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Aus: Ausgabe vom 08.05.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kein Verzeihen

Von Arnold Schölzel
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Auf der dem Holtzbrinck-Konzern gehörenden Internetseite zeit.de wird deren freier Autor Alan Posener, der auch für Springers Welt schreibt, u. a. so vorgestellt: »Auf der Uni war er als Funktionär der maoistischen KPD tätig und studierte nebenbei Germanistik und Anglistik. Danach wurde er verbeamtet. Aus Langeweile wurde er Schriftsteller, aus Geldmangel Journalist.« Das deutet auf Staatsfrömmigkeit mit einem »linken« politischen Puschel. Was das jeweils heißt, ändert sich.

Beispiel China: Am Mittwoch leitet Posener eine »Analyse« mit der These im Untertitel ein: »Es wird Zeit für eine neue Chinapolitik.« Dann gibt es einen halbgroßen Namen: »Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem damaligen US-Handelsminister Robert Zoellick in Davos Anfang 2006.« Und die damalige Weltlage: »Die Demokratie schien überall auf dem Vormarsch zu sein. Die Taliban waren in Afghanistan besiegt, Saddam Hussein im Irak gestürzt worden. Die Mullahs im Iran baten um Gespräche, Muammar Al-Ghaddafi in Libyen lieferte seine geheimen Atomwaffenlabore bei der CIA ab.« So lassen sich völkerrechtswidrige Kriege und ihre Folgen in verbeamteter Langeweile zusammenfassen. Die Einführung der Demokratie durch NATO-Bomben in Jugoslawien 1999 kann wegfallen. Sie war nur von »Kollateralschäden« begleitet, nicht von Leichenbergen wie im Irak oder in Afghanistan. Aber die Erschossenen und Erschlagenen waren regelbasiert, wie aus dem Folgenden hervorgeht: »China werde vom störenden Außenseiter zum stabilisierenden Stakeholder – Teilhaber – der auf Regeln basierten Weltordnung.« Wenn China sich nicht so richtig an der beteiligt, hat das möglicherweise seine Ursache darin, dass deren Ordnungsregel der Regelbruch des Westens ist.

Die Menschenvernichtung im faschistischen Krieg gegen die Sowjetunion hält Posener zwar nicht für regelbasiert, aber für belanglos. Am 30. April veröffentlichte er jedenfalls auf zeit.de einen Artikel zu Russland, der übers deutsche Hetzmittelmaß nicht hinausgeht – bis auf einen Punkt. Zunächst geht es laut Untertitel ums Übliche: »Solange Deutschland von russischem Gas abhängig ist, bleibt es außenpolitisch eine Geisel Wladimir Putins. Die Abhängigkeit zeigt sich auch am Umgang mit Alexej Nawalny«.

Das könnte von Heiko Maas und Annalena Baerbock (»Das Wichtigste ist derzeit, den Druck auf Russland zu erhöhen …«) abgeschrieben sein, aber Posener hat für die grüne Kanzlerkandidatin auch einen Rat: Die Abhängigkeit vom russischen Gas lasse sich ohne Atomkraft kaum überwinden. Und dazu noch den: »Darüber hinaus muss sich gerade die kulturelle Linke von der Vorstellung lösen, der Frieden mit Russland um beinahe jeden Preis sei wegen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 eine moralische Pflicht. Zu den Hauptopfern des deutschen Vernichtungskriegs im Osten gehörten neben Polen und Balten vor allem die schon von Stalin geschundenen Ukrainer.« Es müsse »daher« zur deutschen Staatsräson gehören, der Ukraine den Weg in EU und NATO zu weisen. Abgesehen davon, dass Posener das heutige Belarus nicht nennt, wo 25 Prozent der Bevölkerung zwischen 1941 und 1945 umgebracht wurden und wohin keine deutschen Pensionen für einheimische SS-Leute flossen, sind ihm 27 Millionen tote Sowjetbürger keine Erwähnung wert. Wie auch nicht der Angriffskrieg auf Jugoslawien 1999 und sonstige regelbasierte Feldzüge.

Wer wie Posener fürs Vergessen, also für Wiederholung des Geschehenen schreibt, darf das hierzulande unbehelligt, solange er nicht die Schoah meint. Die wurde in erster Linie durch die Rote Armee beendet. Das verzeihen ihr diejenigen, für die der Ex-Mao-KPDler den Kopflanger macht, nie.

Wer wie Posener fürs Vergessen, also für Wiederholung des Geschehenen schreibt, darf das hierzulande unbehelligt, solange er nicht die Schoah meint. Die wurde in erster Linie durch die Rote Armee beendet. Das verzeihen ihr diejenigen, für die der Ex-Mao-KPDler den Kopflanger macht, nie.

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Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (10. Mai 2021 um 12:33 Uhr)
    Dass die nazifaschistische Ausrottung der Juden Europas, die Schoah, »in erster Linie durch die Rote Armee beendet« wurde, »verzeihen ihr diejenigen, für die der Ex-Mao-KPDler den Kopflanger macht, nie«, schrieb Arnold zutreffend. Bringen wir's doch auf den Punkt: Wäre die sowjetische Armee 1941 schlagkräftiger gewesen, hätte sie insbesondere die angriffsbereiten Wehrmachtseinheiten »präventiv« in ihren Bereitstellungsräumen weitgehend vernichten können am 20. Juni 1941 noch vor 5 Uhr morgens, hätten zumindest die Millionen Juden Westbelorusslands, der Westukraine sowie Moldawiens nicht ihr Leben auf brutalste Weise durch Nazipolizeieinheiten und ihre ukrainischen und rumänischen Handlanger verloren. (Westlich des Bugs waren die Juden Polens den deutschen Faschisten bereits ausgeliefert, hatten aber 1939–41 zum geringeren Teil nach Osten in diese Gebiete fliehen können …)
    Klar: »Wäre, hätte, Fahrradkette«, aber ganz so ist es auch nicht: Russland hat unter Putin den festen Willen erkennen lassen, dass sich »1941« niemals wiederholen darf. Heute ist der militärische Überraschungseffekt noch viel wichtiger als jemals zuvor. Und die NATO hat ihre Pläne (bzw. das Pentagon hat seine Pläne), die Ukraine einzugliedern (und damit US-Raketenstellungen wenige Flugminuten südwestlich von Moskau installieren zu können), keineswegs aufgegeben.
    Die Juden stören dabei heute kaum noch – die deutschen Faschisten haben sie, soweit nicht damals in der Roten Armee, weitgehend ausgerottet, da sie beim verzweifelten Rückzug dieser Armee nicht evakuiert werden konnten. (Viele gingen dann nach Israel.) Heute geht es meist um die russische Minderheit, der zum Beispiel im Baltikum und in der Ukraine elementarste Menschen- und Bürgerrechte verweigert werden, um sie zur Auswanderung zu zwingen oder zu »derussifizieren«.
    Das ist selbstverständlich nicht dasselbe wie die Ausrottungspraxis der Nazis. Aber um die Unterwerfung, Zerschlagung und koloniale Ausbeutung Russlands geht es doch wieder wie 1941, wobei nun die russischen Minderheiten »stören«. Erst recht, wenn sie wie im Süden und Osten der Ukraine permanent »prorussische und antiwestliche« Parteien wählen und Mitsprache bei der Bestimmung des politischen Schicksals der Ukraine insgesamt fordern. Wenn es um die Ostexpansion von USA/NATO und D/EU geht, vergisst man schon mal Völkerrecht, Minderheiten- und Menschenrechte. Allen voran betrifft das die Olivgrünen und früher pseudokommunistischen Schreiberlinge wie den zitierten.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika ( 8. Mai 2021 um 13:01 Uhr)
    Tja, der Alan Posener. Nach knapp vierzig Jahren taucht dieser Mensch immer wieder wie ein (Un-)Geist aus dem Nebel der Vergangenheit auf. Ich seh’ ihn noch deklamierend hinterm Büchertisch des KSV (maoistischer »Kommunistischer Studentenverband«) am Englischen Seminar der FU Berlin in der Goßler Straße. In Poseners Denken und Handeln hat sich wenig verändert. Damals: gegen den Sowjetimperialismus als Hauptfeind. Heute: gegen Russland als Hauptfeind. Damals passte dies wie Arsch auf Eimer ins Kalte-Kriegs-Szenario des Westens gegen die real existierenden sozialistischen Länder. Heute passt das genauso in den neuen Propagandafeldzug gegen Russland und China. Die VR China sahen Posener und Genossen damals allerdings als Verbündeten gegen den Hauptfeind. Dieser Aspekt des Kalte-Kriegs-Szenarios hat sich nun grundlegend verändert. Daher geht’s jetzt eben auch volles Rohr gegen China. Eins muss man dem Alan aber lassen: Er lässt sich heute direkt von denen bezahlen, für deren Interessen er streitet, und versteckt sich nicht mehr hinter »kommunistischen« Fassaden.

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