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Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 15 / Antifa
Türkische Faschisten in der BRD

»Graue Wölfe« im Fokus

Neue Studie über türkische Faschisten mit blinden Flecken zu Geheimdiensten
Von Nick Brauns
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Der »Wolfsgruß« ist das Erkennungszeichen der türkischen Faschisten der »Grauen Wölfe« (Symbolbild)

Im November vergangenen Jahres stimmte der Bundestag einem Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen zu, in dem die Bekämpfung der sogenannten Ülkücü-Bewegung gefordert wurde. Auch ein Verbot von Vereinen dieser, besser als »Graue Wölfe« bekannten, türkisch-faschistischen Bewegung sollte geprüft werden. Nun hat das American Jewish Committee (AJC) in Berlin die Untersuchung »Türkischer Rechtsextremismus in Deutschland – Die Grauen Wölfe« vorgelegt.

Ziel der am 27. April durch den Grünen-Politiker Cem Özdemir in Berlin vorgestellten Studie ist es, eine breitere gesellschaftliche Debatte anzustoßen und die Sicherheitsbehörden zum Handeln aufzurufen. »Denn trotz der offensichtlichen Gefahr sind größere Repressionsmaßnahmen gegen die Grauen Wölfe bis heute bedauerlicherweise weitgehend ausgeblieben«, beklagte der Direktor des AJC Berlin, Rembko Leemhuis, bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse. Der Autor der Studie, der Politik- und Erziehungswissenschaftler Kemal Bozay, legte als langjähriger Kenner der Materie einen knappen, aber fundierten Überblick über Geschichte, Ideologie, Symbolik und Struktur der Grauen Wölfe vor.

Je mehr es diesen gelungen sei, ihren Nationalismus mit der Religion zu verzahnen, desto mehr Spielraum haben sie für ihre Politik gewonnen, schreibt Bozay. Auch viele Anhänger der islamistischen Regierungspartei AKP des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die mit der faschistischen MHP eine Allianz eingegangen ist, teilen die Ideologie der »Grauen Wölfe«. In der BRD stellten diese mit geschätzt 18.500 Mitgliedern eine der stärksten faschistischen Bewegungen da. Die Anhänger sind in drei Dachverbänden in sogenannten Idealistenheimen und Moscheevereinen, aber auch in Rockerklubs organisiert oder über soziale Netzwerke und eine Musikszene verbunden.

Die offenbare Attraktivität der »Grauen Wölfe« für türkischstämmige Jugendliche in Deutschland begründet Bozay mit einer Dynamik aus »Selbstethnisierung und Selbstisolierung«. Diese habe ihre Ursachen sowohl in »Marginalisierung und Ausgrenzung« durch die Aufnahmegesellschaft als auch in der von den türkischen Rechten für ihre politischen Ziele genutzten Übertragung von ethnisch-religiösen Konflikten aus der Türkei.

Leider fällt Bozay hinter die in seinen früheren Veröffentlichungen gewonnenen Erkenntnisse zurück, wenn er über die Verbindungen der »Grauen Wölfe« zu deutschen und türkischen Geheimdiensten schweigt. Erwähnung findet zwar ein Treffen des 1988 verstorbenen früheren bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß mit dem MHP-Führer Alparslan Türkes im März 1978, bei dem Strauß ein »günstiges psychologische Klima« für die »Grauen Wölfe« in Deutschland zusagte. Dagegen unerwähnt bleibt, dass der Verfassungsschutz den türkischen Faschisten als Gegengewicht zu linken Strömungen innerhalb der Arbeitsmigration bei der anschließenden Etablierung der Türkischen Föderation als Auslandsverband der MHP logistisch unter die Arme griff. Auch die von der Bundesregierung im vergangenen Jahr auf Anfrage der Bundestagsfraktion von Die Linke eingestandenen Verbindungen der »Grauen Wölfe« zum türkischen Geheimdienst MIT sind ein blinder Fleck in der Studie – obwohl gerade hier die Gründe für die besondere Gefährlichkeit der Faschisten für Erdogan-Kritiker, geflohene Oppositionelle sowie generell Kurden und Aleviten in Deutschland zu suchen ist.

So war der am 5. Januar 1980 in Berlin-Kreuzberg ermordete Gewerkschafter Celalettin Kesim nicht etwa, wie es in der Studie heißt, bei einer Messerattacke von »Grauen Wölfen« auf eine linke Gruppe »zwischen die Fronten geraten«. Es handelte sich vielmehr, wie Zeugen des Angriffs bestätigten, um einen gezielten Anschlag auf Kesim als bekanntem Vertreter der Kommunistischen Partei der Türkei in Berlin. Auch der Dreifachmord an Sakine Cansiz, Mitbegründerin der in der BRD verbotenen kurdischen Arbeiterpatei PKK, und ihren Genossinnen 2013 in Paris wurde von einem Agenten des MIT begangen. Der war wiederum zuvor im Milieu der »Grauen Wölfe« in Bayern angeworben worden. Solche Auslassungen in der ansonsten informativen Studie sind wohl der Rücksichtnahme auf die politische Ausrichtung des zionistisch, transatlantisch und antikommunistisch orientierten AJC geschuldet.

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