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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Der Sturm auf das Kapitol von Weimarshington

Von Pierre Deason-Tomory
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Segen von ganz oben: Thüringens CDU-Generalsekretär Christian Herrgott

Die Lage der Nation: widersprüchlich. Die Coronazahlen gehen langsam zurück, und das Wetter ist unverändert unerträglich. Kann man beides nicht der regierenden Bundeskabarettanstalt vorwerfen. Die Leute bleiben einfach zu Hause. Vermutlich aus Furcht vor Ansteckung und wegen der filmreif dystopischen Wetterlage, kaum wegen der späten Föderalismusnotbremsung.

Der Söder hat das Oktoberfest abgesagt, jetzt muss ein Schuldiger her. CSU-Innenminister Joachim Herrmann hat ihn gefunden: Es ist der Scheißausländer! Der Herrmann stellte fest, »dass insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund einer Coronaimpfung immer noch skeptisch gegenüberstehen«. Er appellierte »eindrücklich an alle unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund«, sich gefälligst impfen zu lassen. (Womit?) »Auch ausdrücklich alle Asylbewerberinnen und Asylbewerber«, raunte er. Ins Lager schicken kann er sie nicht mehr. Dort leben sie in Bayern schon, ansteckungsfördernd gestapelt.

Die CSU braucht keinen Höcke, sie hat einen Herrmann. Die CDU auch nicht, sie hält sich einen Maaßen. Der Exchef des Bundesamtes für Verbrecherschutz ist von der Südthüringer Union als Bundestagskandidat aufgestellt worden. Die suchte einen Nachfolger für den schwerkriminellen Abgeordneten Mark Hauptmann und wollte sich nicht verschlechtern.

Der Herrgott findet, dass man das respektieren sollte. Also der Thüringer CDU-Generalsekretär Christian Herrgott. Maaßen habe sich von der AfD distanziert. Konspirativ? Oder im Rahmen einer Sonnwendfeier in Themar, im Kreise der NSU-Kameraden und ihrer V-Mann-Führer? Bei der man anschließend ein Flüchtlingsheim niederbrennt und im Feuerschein mit der eigenen Tante poppt? Sie sind nämlich gesellig, die rechten Herren hier im Kloßbundesland, und sehr bodenständig. Die hiesige Junge Union nennt übrigens ihren Podcast »Bratwurst und Politik«. Echt. »Ruhm und Ehre« war schon vergeben.

In Weimar haben am 1. Mai etwa 1.000 angereiste Verwirrte und Nazis versucht, das Amtsgericht zu stürmen. Sonst dürfen Coronademonstranten in der Titularstadt der Weimarer Republik tun, was sie wollen, dieses Mal aber haben die Sicherheitsorgane die Demo aufgelöst. Stundenlang. Polizisten rangelten mit szenebekannten Stiernacken, und die aufgelösten Demotouristen tanzten Polonaisen und sangen »Ein bisschen SARS muss sein«. Vier Mitglieder der Jungen Union stellten sich todesmutig den Wahnsinnigen entgegen – auf dem Theaterplatz, kilometerweit entfernt vom Ort des Geschehens.

Dort sammelten die Gegendemonstranten am Ende säckeweise weiße Rosen ein, die der braune Spuk vor dem Amtsgericht hinterlassen hatte. An diesem Gebäude sind drei Gedenktafeln angebracht. Zwei erinnern an namentlich genannte Opfer »des stalinistischen Terrors« und des »Volksaufstands vom 17. Juni 1953«. Eine erwähnt namenlos und pauschal »ermordete Widerstandskämpfer, Deserteure und Opfer der NS-Sonderjustiz«.

Das hat aber alles nix mit nix zu tun, und die CSU hat für Ende Juni einen Nürnberger Parteitag auf dem »Reichsparteitagsgelände« angekündigt. Immerhin nicht direkt auf dem Zeppelinfeld, wo früher Nation und Volk Parteipartys feierten und gegen die Führertribüne brunzten. Sondern nebenan im Max-Morlock-Stadion, in dem der 1. FC Nürnberg zuverlässig Rekorde im Absteigen aufstellt. Mögen die Geister der ruhmreichen Altmeister über sie kommen und ihnen süßen Senf auf die Bratwürste seichen.

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