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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Union Busting

Buchriese unter Beschuss

Bundesweiter Protest gegen Tarifflucht und Filialausgliederung bei Thalia. Aktionen für Betriebsrat in Berlin
Von Julian Städing
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Thalia lässt die Beschäftigten im Regen stehen

Der milliardenschweren Thalia-Gruppe reicht der Titel als umsatzstärkster Sortimentbuchhandel im deutschsprachigen Raum offenbar nicht mehr. Seit Anfang des Jahres buhlt das in Deutschland und Österreich fast 350 Filialen umfassende Buchhandelsunternehmen nämlich auch kräftig um eine Pole Position im Bereich Union Busting – also der systematischen Bekämpfung von Gewerkschaften und Betriebsräten.

Mit allerhand nebulösem GmbH-Getrickse gliederte der Branchenprimus zwölf seiner 13 Berliner Filialen im Januar an die Thalia Buchhandlung Nord GmbH Co. KG aus und konnte so nicht nur die seit Jahr und Tag geltende Tarifbindung loswerden, sondern sich auch auf besonders dreiste Art und Weise des langjährigen Betriebsratsvorsitzenden für den Bereich Berlin-Brandenburg, Thomas Sielemann, entledigen. Die unter diesen Umständen formal »zufällig« Sielemann zugeordnete Filiale, jene in den Spandau-Arcaden, ging im Gegenzug anscheinend willkürlich an einen Franchise-Unternehmer. Wohlgemerkt als einzige der 13 Niederlassungen in der Hauptstadt. Weil Sielemann, seit nunmehr 27 Jahren im Betriebsrat tätig und seit fast 30 Jahren bei Thalia beschäftigt, dem Betriebsübergang nicht zustimmte, flatterte ihm die betriebsbedingte Kündigung ins Haus. In einer ersten Klage gegen die Zuordnung zur abgespaltenen Filiale bekam Sielemann noch Recht und wurde der alten GmbH wieder zugeordnet – da diese aber nach der ­ohne Vorankündigung durchgedrückten GmbH-Rochade keine Filialen mehr hatte, wurde der verdiente Mitarbeiter eben doch kurzerhand vor die Tür gesetzt.

»Die demokratische Grundhaltung wurde hier bis ins Letzte zerschlagen. Zu allem Überfluss hat man in infamer Weise die Coronapandemie ausgenutzt und die in dieser Ausnahmesituation verunsicherten Mitarbeitenden vor vollendete Tatsachen gestellt«, erklärte Sielemann vergangene Woche auf jW-Nachfrage. Der 57jährige klagt vor dem Arbeitsgericht Berlin gegen seinen alten Betrieb, ein erster Termin fand in den Morgenstunden des 3. Mai statt, zwei Wochen später soll der zweite folgen.

Der überregionalen Unterstützung kann sich Sielemann dabei sicher sein. Innerhalb kürzester Zeit haben mehr als 3.600 Menschen eine Petition zur sofortigen Rücknahme seiner Kündigung unterschrieben. Auch Verdi Berlin-Brandenburg unterstützt den bundesweiten Protest: »Thomas Sielemann hat als langjähriger Vorsitzender der Tarifkommission Einzelhandel ein besonderes Standing. Er gehört zu unseren verdienten ehrenamtlichen Funktionsträgern. Gegen den Umgang mit ihm wird es sehr entschiedenen Widerstand geben«, sagte Conny Weißbach, Verdi-Landesfachbereichsleiterin Einzelhandel, am vergangenen Freitag gegenüber jW.

Weißbach fürchtet außerdem, dass die Arbeitsbedingungen bei Thalia nun »schleichend erodieren« könnten: »In einer unsicheren Coronalage wurde erst das Kurzarbeitergeld aufgestockt, um die Angestellten ein­zuseifen. Dann aber beginnt sukzessive ein gefährliches Spiel, das mit Tarifflucht anfängt und am Ende darin endet, dass die demokratische Mitbestimmung abgeschafft wird«, so Weißbach weiter. Die Pandemie dürfe nicht als Trittbrett genutzt werden.

Auch Sielemann weist darauf hin, dass Corona für Thalia gelegen kommt: »Streik ist das einzige Mittel, um in eine Tarifrunde zu kommen. Aber wenn sich nur 20 Leute treffen können, kommt da schwer Stimmung auf.« Es gebe zudem Ängste bei manchen Kolleginnen und Kollegen, bisweilen fehle ein Streikbewusstsein – »das alles ist der Geschäftsführung natürlich klar«, so der Betriebsrat.

Ein Vertrauensverhältnis zwischen betroffenen Beschäftigten und der Firmenleitung bestehe aufgrund der Gemengelage aktuell kaum. Mit dem Abschluss eines Anerkennungstarifvertrags auf die Flächentarifverträge des Einzelhandels könne dieses wieder aufgebaut werden. Dies fordern die Unterzeichner der Petition neben der Rücknahme der Kündigung von Thomas Sielemann in einem zweiten Schritt.

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