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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 15 / Feminismus
Sexuelle Belästigung

Frauenrechte und rechte Frauen

Sichtbarmachung von Objektifizierung und Belästigung. Neofaschistische Organisationen als Trittbrettfahrer des Feminismus
Von Meike Voelker
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»Bunt statt braun«: Protest gegen die Neofaschisten der »Identitären« in Solingen (2.6.2018)

Die Catcall-of-Initiativen in Bonn, Köln, Wuppertal – sie alle versuchen ein Stück weit, den öffentlichen Raum für Frauen zurückzuerobern. Um das »Catcalling«, also sexuelle Belästigung auf der Straße, sichtbar zu machen, werden erlebte Objektifizierungen mit Kreide auf den Boden von zentralen Orten der Stadt geschrieben. Anschließend werden die Kreideaktionen fotografisch festgehalten und auf Instagram geteilt.

Auch die Frauengruppe »Lukreta« bedient sich dieser Aktionsform. Sie selbst beschreibt sich auf Twitter als »unabhängige Initiative junger Frauen«. Anders als die offiziellen Catcall-Kollektive greift »Lukreta« allerdings nicht auf Wunsch der Opfer zur Kreide. Während die Aktionen der Catcall-of-Gruppen auf Privatnachrichten und E-Mails von Betroffenen basieren, sucht »Lukreta« gezielt in Medienberichten der vergangenen Jahre nach Tätern, die in ihr rassistisches Weltbild passen. So landen sexistische Übergriffe aus der gesamten BRD am Bonner Rheinufer und werden unter dem angeeigneten Hashtag »#catcallsofbonn« präsentiert. Der offizielle Instagram-Account von »Catcallsof.Bonn« hat sich am 17. April von dieser Vereinnahmung »mit dem Ziel, Hass gegen Menschen mit Migrationsgeschichte zu schüren«, öffentlich distanziert.

»Lukreta« stellt sich dar als »Initiative für Frauenrechte und gegen die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Raum«. In Wirklichkeit wurde die Gruppe von Reinhild Boßdorf als direkte Nachfolgeorganisation der als »feministisch« deklarierten 120-Dezibel-Kampagne der neofaschistischen »Identitären Bewegung« (IB) gegründet. Ex-IB-Mitglied Boßdorf war es auch, die die rechte Antwort auf die Me-Too-Bewegung in Nordrhein-Westfalen anführte. Die junge Bonnerin setzt bei ihrer medialen Inszenierung bewusst auf verharmlosende Accountnamen wie »NRW-Mädels« und schafft es so, rechte Propaganda subtil zu verbreiten.

»Lukretas« Instagram-Profil wirkt auf den ersten Blick wie jeder andere feministische Account. Doch zwischen Bildposts wie »Nein! Zu Gewalt an Frauen« wird offen für »Borders for Europe – Frauen gegen Einwanderung« geworben. Abgerundet wird das Profil mit ästhetischen Bildern von Flechtfrisuren und selbstgemachten Osterkränzen. Dahinter stecken oft Botschaften gegen Hidschabs, für mehr »Weiblichkeit« und »Heimatliebe«. Spätestens mit Beiträgen auf Youtube, Twitter und Telegram wird den Betrachtenden eine parallele Realität suggeriert, in der Gewalt ausschließlich von migrantischen Männern ausgeht.

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Für alle sichtbar: Belästigungen in der Öffentlichkeit, denen vor allem Frauen ausgesetzt sind

Ironischerweise prangert »Lukreta« die selektive Berichterstattung über patriarchale Gewalt in ihrer Videoreihe »Einzelfälle« an. »Moderne Feministinnen« würden demnach nicht über Femizide sprechen, wenn die »Herkunft nicht stimmt«, so Boßdorf in einem Interview mit Martin Sellner, dem Kopf der deutschsprachigen »neuen Rechten«, im August 2020 auf Youtube. Gemeint ist damit, dass rassifizierte Menschen gesellschaftlich in Schutz genommen würden.

Zentral für diese Täter-Opfer-Umkehr ist dabei die »Kölner Silvesternacht« 2015/16. Viele Anhängerinnen der Gruppe deklarieren öffentlich, dass diese den Zeitpunkt ihrer Politisierung markiere. Die »Silvesternacht« wird immer wieder in ihren Videos und Texten als Geburtsstunde des Patriarchats heraufbeschworen. Sie sei der Beweis für »importierte sexualisierte Gewalt«.

So nutzt »Lukreta« in all ihren Auftritten strategisch die Angst von Frauen vor patriarchaler Gewalt. Auch wenn sie sich gerne als Kämpferinnen für »wahre Frauenrechte« stilisiert, bietet »Lukreta« Betroffenen von Gewalt nichts als Hetze gegen Muslime, Geflüchtete und Migranten. Denn geschlechtsspezifische Gewalt lässt sich nicht einfach abschieben. Im Gegenteil: Gerade die fehlenden legalen Fluchtrouten sorgen dafür, dass Frauen und Mädchen auf allen Stationen der Flucht sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist eng mit Herrschafts- und diskriminierenden Machtstrukturen verknüpft. Es ist unabdingbar, patriarchale Gewalt gesamtgesellschaftlich zu analysieren. Die US-Feministin Nancy Fraser bemerkt: »Nichts, was die Bezeichnung ›Frauenbewegung‹ verdient, (kann) in einer rassistischen, imperialistischen Gesellschaft verwirklicht werden.« Ohne Antirassismus also bleibt Feminismus wertlos!

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