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Aus: Ausgabe vom 11.05.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitsbedingungen im Krankenhaus

Der nächste Notfall

Technik ist da, Personal fehlt: Berliner Krankenhausbeschäftigte kämpfen für Tarifvertrag Entlastung
Von Susanne Knütter
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Uniklinikum Charité: Beschäftigte ringen bereits seit Jahren um bessere Arbeitsbedingungen (18.9.2017)

Hinter jedem Klingeln kann sich der nächste Notfall verbergen. Benny Dankert, Gesundheits- und Krankenpfleger in der Infektiologie des Berliner Vivantes-Krankenhauses, beschrieb am vergangenen Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) die Situation auf einer »Covid-19-Station«. Über einen Kontrollraum ist es möglich, die Vitalzeichen der Patienten zu überblicken. Wenn aber mehrere Patienten gleichzeitig Hilfe brauchen, kann es schnell kritisch werden. Nachdem Dankert erst mit Verzögerung zu einem Patienten kommen konnte, saß dieser bereits im Bett und rang um Luft. Schnell wurde das verfügbare Personal zusammengetrommelt. Dafür mussten wieder andere Patienten warten.

Anästhesiepflegefachkraft Silvia Habekost sprach von Operationen und Narkosen, die begonnen werden, »ohne dass das gesamte Team anwesend« sei. Eine Reinigungskraft machte auf die gängige Praxis aufmerksam, die Arbeitszeit, die täglich anfällt, um Materialien wie Desinfektionsmittel, Tücher oder Toilettenpapier auf die Stationen zu bringen, nicht zu bezahlen. Wenn die eigentliche Arbeitszeit beginnt, hätten sie und ihre Kollegen bereits bis zu einer Stunde unvergütet geschuftet und seien »fix und fertig«. Im Akkord müssen sie dann die Bereiche putzen. Um die Arbeit gründlich zu erledigen, wie es nicht erst seit Corona Pflicht ist, fehlt die Zeit. Bezahlt wird der Mindestlohn.

Mies entlohnt werden auch die Kollegen der Labor Berlin GmbH, einem Tochterunternehmen der Krankenhäuser Charité und Vivantes. Gemeinsam mit »Gestellten« der Kliniken testen sie medizinische Proben. Für die Behandlung von Patienten sei ihre Arbeit die Basis, denn sie stellen Bakterien fest und nennen Therapiemöglichkeiten, erklärte Felix Bahls. Dafür bekämen die GmbH-Angestellten aber bis zu 800 Euro weniger als ihre Kollegen von Charité und Vivantes. Bislang verweigere die Kapitalseite, Tarifverhandlungen aufzunehmen.

Und was ist mit dem ärztlichen Personal? Es unterstütze die Forderungen nach einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung, erklärte Andreas Wulf vom Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Die Ärzte würden täglich sehen, dass es an Betten für die Patienten nicht fehle – auch nicht an Intensivbetten –, indes am Pflegepersonal.

Es ist dieser schon seit Jahren beanstandete Zustand, den die Berliner Beschäftigten nicht länger hinnehmen wollen. Sie beteiligen sich deshalb an der »Berliner Krankenhausbewegung«, die sich Ende März gegründet hat. Ziel ist, noch vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September einen »Tarifvertrag Entlastung« abzuschließen, der den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes für alle Beschäftigten der Krankenhäuser garantiert und für eine Entlastung sorgt, die den Namen verdient.

An der Charité wurde 2015 der erste Tarifvertrag für Gesundheitsschutz und mehr Personal erkämpft. Aus einem Bemessungssystem sollte die verbesserte Personalbesetzung resultieren, erklärte Intensivpflegerin Janine Sturm die damalige Vereinbarung. Es seien auch Untergrenzen für die Personalausstattung der Stationen formuliert worden. Insgesamt lese sich der Tarifvertrag »schön«. Er hatte dennoch keine Konsequenzen, weil er »weder Strafen noch Anreize« enthielt.

Seither gibt es bundesweit mindestens 17 weitere Tarifverträge, die eine Entlastung für die Beschäftigten vorsehen. Jeder neue war immer ein bisschen besser als der vorherige. Auch aufgrund der Erfahrungen der Charité-Beschäftigten wurde bei späteren Tarifvereinbarungen auf verbindliche Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Personalschlüssel geachtet. Mit der Entlastungsvereinbarung für die Uniklinik des Saarlandes im Jahr 2018 bekamen Beschäftigte erstmals einen Anspruch auf einen »individuellen Belastungsausgleich«. So gibt es Belastungspunkte, wenn man unterbesetzt arbeitet. Bei einer bestimmen Anzahl von Punkten gibt es einen freien Tag. Und das funktioniere tatsächlich, bekräftigte Maike Jäger, Landesfachbereichsleiterin für Gesundheit und Soziales bei Verdi auf jW-Nachfrage. Die Uniklinik Jena etwa, wo einer der letzten Entlastungsverträge vereinbart wurde, würde mittlerweile neue Pflegekräfte gewinnen. Das Tarifwerk sei »ein gutes Werbeinstrument«, so Jäger. Und das sorge für Entlastung bei den Beschäftigten.

Daran zeigt sich: Von einem grundsätzlichen Fachkräftemangel kann keine Rede sein. Silvia Habekost nennt ihn einen Mythos. Sie spricht statt dessen von »Berufsflucht«. Aufgrund der hohen Arbeitslast werde die Arbeitszeit individuell reduziert, wachse der Krankenstand und kehrten immer mehr Pflegekräfte ihrem Beruf den Rücken. Bereits 2018 ermittelte die Hartmann-Gruppe, die medizinisches Material herstellt und vertreibt, in einer Studie, dass jeder zweite Berufsaussteiger in seinen Pflegeberuf zurückkehren würde, wenn die Arbeitsbedingungen stimmten. Geschätzt waren das damals 120.000 bis 200.000 potentielle Rückkehrer.

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