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Dämmerung der Petromoderne

Von Helmut Höge
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Im »Anthropozän« kommen die von der technisch-wissenschaftlichen Moderne verdrängten Weltbilder der Indigenen und der Romantiker wieder zur Geltung (ob auch zum Tragen, ist noch nicht ausgemacht). Ethnologen wie Eduardo Viveiros de Castro, Politologen wie James C. Scott versuchen zu vermitteln – für die Gebildeten unter den Verächtern der staatenlosen Völker. Dazu gehörte auch, in den dreißiger Jahren bereits, der sowjetische Zoologe Sawwa Uspenski. Er erforschte die arktische Fauna und hielt das Verhältnis der Tschuktschen und Inuit zu ihren »Ernährern« (den Robben, Rentieren, Moschusochsen, Walrossen, Walen, Eisbären, Vögeln und Fischen), ihre Ökonomie also, für ökologisch vorbildlich. Seltsam, dass die dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt geradezu verfallenen Sowjets ihm ein derartiges Forschungsergebnis durchgehen ließen. Anfang der sechziger Jahre registrierte er, nebenbei bemerkt, schon die Klimaerwärmung und den Packeisrückgang.

Heute gehört der französische Wissenschaftshistoriker Bruno Latour mit seiner »Akteur-Netzwerk-Theorie« (ANT) zu den bekanntesten Kritikern der Petromoderne. Für Latour gibt es keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische. Nicht trotz, sondern wegen Klimaerwärmung, Bienensterben und Artensterben, radioaktiver Verseuchung und Überfischung der Meere, Humusverlust und Verwüstung der Erde.

2020 erschien ein »Atlas der Petromoderne«. Er behandelt die Petromoderne bereits als eine abgeschlossene Ära, seine Autoren, die Kulturwissenschaftler Alexander Klose (Berlin) und Benjamin Steininger (Wien), bereiten daneben seit 2017 eine Retrospektive dieser Ära im Kunstmuseum Wolfsburg vor: »Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters«. Die Ausstellung eröffnet am 4. September. Dazu wird es einen Katalog geben mit Beiträgen von Fremdautoren, während der Erdölatlas jetzt von den beiden Kuratoren selbst verfasst wurde. Sie bereiten eine Kunstschau vor, die gleichwohl und quasi zwangsläufig die globalen Probleme Anthropozän, Klimaerwärmung, indigene Arbeits- und Lebensbedingungen thematisiert.

Der Eingangstext ihres Buches befasst sich erst einmal mit dem Mythos »Atlas« – ausgehend von der Idee des »Shell-Straßenatlas«, der seit 1950 bereits aufs schönste Erdöl und Mobilität garantiert. Sowie auch ausgehend vom »Atlas-Gebirge« – so wie Alexander von Humboldt dessen vertikal differenzierte Vegetation sah. Analog dazu geht es bei der Erdölexploration und -förderung um (geologische) Schichtungen, um Geschichte und Geschichten. Bei den Tiefenbohrungen werden Bohrkerne zutage gefördert, die paläontologisch interessant sind. Im Atlas findet man dazu die Kapitel »Bohrprotokoll« und »Bohrkern«. Wirtschaftswissenschaftlich aufschlussreich ist, dass die Unternehmen im Oilfield-Service inzwischen wichtiger als die Ölkonzerne geworden sind und dass außerdem fieberhaft nach Alternativen zu fossilen Energieträgern, d. h. nach regenerativen Energiequellen, gesucht wird.

Als Leitmotiv für den Atlas gilt: Mit der petromodernen Mobilität war in den letzten 100 Jahren die Idee der absoluten Freiheit und des Überflusses verbunden – und das ist vorbei. Außerdem ging es um die Kolonialisierung der Natur. »Das stimmt ja auch, aber nur, weil der Input an fossiler Energie da immer rausgerechnet wurde«, meint Alexander Klose, der von »Extraktivismus« spricht, sowie von »Neo-Extraktivismus«, wobei er uns als »Arbeiter« denkt, die am laufenden Band Daten produzieren, die Rohstoff für IT-Konzerne und Geheimdienste sind. Im Atlas heißt das entsprechende Kapitel »Daten sind das neue Öl«. Die Verwertung unserer Daten, das ist sozusagen der Preis der (Internet-)Freiheit. Während die Heinrich-Böll-Stiftung der Verbotspartei »Die Grünen« unter »Neo-Extraktivismus« eine »post-neoliberale Variante des klassischen rohstoffbasierten Wirtschaftsmodells« in Lateinamerika versteht, »in der über Rohstoffeinnahmen vermehrt Entwicklungs- und Sozialprogramme finanziert werden. Die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der Rohstoffausbeutung bleiben jedoch bestehen.«

Die US-Amerikaner halten am verbissensten an der Petromoderne fest, seltsam, dass gerade die grünen Vordenker (u. a. der alte Außenminister und die junge Kanzlerkandidatin) sich immer wieder als Trittbrettfahrer der Amis zu Wort melden und sie sogar ermuntern, kriegerische Schritte gegenüber dem öl- und gasreichen Russland zu unternehmen. »Wir müssen Russland dort treffen, wo es wirklich weh tut«, sagte Joschka Fischer und greift die deutschen Stammtischgespräche über Stalingrad wieder auf: »Schade, dass Russland nicht vom Westen erobert wurde.« Während Annalena Baerbock laut Merkur eine »harte Kante gegen Russland will«. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., war da schon weiter: Er sah bereits das Ende der Petromoderne: »Ich bleibe beim Pferd, das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung«, sagte er.

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Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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