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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 5 / Inland
Bildung in Coronazeiten

»Schlechter Witz«

Koalition beschließt kleines »Aufholpaket« für Heranwachsende zur Bewältigung von Pandemiefolgen
Von Ralf Wurzbacher
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Aufwendig darstellen, was nicht ist: Familienministerin Giffey verkündet am Donnerstag in Berlin das Aktionsprogramm

Zwei Milliarden Euro für 14 Millionen Kinder und Jugendliche, neun Milliarden Euro für die Lufthansa. In der Pandemie zeigt sich besser denn je, was der Bundesregierung wirklich wichtig und wertig ist. Mit dem am Mittwoch vom Kabinett verabschiedeten Aktionsprogramm »Aufholen nach Corona« belegt sie einmal mehr: Die junge Generation kommt bei ihr weiter nur billig weg. In dankenswerter Klarheit hat Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW), die Verhältnisse geradegerückt. Im Endeffekt würden »weniger als 150 Euro pro Kind in die Hand genommen«, monierte er schon im Vorfeld des Beschlusses in einer Stellungnahme. Damit sei das Projekt nichts anderes als die »Fortsetzung des leeren Versprechens ›Schulen und Kitas zuerst‹«.

Ähnlich deutlich wurde Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, in einer Mitteilung vom Mittwoch. Über Monate habe es die große Koalition verpasst, Heranwachsende angemessen zu berücksichtigen, und »ohne die geringste Beteiligung der Betroffenen selbst hechelt sie nun den eigenen Versäumnissen hinterher«. Sein Fazit: »Das Aufholpaket ist Schönfärberei mit Regierungsstempel.« Zuvor hatten Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und die Chefin des Bildungsressorts, Anja Karliczek (CDU), ihre Vorhaben gegenüber der Presse erläutert. Eine Milliarde Euro stellt der Bund demnach für Fördermaßnahmen zum Abbau pandemiebedingter Lernrückstände in den Kernfächern – Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen – zur Verfügung. Die andere Hälfte des Geldes soll auf die drei Bereiche: »frühkindliche Bildung«, »Ferienfreizeiten und außerschulische Angebote« sowie Unterstützungsmaßnahmen im Rahmen von Freiwilligendiensten und Schulsozialarbeit aufgeteilt werden.

Man investiere in »das Wertvollste und das Wichtigste, was wir haben: in unsere Kinder und Jugendlichen, in unsere Zukunft«, trug Giffey besonders dick auf. »Ich hatte schon vor Wochen ein solches Programm insbesondere zur Beseitigung von Lernrückständen angeregt, und wir haben seitdem mit den Ländern darüber verhandelt«, ergänzte Karliczek. Zur Wahrheit gehört, dass die Bildungsministerin die Hilfen eigentlich erst im Herbst auflegen und auch nur eine Milliarde Euro dafür aufbringen wollte. Auf Druck der SPD wurde die Summe schließlich verdoppelt. Für Krüger vom DKHW ist das Paket dennoch »eher ein schlechter Witz«, auch weil 50 Prozent der Mittel »unter Einbeziehung kommerzieller Nachhilfeeinrichtungen für die Kompensation der Versäumnisse der Schulen« eingesetzt werden sollten. Von entscheidender Bedeutung seien langfristige und nachhaltige Investitionen zur »Stärkung des Bildungswesens und der Jugendhilfe«, erklärte er. Dabei verwies Krüger auf »dramatische Berichte« von Ärzten, Psychiatern und Therapeuten, wonach »Ängste, Vereinsamung, Unsicherheiten und Depressionen« unter jungen Menschen deutlich zugenommen hätten. »Mit warmen Worten und einem halbherzigen Programm« sei diesen nicht geholfen.

Mild fiel das Urteil der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus. Der Ansatz gehe »in die richtige Richtung«, äußerte sich die Verbandsvorsitzende Marlis Tepe. Nun sei es wichtig, »dass die Reibungsverluste, die wir in der Umsetzung des Digitalpaktes gesehen haben, vermieden werden«. Nicht so diplomatisch zeigte sich der konservative Deutsche Lehrerverband (DL): »Ohne eine massive Aufstockung dieser Mittel durch zusätzliche Länderprogramme in mindestens gleicher, am besten aber dreifacher Höhe werden die Fördermaßnahmen nicht wirklich greifen können«, beschied Verbandschef Heinz-Peter Meidinger gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Donnerstag. Tatsächlich ist noch völlig offen, ob und in welchem Umfang die 16 Bundesländer das Programm ergänzen.

»Es ist gut, dass das Paket kommt, aber es kommt reichlich spät«, nahm die Präsidentin des Sozialverbands VDK, Verena Bentele, am Mittwoch Stellung. Um eine »Generation Corona« zu verhindern, müsse die Politik aber mehr bieten, etwa Unterstützung zum Nachholen von Schulabschlüssen und dafür, dass Jugendliche einen »Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag in der Tasche haben und ihnen der Start ins Berufsleben gelingen kann«. Zur Einordnung der Regierungsvorhaben: Die GEW fordert seit sechs Jahren, die Schulsozialarbeit durch Schaffung 62.000 neuer Stellen zu Kosten von jährlich 3,6 Milliarden Euro auszubauen. Aktuell sind bundesweit 10.000 Schulsozialarbeiter tätig, und der Posten im »Aufholpaket« für »Freiwilligendienstleistende und Schulsozialarbeiter« ist mit 220 Millionen Euro veranschlagt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 6. Mai 2021 um 20:47 Uhr)
    Partikelfilternde Umluftgeräte und transparente Trennscheiben zwischen benachbarten SchülerInnen mit einem Durchsatz von (mindestens) dem Sechsfachen des Raumvolumens ermöglichen einen Präsenzunterricht. Oder hätten ihn ermöglicht. Kosten für det Janze (alle Klassenzimmer in Deutschland): eine bis 1,5 Milliarden Euro. Aber soviel ist den Herrschenden ihr zukünftiges Personal nicht wert. Weitere Info: Webinar über Schutzkonzepte für Schulen von Prof. Kähler, 17.12.2020, https://www.youtube.com/watch?v=DzkhRs5LG0I (50 min) oder https://www.youtube.com/watch?v=BPitSeLEYR4 (16 min).