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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Fremde Stimmen

Musikalischer Alptraum: Das neue Album des Experimentalmusikers Visionist
Von Alexander Kasbohm
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Wie klingt das Gras?

Wenn man eine musikalische Landkarte erstellt, dort den Punkt für »Easy Listening« markiert und dann sein Geodreieck anlegt, eine Linie zum Mittelpunkt der Karte zeichnet und diese Linie bis dorthin verlängert, wo die Karte aufhört – dann landet man ziemlich genau in dem Bereich, in dem die Musik von Visionist aka Louis Carnell angesiedelt ist. Sein erstes Album »Safe« war 2015 die – gelungene – Vertonung einer Panikattacke. Verstörende Geräusche, abgehackte Sounds, trügerische Besserung, der sofort wieder der Boden entzogen wird, ständige Unsicherheit bis zur Erlösung im Luxus des Schlafes. Auch sein zweites Album »The Fold« handelte von Angst – diesmal gepaart mit Wut und dem Gefühl des Verrats. Auch in Hinblick auf das Leben in der Tonträgerverkaufsbranche.

»A Call to Arms« ist da vergleichsweise freundlich. Immer noch verstörend und mit den Abgründen beschäftigt, aber stabiler, vielleicht auch etwas versöhnlicher. Erstmalig arbeitet der zwanghafte Perfektionist Carnell mit diversen anderen Musikern zusammen, öffnet sich für deren Einflüsse. Auf »Allowed to Dream« arbeitet er Sounds des japanischen Experimentalmusikers K. K. Null in einen musikalischen Alptraum ein, der langsam lichter wird und gen Ende vielleicht sogar erhellende Momente mit sich bringt. Dem Track »Lie Digging« liegt ein Drumloop von Morgan Simpson (Black Midi) zugrunde, und Ben Vince steuert Saxophon zu »Winter Sun« bei. Die wesentliche Veränderung im Vergleich zu den vorhergehenden Alben ist die Nutzung von Gesang, von Texten, um den Inhalt zu transportieren. Fremde Stimmen, wie die von Ben Romans-Hopcraft, Haley Fohr (Circuit Des Yeux) und Lisa E. Harris, aber auch seine eigene Stimme, was vielleicht das stärkste Indiz für die Öffnung oder auch die gewachsene Sicherheit des Künstlers ist. Zudem bringt der Gesang auch ein menschliches Element in die Musik, das zuvor nicht da war. Bislang war der Mensch nur als »das Bedrohte« vorhanden, das von äußeren, anonymen Kräfte zermalmt zu werden drohte. Auch auf dem neuen Album gibt es kaum Komfortzonen, aber das »Ich« ist hier nicht mehr nur Spielball, es hat eine eigene Stimme, die sich trotzig gegen die Bedrohung auflehnt.

All das macht »A Call to Arms« keinesfalls zu einem leicht hörbaren Wohlfühlalbum. Aber neben der düsteren Soundzerhäckselung existiert hier so was wie Hoffnung. Hoffnung ist auch immer mit dem Vertrauen auf äußere Einflüsse verbunden, die sich der eigenen Kontrolle entziehen. Mit der Hoffnung kommt vereinzelt auch so etwas wie Wärme in die Kompositionen Carnells. Und durch den Kontrast wirkt zugleich die unmenschliche Eiseskälte an anderen Stellen um so stärker. »A Call to Arms« ist ein über weite Strecken gutes und interessantes Album. Manchmal zerfasert es zu sehr, bzw. es fehlt an innerem Zusammenhang, an einer zwingenden »Mission«. Für Louis Carnell vermutlich auch ein kathartisches, persönlich wichtiges Album. Aber – und vielleicht bin ich hier auch nur der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort – die Frage, wer der richtige Hörer, was die richtige Zeit und was der richtige Ort ist, um diese Platte tatsächlich zu hören, stellt sich schon. Kunst darf gerne auch hässlich und störend sein – hässlich ist diese Platte keineswegs, dafür aber immens störend –, aber der Moment der Transzendenz mag sich nicht so recht einstellen. Die großen Momente der Plattenmitte, »Nearly God«, »A Born New« und »The Fold« stehen als große Einzeltracks da, die keine adäquate Resonanz anderswo auf »A Call to Arms« finden. Und so bleibt es ein Album, das man zwar schätzen kann und schätzen sollte, aber – zumindest in seiner Gänze – kaum hören wird. Aber großes Potential ist auf jeden Fall da.

Visionist: »A Call to Arms« (Mute/PIAS/Goodtogo)

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