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Aus: Ausgabe vom 05.05.2021, Seite 2 / Inland
Minderjährige Geflüchtete

»Insgesamt gibt es riesige Wissenslücken«

Tausende minderjährige Geflüchtete in BRD vermisst. Bundeskriminalamt tappt im dunkeln. Zentrale Erfassung gefordert. Ein Gespräch mit Uwe Kamp
Interview: Gitta Düperthal
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Tausende unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind nach ihrer Ankunft in der BRD in den vergangenen Jahren vermisst gemeldet worden

Laut Rechercheverbund »Lost in Europe« wurden in der BRD zwischen 2018 und 2020 mehr als 7.800 unbegleitete minderjährige Geflüchtete unter anderem aus Afghanistan, Marokko und Algerien als vermisst gemeldet. Von 724 fehle bis heute jede Spur. Wie kann es dazu überhaupt kommen?

Wir müssen feststellen, dass das Bundeskriminalamt, BKA, weitgehend im dunklen tappt, was die Vermisstenzahlen dieser Kinder und Jugendlichen angeht. Aus Kinderschutzgründen ist das ein Skandal. Das BKA erfasst weder die Gründe des Vermisstseins noch Erledigungsgründe. Solche Wissenslücken öffnen kriminellen Netzwerken natürlich Tür und Tor. Kinder, die unbegleitet nach Deutschland kommen, machen sich oft auf die Suche nach Angehörigen. 2015/2016 kamen viele ohne Ausweispapiere. Bei den Behörden gab es Probleme bei der Schreibweise der Namen, möglicherweise Doppelregistrierungen. Viele wurden bei ihrer Einreise gar nicht erfasst. Insgesamt gibt es also riesige Wissenslücken. Deshalb müssen wir davon ausgehen, dass es eine große Zahl von Kindern gibt, deren Leib und Leben hier gefährdet ist.

Was widerfährt geflüchteten Kindern und Jugendlichen, wenn sie in ausbeuterische Situationen geraten?

Bereits seit Anfang 2016 warnte die europäische Polizeibehörde Europol, dass Kinder von kriminellen Netzwerken abgefangen worden sein, durch Arbeitssklaverei oder Prostitution ausgebeutet werden könnten. Das deckt sich mit Erkenntnissen deutscher Beratungsstellen. Die erklärten, sie könnten etwa auch als Drogenkuriere missbraucht werden, zumal Kinder unter 14 Jahren nicht strafmündig sind. Es gab Hinweise, dass sich Zugehörige krimineller Netzwerke im Umfeld von Unterkünften aufhalten, wo diese untergebracht waren; und Druck ausübten, damit die Kinder die Betreuungseinrichtungen verlassen.

Wie kann das Deutsche Kinderhilfswerk helfen?

Wir unterstützen Organisationen wie den Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, der versucht Ansprechpartner für diese Kinder zu sein, die hierzulande ganz allein auf sich gestellt sind. Sonst könnten sowohl einzelne Kriminelle als auch Netzwerke ein leichtes Spiel haben, die Schutzbedürftigkeit dieser Kinder auszunutzen.

Sind die Behörden zu kritisieren, weil sie häufig untätig bleiben?

Die Suche nach diesen Kindern gestaltet sich schwieriger als die nach hier geborenen Kindern, die in soziale Netzwerke eingebettet waren. Die Behörden sind aber in der Verantwortung, sich um die Sicherheit dieser Kinder kümmern. Dafür braucht es beispielsweise eine noch bessere Zusammenarbeit von Jugendhilfeträgern mit der Kriminalpolizei.

Jugendliche und Kinder verstecken sich oft ganz bewusst nach ihrem Ankommen in Deutschland, eben um sich in der Illegalität vor einer Abschiebung zurück in ihr Herkunftsland zu schützen.

Natürlich tauchen sie genau wie erwachsene Geflüchtete unter, wenn sie im Asylverfahren merken, dass sie keinen gesicherten Aufenthaltsstatus erlangen können. Auch das ist möglich, somit wird es schwieriger, sie aufzufinden. Aber das ist nicht der Regelfall.

Wie ist dieser Widerspruch politisch zu lösen?

Je unsicherer die Lage der Kinder ist, desto größer die Gefahr, dass sie verschwinden und Opfer von Kriminellen werden. Das ist das Fazit internationaler Studien. Eine gesicherte Aufenthaltsperspektive ist deshalb ebenso wichtig, wie genügend Hilfenetze einzurichten. Das Deutsche Kinderhilfswerk drängt seit langem darauf, dass der Familiennachzug zum Schutz der Kinder funktionieren muss.

Wir fordern zudem ein zentrales europäisches Erfassungssystem zum Schutz von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen – unter Beachtung datenschutzrechtlicher Regelungen. Dieses könnte bei der europäischen Polizeibehörde Europol in Den Haag angesiedelt sein, und zwar in enger Zusammenarbeit mit der EU-Beauftragten für Kinderrechte. Denkbar wäre auch ein EU-Sonderbeauftragter für vermisste Flüchtlingskinder. Von der Bundesregierung erwarten wir, dass sie sich mit Nachdruck für eine europäische Lösung einsetzt.

Uwe Kamp ist Sprecher des Deutschen Kinderhilfswerks und Politikwissenschaftler, u. a. mit Schwerpunkt Migrationspolitik

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