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Berufskalender

Von Helmut Höge
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Eine Freundin schrieb mir, sie hätte in der 20. KW einige Tage frei. Ich schrieb zurück: »Was heißt KW?« – »Kalenderwoche! Kennst du das nicht?« Wann die 20. Kalenderwoche sei, mochte ich sie danach gar nicht mehr fragen, ich ­googelte. Im »Karpfenkalender«, in dem es um tote Karpfen in den Händen von lebendigen Mädchen in nassen T-Shirts geht, fehlte ausgerechnet der Monat mit der 20. KW. Aber im »Feuerwehrfrauenkalender« wurde ich fündig. In diesem Kalender findet man pro Monat eine oder mehrere halbnackte Feuerwehrfrauen (»zum Feueranfachen«) zusammen mit allerhand modernen Geräten, die man heute zum »Feuerlöschen« so braucht.

Ich war da auf ein ebenso seltsames wie expandierendes Marktsegment bei den »Terminplanern« gestoßen. Man kennt ja vor allem den berühmten Pirelli-Kalender – sozusagen den Vater aller Pin-up-Kalender. Dessen Herausgeber, der italienische Reifenkonzern (an dem neuerdings der russische Ölkonzern Rosneft beteiligt ist), will ihn nun, nach 57 Jahren, einstellen, nachdem die Fotografen immer teurer und die Mädchen vor dem Auslöser immer berühmter geworden sind.

Nun gibt es aber auch, statt eines Gummikonzernkalenders, einen von mehr oder weniger günstigen Fotografen und mit gänzlich unbekannten Mädchen fotografierten »Werkstattkalender«, den sich vermutlich Arbeiter und Handwerker in ihren Spind hängen sollen. Ebenso einen »Baumaschinenkalender«, in dem zarte Mädchen alljährlich auf möglichst massigen Baggern posieren. Ferner Tattoo­kalender mit nackten tätowierten Mädchen. Und »Boxenluderkalender«, in dem sogenannte Grid Girls posieren: überraschenderweise alle züchtig bekleidet mit einem Regenschirm in der Hand, auch die Hintergründe ihrer Wirkungsstätte (Rennstrecken) sind bewusst unscharf gehalten.

Auch Kalender mit kackenden Katzen, kackenden Hunden, fickenden Tieren sollen hier kurz erwähnt werden, ebenso zu erlegende Tieren, die man auf zahlreichen Jagdkalendern findet.

Erwähnt werden muss selbstverständlich der »Bauernkalender«, der sich sehr großer Beliebtheit erfreut. Es gibt deutsche, österreichische und schweizerische Bauernkalender, auch »Jungbauernkalender« genannt, die von den jeweiligen Verbänden herausgegeben werden – seit Mitte des 19. Jahrhunderts bereits. Man findet darin heute meist leichtbekleidete Jungbäuerinnen in Ställen oder Gärten, umgeben von Nutztieren und Traktoren. Sie füttern Tiere, drücken ein Huhn an ihr Herz, oder sie zeigen, ja, auch das, auf dem Heuboden liegend, Männern ihre Brüste. Kalender mit Jungbauern, die mit freiem Oberkörper posieren, gibt es freilich auch.

In dem mir vom Verlag überlassenen »Jungbäuerinnenkalender« will über die Hälfte der abgelichteten Rural-Models Bäuerin werden bzw. den Hof der Eltern übernehmen, lernt bzw. studiert Landwirtschaft oder Fachverwandtes. Nun haben die Landmädchen, die im Sommer in der elterlichen oder verwandtschaftlichen Wirtschaft mithelfen müssen, dies anscheinend schon seit langem leichtbekleidet getan: »Wenn ich schon nicht an den Badesee fahren kann, dann will ich mich wenigstens bei der Arbeit ausziehen.« Seinem »Nachruf auf die Kleinbauern« (sie stellen nur noch zwei Prozent der Bevölkerung) hat der österreichische Sozialforscher Bernhard Kathan deswegen den Titel »Strick, Badeanzug, Besamungssets« (2006) gegeben. Den Badeanzug trug eine seiner Informantinnen immer zur Erntezeit auf dem Feld.

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