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Aus: Ausgabe vom 10.05.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Antikolonialismus

Wegweisender Kampf

Klassiker der antikolonialen Geschichtsschreibung: Anton de Kom über die Sklaven von Suriname
Von Gerd Bedszent
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Den Sklavenhaltern entkommen: Maroons in Suriname im 19. Jahrhundert

Über den als »Guyana« bezeichneten Küstenstreifen im Nordosten Südamerikas ist hierzulande wenig bekannt. Von den frühen Kolonialmächten Spanien und Portugal zunächst ignoriert, war er vom 17. Jahrhundert bis zum Ende der napoleonischen Kriege zwischen den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich umstritten. Der mittlere Teil Guyanas, heute als »Republik Suriname« ein unabhängiger Staat, fungierte lange Zeit als Zulieferer von Produkten agrarkapitalistischer Plantagenwirtschaft ausschließlich für das niederländische »Mutterland«. Diese Plantagenwirtschaft beruhte über mehrere Jahrhunderte auf Sklavenarbeit.

Das gerade in deutscher Übersetzung erschienene, in den 1930er Jahren entstandene Buch »Wir Sklaven von Suriname« ist gleich in doppelter Hinsicht interessant: Einerseits, weil es ein Stück vergessener oder auch verdrängter europäischer Kolonialgeschichte wieder ins Gedächtnis ruft. Und zum anderen wegen der im Vor- und im Nachwort ausführlich dokumentierten Biographie des Autors.

Der 1898 in Paramaribo geborene Anton de Kom war Nachkomme verschleppter Afrikaner. Sein Vater wurde noch als Sklave geboren. De Kom wurde entscheidend durch die Verhältnisse in der damaligen Kolonie Niederländisch-Guayana geprägt, auch wenn er später lange Zeit in den Niederlanden lebte. Dass er in der dortigen linken Presse immer wieder die koloniale Ausbeutung und Unterdrückung in seiner Heimat anprangerte, brachte ihm den Ruf ein, Kommunist zu sein, obwohl er der niederländischen KP nicht angehörte. Sein einziges, im Jahre 1934 geschriebenes Buch konnte in den Niederlanden nur stark zensiert erscheinen; in den niederländischen Kolonien war es verboten. Heute zählt das Buch zu den Standardwerken antikolonialer Geschichtsschreibung.

»Wir Sklaven von Suriname« ist eine Mischung aus politischer Kampfschrift und einem Geschichtswerk aus der Sicht der unterdrückten und rassistisch diskriminierten Mehrheitsbevölkerung von Suriname. Der Autor schildert die europäische Landnahme in dieser entlegenen Region Südamerikas, darunter auch die Vertreibung und teilweise Ausrottung der indigenen Bevölkerung. Breiten Raum nimmt die Schilderung der brutalen Verhältnisse in der Periode der Sklavenwirtschaft ein. Viele der verschleppten Afrikaner zogen damals die Flucht in den Urwald der Peitsche auf den Plantagen vor und bildeten im Landesinneren Gemeinden freier »Maroons«, die Versuchen einer erneuten Versklavung erbitterten Widerstand entgegensetzten und die Sklavenhalter schließlich an den Verhandlungstisch zwangen.

Das sich im Vergleich nach und nach als unproduktiv erweisende System der Sklaverei wurde in Suriname im Jahre 1863 schließlich abgeschafft; die Plantagenbesitzer wurden allerdings für ihren »Verlust« entschädigt. Wie de Kom zutreffend analysiert, änderte sich an den Verhältnissen jedoch nichts Grundsätzliches. Die Kolonialverwaltung holte nun Vertragsarbeiter aus China, Britisch-Indien und Niederländisch-Indien (Indonesien) ins Land, die zwar persönlich frei waren, aber ebenfalls unter Bedingungen extremer Ausbeutung arbeiten mussten.

Andere Kapitel des Buches thematisieren die Grimassen und Absurditäten einer ausschließlich den Vorgaben des Weltmarktes verpflichteten kapitalistischen Agrarwirtschaft. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre hatte auch in Suriname furchtbare Auswirkungen. De Kom schildert in den Schlusskapiteln die 1931 beginnenden sozialen Unruhen und Proteste, die im Kugelhagel der Kolonialpolizei endeten. Er selbst, zwischenzeitlich in seine Heimat zurückgekehrt, wurde 1933 unter der Beschuldigung verhaftet, einen »kommunistischen Umsturz« geplant zu haben und zwangsweise ins koloniale »Mutterland« rückgeführt.

Der Autor war in mancherlei Hinsicht seiner Zeit ohne Zweifel weit voraus; verschiedene Sätze des Buches könnten aus der Zeit linken Antikolonialismusdebatte der 1960er Jahre stammen. Unter anderem forderte er für Suriname einen »großen Plan (…) des nationalen Aufbruchs (…) mit kollektiven Großbetrieben, mit modernem Rüstzeug in den Händen der surinamischen Arbeiter«. Doch zunächst sollten »die Proletarier in unserem Land zu einem kämpferischen Klassenbewusstsein kommen« und »mit den alten Sklavenketten auch die alte Sklavenmentalität abschütteln«. Als de Kom sich 1932/33 noch einmal in Suriname aufhielt, wandte er sich insbesondere gegen die Spaltung der surinamischen Arbeiter nach Kategorien der ethnischen Herkunft.

Anton de Kom schloss sich nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht dem kommunistisch orientierten antifaschistischen Widerstand an. Er wurde 1944 in Den Haag von der Gestapo verhaftet und starb im April 1945 in einem deutschen Konzentrationslager.

Anton de Kom: Wir Sklaven von Suriname. Transit, Berlin 2021, 224 Seiten, 20 Euro

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