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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 16 / Sport
USA

Warten auf Mr. Irrelevant

American Football: Wie die NFL aus der Nachwuchsauswahl ein Showevent macht
Von Marvin Matthäus
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Erwartbar erste Wahl: Trevor Lawrence von den Clemson Tigers wird bei den Jacksonville Jaguars in der NFL spielen

»Mit dem ersten Pick des NFL-Draft 2021 haben die Jacksonville Jaguars Trevor Lawrence, Quarterback der Clemson University ausgewählt«, verkündete Commissioner Roger Goodell in der Nacht von Donnerstag zu Freitag deutscher Zeit in Cleveland, Ohio.

Der diesjährige Draft (die Auswahl der besten Nachwuchsspieler) der National Football League (NFL), der größten »Sportliga« der USA, fand in diesem Jahr vom 29. April bis zum 1. Mai in Cleveland, Ohio statt. Anders als in europäischen Sportligen entscheidet nicht das Budget eines Vereins – die Teams in der NFL sind ohnehin keine Vereine, sondern Unternehmen – oder die eigene Nachwuchsarbeit darüber, wer die besten Nachwuchsspieler erhält, sondern ein zentrales Auswahlverfahren. So darf das schlechteste Team aus der abgelaufenen Saison beim Draft zuerst auswählen, der Sieger des Superbowls erst als letztes. Neben dem Salary-Cap (der Gehaltsobergrenze, die für alle Teams gilt) soll dieses Auswahlverfahren dafür sorgen, dass alle Teams prinzipiell die Möglichkeit haben, vorne mitzuspielen. Wer hier sozialdemokratische oder gar sozialistische Tendenzen ausgerechnet in der schwer durchkapitalisierten US-Unterhaltungsindustrie wittert, liegt freilich falsch. Diese Egalität hat bloß ein Ziel: Ein möglichst attraktives Produkt zu schaffen, um möglichst viel Gewinn zu erzielen; auch im europäischen Fußball weiß man, dass ein Spiel von Union Berlin gegen Arminia Bielefeld während der Saison nicht das gleiche Publikumsinteresse (Einschaltquoten) mit sich bringt wie ein vermeintliches Topspiel zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig. In der NFL dienen die Monate zwischen dem Superbowl und dem Draft-Ende explizit dazu, auch jenen Teams mediale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, über die innerhalb der Saison wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit kaum berichtet wird.

Erst im Jahr 1980 erkannte die NFL das Vermarktungspotential des NFL-Drafts, nachdem der damalige Commissioner Pete Rozelle sich kurze Zeit zuvor noch sicher war, dass sich die Veranstaltung niemand im Fernsehen anschauen würde. Ein Irrtum, wie mehrere Millionen Zuschauer bewiesen. Durch die TV-Übertragung entwickelte sich der Draft nicht nur vor den heimischen Empfangsgeräten zu einem Zuschauerspektakel, sondern auch am Ort des Geschehens selbst. So waren beim NFL-Draft 2019 in Nashville circa 600.000 Fans vor Ort, bisheriger Rekord. Beim diesjährigen Draft durften 50.000 Fans teilnehmen, sofern sie nachweisen konnten, dass sie vollständig geimpft waren. Da der NFL-Draft 2020 pandemiebedingt nur online stattfinden konnte, kam es zu einem TV-Zuschauerrekord: Über 50 Millionen Menschen sahen zu; auch in Deutschland hatte die erste Runde des Drafts hohe Zuschauerzahlen, obwohl sie um zwei Uhr nachts begann.

Bereits im Vorfeld des diesjährigen Auswahlmarathons war so gut wie klar, dass Trevor Lawrence als erster Spieler ausgewählt werden würde. Lawrence war drei Jahre am Stück Stammspieler der Clemson Tigers, der Universitätsmannschaft der Clemson University, mit der er Auszeichnungen und Titel gewann. Lawrence hat seit der Highschool in sieben Jahren als Stammspieler kein Saisonspiel verloren. Daher waren sich alle Experten einig, dass er von den Jacksonville Jaguars gedraftet werden würde. Die Jaguars ließen vor dem Draft auch keinen Zweifel an ihrem Ziel und ließen Lawrence, wie US-Medien einschlägig berichten, bereits vor dem Draft ihr Playbook mit den einstudierten Spielzügen zukommen.

Auch der weitere Draft verlief weitestgehend ohne Überraschungen. Die New York Jets sorgten allerdings für eine Kuriosität: Sie wählten zweimal einen Spieler namens Michael Carter. Dabei handelt es sich nicht etwa um dieselbe Personen, sondern um einen Running Back der North Carolina Tar Heels und um einen Defense Back der Duke Blue Devils. Besonders viel Aufmerksamkeit fällt immer dem Draftpick Nummer 225, dem letzten ausgewählten Spieler zu. Der als Mr. Irrelevant bezeichnete Spieler ist in diesem Jahr Tae Crowder, ehemaliger Line­backer der Georgia Bulldogs.

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