Jeremy, Alexis und Jerell – werden bei der Grundausbildung begleitet. Jeremy ist der Schwache, Zerbrechliche aus der Hartz-IV-Familie. Der bleiche Knabe mit Untergewicht geht vor allem zur Armee, weil er den heimischen Wohnverhältnissen entfliehen will. Er ist schüchtern, mutmaßlich Legastheniker und zeigt sich psychisch verwundbar. Durch die ersten drei Monate Drill kommt er nur mühsam, als kurz daraufhin seine Großmutter stirbt, ist er krankgeschrieben.

Alexis scheint im Vergleich zu Jeremy unverwundbar. Als Kind vor dem Bürgerkrieg in Peru geflohen, lernte er schnell, sich wortwörtlich durchzuboxen. Erste Bundesliga Boxsport und dann zur Armee. Für ihn ist die Grundausbildung ein »Ferienlager«, zum Ausgleich tanzt er lateinamerikanische Standards, dass er erst Gefreiter ist, mag er vor seinem Date gar nicht aussprechen. Zum »Kommando Spezialkräfte« will er, wenn ihm einer blöd kommt, schlägt er lieber zu, obwohl er weiß, dass Gewalt keine Lösung ist.

Jerell wird als »der Kluge« porträtiert. Der Sohn eines afroamerikanischen US-Army-Soldaten und einer deutschen Mutter galt im Teenageralter als »verhaltensauffällig«. »Ich habe viel Scheiße gebaut«, kommt ihm über die Lippen – die Zwangsäußerung eines jeden Opfers moderner Sozialpädagogik. Ohne Vater im Berliner Wohnblock aufgewachsen, halfen ihm auf dem platten Land nur strenge Regeln, seine Mutter zog mit ihm in die norddeutsche Provinz. Die Sehnsucht nach Vorgaben und Struktur ist ihm geblieben: Neben dem Glauben an die Armee sucht er sich noch einen zweiten und lässt sich vor dem Abflug nach Afghanistan protestantisch taufen. Weil Jerell im Gegensatz zum Rest sehr gut lesen und schreiben kann, darf er beim Gelöbnis die Abschlussrede vortragen.

Über die Anlage dieser ausgedeuteten Psychogramme kommt »Soldaten« an keinem Punkt hinaus. Timo Großpietsch vom NDR übernahm die Redaktion, und genauso staatstragend sozialdemokratisch wie für einen Fernsehfilm angemessen erscheint seine Perspektive auf jegliches Geschehen. Aus der Wehrmacht ist nämlich eine bunte Freiwilligenarmee jeglichen Geschlechts und jeglicher Hautfarbe geworden, es zählt jetzt der einzelne, und der hat nun mal Gefühle, Herkunft, Gründe.

Christine Buchholz, ehemalige friedenspolitische Sprecherin der Partei Die Linke, wird im Film per Clip kurz eingeblendet. Sie warnt vor »US-amerikanischen Verhältnissen«, also einer Armee der Systemverlierer, die als Kanonenfutter missbraucht werden. Wenn man so argumentiert, kommt man schnell zu den zweifelhaften Vorteilen der Wehrpflicht. In diesem autoritären »Ferienlager« musste (theoretisch) einst Jurastudent mit Automechaniker im Biwak kuscheln. Wer das als ­klassenversöhnlich begreift, ist in der Theorie auch dem vaterländischen Turnen nicht abgeneigt und empfiehlt Kulturschaffenden in der Krise das Spargelstechen. Frau Buchholz aber meint sicher die konsequente Abschaffung der Armee, bemüht sich nur um gemäßigte Argumente im gemäßigten Parlament. Um die Armen will sich die Sozialdemokratie schließlich seit jeher genausogut kümmern.

Tatsächlich stellt dieser Film seine Protagonisten als beides aus – materiell arm und emotional hilfsbedürftig. Mehr als scheinbar unvermeidbare individuelle Tragödien sind im öffentlichen Diskurs unschick geworden. Arrogante Regisseure dürfen folglich aus dem zwangsabgabenfinanzierten Elfenbeinturm »solidarisch« herabblicken, mit auferlegtem Mitleid statt Haltung.

Bezüglich der prämierten Musik von Christoph Schauer fand die Münchener Jury folgende Worte: »Sie gibt sich nicht – wie in diesem Genre vielleicht üblich – mit erwartbar ›kritischen‹ tautologischen Tönen und Kommentierungen ab, sondern lässt uns den Innenwelten der Protagonisten auf feinfühlige Weise nachspüren.« Ein Satz, der als Fazit für den gesamten Film gelten darf.

»Soldaten«, Regie: Christian von Brockhausen/Willem Konrad, BRD 2021, 111 Minuten,dokfest-muenchen.de

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