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Aus: Ausgabe vom 10.05.2021, Seite 10 / Feuilleton

Rudolf Burger (1938–2021)

Von Erwin Riess
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Agnostischer Marxist: Rudolf Burger

Der Dozent traf Herrn Groll vor der Großtankstelle an der Brünner Straße. Man konnte hier zwischen Zapfsäulen, Waschstraßen und getunten BMWs junge Männer bei ihren Initiationsriten beobachten. Meist bekam auch Rollstuhl Joseph eine Luftauffrischung, womit sich auch Grolls Laune hob, denn er saß um zwei Zentimeter höher und Joseph war agil wie eine Eiskunstläuferin bei der Kür. Die Beleuchtung war gratis, die Leberkässemmeln hatten die richtige Temperatur, und der Blaue Portugieser war erschwinglich und machte seinem Weinstock keine Schande. Der Traube eilt der Ruf voran, sehr anspruchslos zu sein und überall zu wachsen, und so war Herr Groll der fixen Meinung, dass die Trauben hinter der Tankstelle gediehen und in der Waschstraße gekeltert wurden. Der Dozent teilte diese Anschauung nicht, er brachte daher aus seinem Nobelbezirk seinen Stammwein, einen Chianti aus Castellina, mit.

Der Dozent wollte mit seinem Freund über den kürzlich verstorbenen österreichischen Essayisten Rudolf Burger sprechen.

»Der nach eigenen Angaben agnostische Marxist war dafür bekannt, dass er an die Stelle einer Bobo-Linken mit ihrer Lifestylepolitik und ihren versponnenen Welterklärungen eine materialistische Fortführung des aufgeklärten Denkens setzte«, hub der Dozent an. »Die geistige Auseinandersetzung betrieb er nicht wie heute üblich mit verschwurbelten Derivaten einstiger Parolen, sondern mit nachvollziehbaren Argumenten. Wenn das Fremdworte notwendig machte, verwendete er diese ohne Scheu. Eingedenk eines Gedankens Adornos aus der ›Minima Moralia‹, derzufolge Fremdwörter die Juden der Sprache seien, gab er einem Gedanken die ihm geziemende Form. Er beharrte darauf, dass so manche Schwierigkeit des Denkens auch in der sprachlichen Form erscheinen müsse. Einen komplexen Sachverhalt als solchen zu beschreiben, ist eine ordentliche Schippe Arbeit, man soll die Anstrengung nicht durch infantiles Kauderwelsch desavouieren. Wenn das Wort in die Welt tritt, nur um sich mit dem nächsten erreichbaren Kompromiss gemein zu machen, hat es auch schon abgedankt.«

Herr Groll nickte und nahm einen Schluck vom Wein aus dem Plastikbecher.

»Allein auf weiter Flur attackierte Burger die österreichische Politik gegenüber Jugoslawien«, fuhr der Dozent fort. »Entgegen den Warnungen vieler Staaten und der flehenden Bitte Frankreichs, gerade Österreich und Deutschland mögen aus historischer Rücksichtnahme nicht offen die Partei Kroatiens ergreifen, gossen der deutsche Außenminister Genscher und Österreichs politische Elite solang Öl ins Feuer, bis der Balkan in Flammen stand.«

»Ich erinnere mich«, erwiderte Groll. »›Kriegsgeiler Kiebitz‹ nannte Burger Außenminister Mock, und der lebenslange Hass staatlicher Würdenträger und ihrer Sprachrohre in den wenigen Zeitungen dieses Landes war Burger gewiss.«

»Burger berichtete weiters von einem Phänomen, das sich nach der Überwindung des Faschismus in der Linken vollzog«, setzte Herr Groll fort. »Sie, die am eigenen Leib erfahren hatte, dass die Funktion des Rechtsstaats mitnichten die Förderung der Menschenrechte ist, sondern die Schaffung friktionsfreier Bedingungen für die Kapitalakkumulation, entdeckte nach dem Wegfall des Antipoden im Osten nicht etwa die politische Aufklärung neu, sondern umgab den Rechtsstaat mit einer Gloriole. Burger aber wusste, dass im Gegensatz zur linken Staatsvergottung Politik kein Kuraufenthalt in den elitären Komfortzonen des Monopolkapitals ist, sondern der Kampf von Bevölkerungsgruppen, die sich hinsichtlich ihrer Eigentümerschaft an den Produktionsmitteln unterscheiden, um die Macht im Staat. Der Kampf wird in allen Gliederungen der Gesellschaft ausgetragen und hält derzeit bei der vollständigen Kapitulation der Arbeiterbewegung. In den Worten des Präsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wolfgang Katzian: ›Ich gehe lieber zum Heurigen als auf die Barrikaden‹. Burger durchschaute den zugrunde liegenden Mechanismus. Mit der Abdankung der Systemkonkurrenz im Osten eröffnete sich der Raum für die schrankenlose Ausbreitung des Weltmarkts. Die Sozialdemokratie als Kettenhund gegen den Kommunismus wird nicht mehr benötigt, sie hat ihre Raison d’être verloren. Folgerichtig räumt das große Kapital jetzt mit dem Sozialstaat auf.«

Ein schwarzer BMW räuberte mit aufheulendem Motor aus der Tankstelle auf die Straße und kollidierte um ein Haar mit einem Streifenwagen der Polizei. Herr Groll prostete dem Fahrer zu.

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