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Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Geschichte

Kaiser der Revolution

Vor 200 Jahren starb Napoleon Bonaparte
Von Gerhard Feldbauer
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Der beste Boss, den Deutschland je hatte: Napoleon Bonaparte

Keine Gerechtigkeit für Napoleon: Wie der Fernsehsender Arte erst kürzlich bewies, wird die historische Rolle des am heutigen Mittwoch vor 200 Jahren verstorbenen französischen Kaisers Napoleon Bonaparte nur noch selten richtig eingeschätzt. Seine herausragende Bedeutung in der Epoche des Übergangs vom Feudalismus zur Herrschaft der Bourgeoisie gerät aus dem Blick.

Mit der Großen Französischen Revolution (1789–1794) kam in Paris die Bourgeoisie an die Macht. Frankreich wurde zum Zentrum des politischen Weltgeschehens, von dem die entscheidenden Impulse für den gesellschaftlichen Fortschritt in Europa ausgingen. Unter Bonaparte trat die Bourgeoisie an, ihre Vorherrschaft auf dem Kontinent durchzusetzen – ein völlig natürlicher Prozess.

Vor allem in Italien und Deutschland leitete Napoleon tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen ein. Er brachte den »Code civil« in die eroberten Länder, ein allen damals vorhandenen weit überlegenes Gesetzbuch, das im Prinzip die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz anerkannte. Das deutsche Königreich Westfalen wurde dank der Franzosen zu einer Art liberalem Musterland. Der 1803 verabschiedete Reichsdeputationshauptschluss löste zudem 200 Kleinstaaten auf und beseitigte damit die schlimmsten Auswüchse der politischen Zersplitterung. Napoleon war für das Bürgertum zunächst vor allem »der Repräsentant der Revolution, der Verkünder ihrer Grundsätze, der Zerstörer der alten Feudalgesellschaft« (Friedrich Engels).

Der Russlandfeldzug 1812 leitete die Wende ein. Dort verteidigte das Volk mit der nationalen Unabhängigkeit gleichzeitig die reaktionäre Zarenherrschaft. Die Niederlage der »Großen Armee« bedeutet das Ende der französischen Hegemonie in Europa ein. Der Wiener Kongress markierte schließlich den Sieg der feudalen Reaktion über das bürgerliche Frankreich. Während Napoleons »Herrschaft der Hundert Tage« im Frühjahr 1815 mussten die europäischen Könige und Fürsten noch einmal zittern. Doch er wurde bei Waterloo geschlagen, weil die französische Bourgeoisie konterrevolutionär geworden war und den Kaiser hatte fallen lassen.

Großen Geistern dieser Zeit hätte es besser gefallen, wenn Napoleon gesiegt, die europäischen Feudalregime gestürzt und an ihrer Stelle die Bourgeoisie an die Macht gebracht hätte, wenn auch unter französischer Vorherrschaft. Heinrich Heine hielt fest: Bei Waterloo siegte »die schlechte Sache des verjährten Vorrechts«. Napoleon vertrat – trotz aller Einschränkungen – die »Sache der Revolution. Es war die Menschheit, welche zu Waterloo die Schlacht verloren«. Seine »Grenadiere« widmete Heine dem Schicksal Bonapartes. Goethe sprach von der Ablösung der bürgerlichen Vorherrschaft Napoleons durch die feudale Vormacht des Zaren. Er sah in dem Franzosen einen »außerordentlichen Menschen«, sprach von der »Größe des Helden«, einem »Halbgott«. Menschen aus dem Volk äußerten erschrocken, »der Adel hat gewonnen«.

Der bürgerliche Historiker Golo Mann schrieb später vom »Lehrgang des Napoleonischen Zeitalters«, eines ersten konzentrierten Lehrganges dessen, »was im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts oft gelernt und repetiert werden musste«. Die »neuen Ideen« hielt er nicht für erschöpft. »Sie waren nun da und mächtig und blieben mächtig.«

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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