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Aus: Ausgabe vom 08.05.2021, Seite 8 / Ansichten

Heuchler in Blau-Gelb

»Trauerfeier« der ukrainischen Botschaft
Von Reinhard Lauterbach
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Ukrainische Faschisten marschieren mit Symbolen der SS-Freiwilligendivision »Galizien« (Kiew, 28.4.2021)

An öffentlichen Gedenkzeremonien kann man schnell etwas auszusetzen haben. Das liegt in der Natur des Genres: Trauer ist ein zutiefst privates Gefühl, wenn Staaten trauern, bleiben – vorsichtig gesagt – Akzentverschiebungen nicht aus. Schließlich feiert sich ein Staat da in erster Linie selbst und will die Nachbarn und die eigene Bevölkerung zu Respekt für sich ermahnen. Alles soweit geschenkt, das kommt überall vor.

Doch was die Ukraine in diesem Jahr in Berlin veranstaltet hat, stellt auf der Skala öffentlicher Heuchelei einen vorläufigen Höhepunkt dar. Ihre Botschaft lud am Freitag zu einer »internationalen Trauerfeier« vor das Sowjetische Ehrenmal im Berliner Tiergarten ein – ausgerechnet die Vertretung des Landes, das seine staatliche Existenz, seine Grenzen und sogar noch seinen Anspruch auf die Krim jener ­Sowjetunion verdankt, deren Spuren es im Innern mit aller Macht zu tilgen sucht. Man wollte nicht nur dem russischen Gedenken am Sonntag, sondern auch dem deutschen an diesem Sonnabend um einen Tag voraus sein. Oder fürchtete man, dass niemand sein freies Wochenende unterbrechen würde, um, wie es in der Einladung hieß, »persönlich« zu erscheinen? Dazu passt, dass »die Ukraine« – die es damals als politisches Subjekt nicht gab – heute versucht, sich ein Stück aus dem sowjetischen Anteil an der Befreiung vom Naziregime herauszuschneiden – unter Verweis auf die Millionen Ukrainer, die in der Roten Armee gekämpft haben, und mit dem Hinweis auf die Juden, die in der Ukraine den Mordkommandos der deutschen Faschisten – und, gern beschwiegen, ihrer einheimischen Helfer – zum Opfer gefallen sind. Die Ukraine parasitiert im Ausland an den Resten einer antifaschistischen Gedenktradition, die sie zu Hause nach Kräften untergräbt.

Solche Krokodilstränen vergießt dieselbe Botschaft, die sich im eigenen Land dafür loben lässt, dass sie die Namen aller Angehörigen der SS-Freiwilligendivision »Galizien« ermittelt und dem ehrenden Gedenken zugänglich gemacht habe. Es geht dabei wohlgemerkt um eine Einheit, die vorwiegend im Hinterland der Wehrmacht zur »Bandenbekämpfung« – im Klartext: Kriegsverbrechen – eingesetzt wurde. Diese Täterformation wurde Ende April aus Anlass ihres Gründungstags in Kiew mit einem Aufzug heutiger Nazis gefeiert. Die Veranstaltung war so peinlich, dass sich sogar die deutsche Botschaft zu einer Distanzierung genötigt sah: Es trage nicht zum internationalen Ansehen der Ukraine bei, solche historischen Verbindungen herauszustreichen.

Das kann man wohl sagen. Auch wenn der historische ukrainische Nationalismus von den Nazis instrumentalisiert wurde: Er hat sich auch gern instrumentalisieren lassen, weil er darin seine Chance sah. Ganz genau wie heute übrigens, wo er sich für die weltweite Konfrontationsstrategie der USA in Dienst nehmen lässt. Ob mit oder ohne Porträts von Nazikollaborateur ­Stepan Bandera.

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